Warum ich am Sonntag (mal wieder) strategisch wähle

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Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich jetzt in einem langen Aufsatz dazu auffordere, am Sonntag zur Wahl zu gehen. Ob auf Instagram, Snapchat, Facebook, Twitter oder in Blogs – überall gibt es persönliche oder organisierte Initiativen für eine höhere Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl am Sonntag. Das ist toll – hey, politisches Engagement! – , auch wenn ich nicht unbedingt glaube, dass das etwas bringt. Denn ist es sinnvoll einfach nur irgendwelche Stimmen zu mobilisieren, um dann wieder vier Jahre rumzumäkeln, dass eh alles scheiße ist und Politiker blöd? Viel wichtiger wäre echtes und langfristiges politisches Interesse und Engagement.

In dieser Woche hat mich ein Text sehr berührt. Nicht nur weil ich mir vorgestellt habe, wie sich Anna fühlen muss, hin und her gerissen zwischen Familie und ihrem eigenen Leben, zwischen Vorurteilen und Realität. Der Text hat mich auch deshalb berührt, weil er das Dilemma dieser Bundestagswahl perfekt auf den Punkt bringt. Grob zusammengefasst: Die Eltern der jungen Journalistin wählen nicht mehr, weil sie meinen, dass ihre Interessen von keiner der Parteien vertreten werden. Sie haben früh Kinder bekommen, sind in Hartz IV gerutscht, Anna erzählt, wie sie dieses Stigma im Schulleben begleitete und gleichzeitig motivierte, ein anderes Leben leben zu wollen.

Ich verstehe nun ein bisschen besser, warum es immer mehr Menschen gibt, die Protest wählen – in Form von AfD oder anderen politischen, aber auch unpolitischen Parteien: Es gibt eine immer größer werdende Zahl an Menschen, die sich auf welche Weise auch immer nicht mehr vom politischen System, ihren Parteien und Köpfen abgeholt fühlt. Die Jungen, die beim TV-Duell die für sie wichtigen Zukunftsthemen vermissten, diejenigen, die befürchten, ihre Arbeit an Flüchtlinge zu verlieren, und andere, die befürchten, in der neuen digitalisierten Welt nicht mehr mitspielen zu können. Und da sind beispielsweise auch Annas Eltern, die nicht mehr auf den Sozialstaat vertrauen. Alle eint: Die Angst vor dem Ungewissen. 

Die eine setzt auch ein fröhliches „Weiter so“, der andere tut so, als ob der Sozialstaat einfach nur immer weiter aufgebläht werden könne, die Grünen wehen berechtigt mit der Klimafahne, aber vergessen, dass sich in unsicheren Zeiten meist jeder selbst am nächsten ist. Die Linke will alle über einen Kamm scheren und die FDP hat zwar die beste Kampagne in diesem Wahlkampf hingelegt, aber ob sie auch in der Langstrecke wirklich mit Themen jenseits der bewährten Klientelpolitik abliefern kann, steht noch in den Sternen.

Warum sollte ich diesen Menschen vertrauen? Menschen, die nicht meine Sprache sprechen. Die in den vergangenen Jahren das politische System geformt haben, Entscheidungen vorangebracht oder mitgetragen haben. Menschen, die nicht wissen, wie es ist, aus dem System Hartz IV nicht mehr herauszukommen (Ich weiß es ja nicht.). 

Und so passiert es wieder: Noch gehöre ich zu den Menschen, die zur Wahl gehen, ja sogar ganz klassisch am Sonntagmorgen mit Spaziergang zum Wahllokal. Weil ich an die Demokratie glaube und am Ende auch davon profitiere. Und ich werde auch diesmal nicht aus Überzeugung, sondern strategisch wählen. Damit andere Mehrheiten zustande kommen und wir irgendwann dann doch mal die Zukunft angehen. Unsere Kinder haben sie verdient. 

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