Buzzard möchte mehr Perspektivenvielfalt im Journalismus

„Die Demokratie ist in Gefahr“ – was für ein Satz. Der scharfe Ton lässt sich erklären: Er stammt von dem journalistischen Start-up „Buzzard“, dass, wenn alles gut geht, im Frühjahr 2020 an den Start gehen soll. Ziel: Ein Medium, das schnell und übersichtlich einen Überblick über die unterschiedlichsten Perspektiven auf ein Thema rüberbringen soll.
Journalistische Start-ups haben es nicht so leicht, an Geld zu kommen, denn auch das Geld verdienen ist im Netz bekanntlich nicht ganz so einfach. Deshalb hat Buzzard einen anderen Weg gewählt, um ihre journalistische Tätigkeit und ihr Produkt zu finanzieren: ein Crowdfunding. Warum und wozu die Welt „Buzzard“ braucht – diese und ein weitere Fragen hat mir Moritz Fehrle aus dem Redaktionsteam beantwortet.

Warum braucht die Welt Buzzard?

Der Diskurs in Deutschland wird immer radikaler. Die Gesellschaft ist in Lager gespalten, die Auseinandersetzung ist polarisiert und die Stimmung im Netz ist vergiftet. Das hat auch mit dem Medienkonsum zu tun. Menschen schotten sich ab, viele konsumieren Medien, die ihre Weltsicht bestärken. Algorithmen tun ihr Übriges. Wir stellen dem ein Online-Medium mit einem ganz neuen Konzept entgegen: ein Mal pro Tag liefern wir Meinungen zu den Nachrichten und Debatten des Tages. Gesammelt aus der ganzen Medienlandschaft: von Blogs, alternativen Medien und etablierten
Medienhäusern. Von links bis rechts, von liberal bis ökologisch, verlinkt, zusammengefasst, journalistisch eingeordnet – und mit Hintergrundinfos zu den Originalautoren Natürlich gibt es dabei Grenzen: Extremismus, egal von welcher politischen Seite, bringt kein Gespräch voran und hat bei Buzzard nichts verloren.
Wir haben eine Redaktion, die diese Medienperspektiven einordnet, Hintergrundinformationen recherchiert und Leseempfehlungen gibt. Durch Buzzard kommen Nutzer*innen im Alltag wieder öfter mit anderen Meinungen in Berührung, können sich frei und unabhängig eine Meinung bilden und finden spannende Reportagen, Videobeiträge und Interviews in der täglichen Informationsflut.
Wir haben das Projekt gestartet mit der Hoffnung, dass wir dazu beitragen können, dass Leute sich differenzierter auseinandersetzen. Denn ich muss die Haltung meines Gegenübers nicht gut oder richtig finden, aber wenn ich mich mit seiner Weltsicht und seinen Argumenten auseinandersetze, kann ich ihm viel reflektierter und offener entgegentreten. Unser Ziel ist es, dass man sich konstruktiv mit Andersdenkenden austauscht, anstatt sie zum Schweigen bringen zu wollen und dass man es sich angewöhnt, Verständnis zu entwickeln – auch für Positionen abseits der eigenen Blase. Wir wollen damit Radikalisierung bekämpfen und Demokratie stärken.

Aus welchem Grund sammelt ihr Geld für euer Projekt per Crowdfunding?
Weil wir nur so unsere Vision eines unabhängigen, partizipativen und werbefreien Journalismus umsetzen können. Wenn Journalismus durch Werbeeinnahmen finanziert wird, zählen Klickzahlen oftmals mehr als die Qualität der Inhalte. Wir wollen weder bei Medienhypes mitmachen, noch Click-Baiting betreiben. Deshalb setzen wir auf werbefreien und mitgliederfinanzierten Journalismus. Und wir wollen eng mit unseren Unterstützer*innen zusammen arbeiten. Buzzard Unterstützer*innen sind für fünf Euro im Monat Gründungsmitglieder. Sie können nicht nur alle Inhalte lesen, sondern auch mitbestimmen über Themensetzung und Perspektivenwahl, Auswahlkriterien und Recherchen. Wenn wir es schaffen, innerhalb eines Monats 4500 Unterstützer*innen unserer Vision zu sammeln, dann wird Buzzard im nächsten Jahr an den Start gehen.


Habt ihr versucht, auch auf anderen Wegen an Geld zu kommen?

