Journal, 11.9. – Hamburg

In meiner Erinnerung ist Hamburg eher klein. Man kommt mit S-Bahn, U-Bahn und Bus überall hin, aber eher so wie in Düsseldorf. Viertelstunde und das war’s. Als ich am Wochenende mal wieder dort bin, ist Hamburg so ungewohnt groß. Der Bahnhof ist überfüllt, überall stehen Menschen mit Koffern im Weg. Zügig zum nächsten Bahnsteig zu kommen ist unmöglich. Ständig muss ich Menschen umfahren, die auf Anzeigentafeln starren, sich hilflos umschauen oder sich begrüßen. Auf dem Weg zur unterirdisch gelegenenen S-Bahn werde ich zweimal um Kleingeld gebeten. Die S-Bahn ist überraschend leer, dafür stinkt es unangenehm nach ungewaschenen Körpern. Am Zielbahnhof laufe ich an biertrinkenden Menschen vorbei, einige Meter vom Eingang entfernt uriniert ein Mann in die Hecke. Natürlich regnet es.

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Als ich das Hotel für mein Abenddate verlasse, regnet es immer noch. Ich freue mich kurz, an Regenjacke und Schirm gedacht zu haben, ärgere mich aber zugleich, dass ich die Temperaturen wieder einmal unterschätzt und das Unterhemd vergessen habe. Es ist hier einfach immer noch viel kälter. Ich laufe an Menschen in Übergangsjacken vorbei und überlege kurz mir auch noch eine zuzulegen. Oder wenigstens Gummistiefel. Der Abend im Café Paris bei Wein und Tartar macht das wieder wett.

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Im holzvertäfelten Frühstücksraum ist noch nicht viel los. Zwei Ehepaare sitzen da, das eine will am Abend zu den Rolling Stones, das andere scheint Cruise-Days-Publikum zu sein. „Das letzte Mal hat die Kirche um 0 Uhr geläutet und dann wieder um 6“, sinniert die Frau, so dass alle es hören. Als ein weiterer Mann den Raum betritt und sich in ihre Nähe setzt, wiederholt sie den Satz noch zweimal. Ich habe in der Nacht kein einziges Läuten gehört.

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Den Samstagmittag verbringe ich in der Einkaufsstraße in Altona. An den vergangenen Wochenenden habe ich immer am Kartoffelstand einen Mittagssnack gegessen, da ist es diesmal aber voll, so dass ich zu Falafel und Salat greife. Menschen eilen an mir vorbei, Shoppen und Wochenendbesorgungen. Der Schreibwarenladen ist gut besucht, weil Eltern dort mit ihren Kindern Schulbesorgungen machen. Auf dem Weg zurück laufe ich noch über den Wochenmarkt.

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Wir folgen uns schon länger bei Twitter, sind über Facebook befreundet, aber getroffen haben wir uns noch nie. Sie hatte bei beruflichen Terminen in Düsseldorf schon ein paar Mal gefragt, ob ich Zeit hätte. Und da sich kurzfristig ein freier Abend ergab, fragte diesmal ich. Am Abend sitze ich im Bus nach Eimsbüttel. Ich überlege, ob ich wenigstens twittern soll, dass ich mich auf dem Weg zu einem Blinddate befinde, damit ich im Notfall gerettet werden kann. Aber verwerfe den Gedanken aber wieder: Es werden Kinder anwesend sein, sie hat einen seriösen Job, es ist Eimsbüttel. Wir essen Kürbissuppe, trinken Wein, spielen „Wer war’s?“ und haben einen schönen Abend. Als ich ins Taxi steige, hat der Regen längst aufgehört. Vielleicht könnte ich daraus etwas Regelmäßiges machen: Ich treffe all meine Twitter-Follower.

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Es ist kurz nach neun, der Himmel ist blau und ich laufe zum Medienbüro. Seit gestern weiß ich, warum in der Schillerstraße ein Polizeicontainer steht. Nicht, weil das hier eine Brennpunktgegend ist, sondern weil dort der wichtigste Politiker der Stadt residiert. Downing Street in klein, quasi. Mein Rollkoffer weckt die beiden Männer in ihren Schlafsäcken auf, ich entschuldige mich für den Lärm und wünsche einen „Guten Morgen“. Sie fragen nach der Uhrzeit und packen ihre Sachen schnell zusammen.

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Am Bahnhof ist es wieder sehr voll. Diesmal sind die Profis hier, Pendler, die wissen, wohin sie müssen, nur vereinzelt stehen Touristen orientierungslos herum. Ich kaufe Zeitung, Essen und eine Flasche Wasser und gehe zu Gleis 8. Ich werde zweimal um Kleingeld gebeten. Der Zug steht bereits da, ohne Wagen 11, in dem das Bordrestaurant gewesen wäre. Die Reservierungen werden nicht angezeigt wegen eine technischen Störung. Ich setze mich auf meinen Platz, stöpsele die Kopfhörer ein und schließe die Augen. Die Bahn fährt los. „Es ist ein stinknormaler Sonntag in Deutschland, zwei Männer unterhalten sich.“

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