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Das Eva-Dings. Plädoyer für mehr Einsicht.

06.09.06 | leben | 15 Kommentare

So. Setzen wir uns doch mal im Kreis hin und reden mal ernsthaft über Eva und ihr Prinzip. Ich finde das, was sie sagt, ja nur so halbverkehrt. In der Analyse gebe ich Frau Herman nämlich durchaus recht. Niedrige Geburtenquoten in höheren Einkommensschichten, soziale Verwahrlosung – das alles findet ja tatsächlich statt.

Und ich glaube auch, meinen zu dürfen, dass sich in der Tat viele Frauen vollkommen von ihrer Doppelrolle überfordert fühlen. In einer Welt männlicher Rituale sollen Sie Karriere machen, ohne stutenbissig zu wirken und zu Hause sollen sie zurück in ihre Frauenrolle finden und den Haushalt schmeißen, ohne bei alledem die Kinder zu vernachlässigen.

Die Emanzipation in ihrer jetzigen Phase ist kein Erfolgsmodell.

Aber.

Da gibt es nun eine Weggabelung. Frau Herman plädiert für den geordneten Rückzug. Was hunderte von Jahren gut gegangen ist, kann ja nicht falsch sein. Meint sie. Es ist der alte Adenauer-Konservatismus “Keine Experimente”. Sie ist ein Schisser, der zurück ins warme Nest will.

Soll sie doch. Ich glaube, sie liegt mit ihren Konsequenzen aus der durchaus richtigen Zustandsbeschreibung falsch.

Ich glaube, das Gegenteil ist richtig. Die Fortschreibung der Emanzipation hin zu einer wirklichen Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und mal Hand aufs Herz. Hier glaubt doch wirklich niemand, dass die auch nur annähernd existiert?

Frauen werden diskriminiert, wo Männer einst allein regierten. Und Männern widerfährt Diskriminierung, wo sie in klassische Frauenrollen einsteigen.

Was hält denn die Abteilung von einem Chef, der sich eine einjährige Baby-Pause gönnt? Wie finden wir dass denn, wenn ein junger Mann sich im Kindergarten um unseren Nachwuchs kümmert? Sind wirklich alle Flugbegleiter schwul? Und steht der “Hausmann” nicht einfach nur unter dem Pantoffel seiner Frau? Die Liste ist beliebig verlängerbar. Kurzum: Es wird Männern nicht einfach gemacht, den Frauen ihre historisch gewachsenen Pflichten abzunehmen.

Das aber wäre nötig, um eine wirkliche Gleichberechtigung herzustellen. Kein Mensch kann alles gleichzeitig unter einen Hut bringen. Das ganze Leben ist Substitution. Wenn Frauen mit allen Konsequenzen Karriere machen wollen, dann bedarf es Zweierlei: Dann brauchen wir Männer, die ihnen Aufgaben abnehmen. Und wir brauchen eine Gesellschaft, die Frauen zulässt.

Denn auch dass wollen wir doch mal nicht unter den Teppich kehren. Junge Frauen könnten Kinder kriegen und haben damit ein hohes Ausfallrisiko, sind also nur zweite Wahl bei der Besetzung von Jobs. Mittelalte Frauen ohne Kinder hören die biologische Uhr schon ticken, Gefahr Schwangerschaft. Mittelalte Frauen mit Kindern haben Kinder, die krank werden können. Ständige Ausfälle. Also nur zweite Wahl.

Und wenn sie es doch geschafft haben, finden sie sich in einer Welt männlicher Rituale wieder. Männer kommunizieren anders, die bestimmen ihre Postition anders, die tragen Konflikte anders aus. Sie nehmen einen anderen, einen pavianöseren Weg nach oben, wo Frauen eher leise pragmatisch agieren würden.
Frauen, die sich dieser Männlichkeit zu entziehen versuchen, bleiben auf dem Weg nach oben zwangsweise hängen. Wer an der Macht partizipieren will, muss ihre Rituale kennen, verstehen und anwenden. Frauen, die sich dem anpasse, landen schnell in der Stuten-Schublade, gelten als tendenziell hysterisch und im Zweifelsfall auch als Karriere-Frauen.

Und das ist ja nun wirklich eine ganz schlimme Vokabel, die gern mit einer zweiten solchen, der Rabenmutter nämlich, einhergeht. Und hier zeigt sich das Dilemma. Männer, die Karriere machen, sind Männer. Den Begriff Rabenvater hört man eher selten.

Solange sich eine Frau vor Kolleginnen und Kollegen rechtfertigen muss, dass sie ihr Kind noch vor Vollendung des dritten Lebensjahres in eine Betreuung gibt (und das ist ja gleich noch ein ganz eigenes Thema), ist die Gesellschaft nicht soweit, wie sie eigentlich sein sollte.

Und das ist die eigentliche Herausforderung. So wenig, wie Menschen sich durch eine Hautfarbe qualifizieren, so wenig qualifizieren sie sich durch ein Geschlecht. Wer allen gleiche Chancen einräumen will, muss die soziale Infrastruktur dafür schaffen. Inwieweit Menschen ihre Potenziale ausschöpfen, sich entwickeln und beweisen können, ist vielmehr von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängig.

Die zu verändern, weiter in Richtung tatsächlicher Gleichberechtigung zu treiben, könnte die andere Konsequenz aus der korrekten Zustandsbeschreibung sein. Ich halte die Diskussion darüber für wichtig. In Wahrheit aber verschließt man die Augen vor dieser Notwendigkeit, in dem man Eva Herman einfach nur als dummes Sumpfhuhn abtut.


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