Unsere erste Version von Buzzard, die bis Ende August lief, wurde neben unseren Abonnent*innen zusätzlich durch Kooperationen und Preisgelder finanziert. Sie war aber auch darüber hinaus von ehrenamtlichem Engagement unserer Redakteur*innen getragen. Auf Dauer ist das natürlich keine Lösung. Hochqualitative Recherchen sind Arbeit und kosten Geld. Außerdem können wir unserer Vision nur gerecht werden, wenn wir wirklich viele Menschen erreichen. Auch dafür brauchen wir Budget. Gemeinsam mit 4500 Gründungsmitgliedern können wird das bereitstellen und ermöglichen, dass Buzzard als neue Medienplattform 2020 richtig gut arbeiten kann.

Weshalb muss es eine App sein, hätte man das nicht auch mit einer smarten Webseite lösen können?

Buzzard wir sowohl als App als auch als Website gelauncht. Je nach Bedarf können Nutzer*innen Buzzard entweder auf Handy oder auf Desktop nutzen. Die App ist wichtig, weil das fürs Handy einfach deutlich angenehmer ist als eine mobil optimierte Seite. Und das ist uns sehr wichtig: Dass Buzzard so designt ist, dass man es wirklich gerne und viel im Alltag nutzen kann. Auch wer nur ganz wenig Zeit hat, kann unser Angebot schnell auf dem Weg zur Arbeit in der Bahn checken. Einmal am Tag den differenzierten Überblick über die Welt der Medienperspektiven haben. Noch bequemer kommt man nicht aus der eigenen Medienblase.

Einerseits prangert ihr den immer schlechter werdenden Diskurs an, andererseits soll die Buzzard-App erst im Frühjahr an den Start gehen. Braucht es nicht jetzt schon ein Angebot?

Klar. Es ist wichtig, dass es Buzzard gibt. Je früher, desto besser. Aber unter den aktuellen Umständen können wir erst ab Frühjahr 2020. Wir brauchen Budget, um eine Tagesredaktion zu bezahlen, wir brauchen Gelder für Design und Entwicklung und wir brauchen eine große Community an Gleichgesinnten, mit denen wir den Grundstein legen für eine neue, unparteiische, partizipative Medienplattform – für die es bisher weltweit kein Vorläufer gibt. Deshalb müssen wir erst die Crowdfunding-Kampagne erfolgreich machen, bevor wir an den Start gehen können. Nach Erfolg der Kampagne geht die Arbeit dann richtig los.

Der Übergang von einer wöchentlich kuratierten Debattenübersicht zu einem Tagesjournalismus zu schaffen, wird sicherlich nicht einfach und wir wollen topvorbereitet an den Start gehen. Voraussichtlich ist das vor März leider nicht zu schaffen. Auch wir würden am liebsten gleich nach dem Crowdfunding loslegen, müssen uns aber in Geduld üben.

Wie wollt ihr eure Unterstützer bis Frühjahr bei der Stange halten?

Die Jahresabos der Mitglieder starten erst, wenn die App online ist. Unsere Gründungsmitglieder „verlieren“ also keine Zeit. Sie bezahlen nur die Monate, für die sie auch Inhalte bekommen und alle bekommen das volle Jahr Buzzard, wenn die Kampagne erfolgreich war. Das ist unser Versprechen. In der Zeit bis zum Frühjahr bekommen unsere Mitglieder regelmäßige Updates, wie wir
die Neuausrichtung gestalten, wie der Umbau läuft. Mitglieder sind Teil dieses Wandels, sie bekommen Einblicke hinter die Kulissen, können eigene Ideen mit einfließen lassen und uns kritisch begleiten.

Zum CrowdfundingHintergrund beim Deutschlandfunk

Finanzblog-Awards, Finanz-Heldinnen-Podcast und ein paar Gedanken zum Daimler-Blog

Vergangene Woche kündigte Daimler an, sein Unternehmensblog zu schließen und in einem Magazin aufgehen zu lassen und seitdem wird spekuliert, ob die Zeit der klassischen Blogs oder gar der Corporate Blogs nun vorbei sei. Gleichzeitig verleiht die comdirect in dieser Woche bereits zum neunten Mal die Finanzblogawards. 72 Blogs haben meine Jurykollegen und ich uns in diesem Jahr angeschaut – seit 2017 bin ich dort Juryvorsitzende – und wieder einmal bin ich überzeugt, dass Blogs trotz des stetig wiederkehrenden Abgesangs ihre Daseinsberechtigung haben und nichts an Faszination verloren haben. Gerade in den vergangenen Jahren hat sich in der „Finanzblogszene“ sehr viel getan. Die Themenvielfalt wurde breiter, die Inhalte professioneller und es ist schön anzusehen, dass sich auch die so genannten „alten Hasen“ wie beispielsweise der Finanzrocker weiterentwickeln. Wer in diese Welt eintauchen möchte, dem empfehle ich einen Blick in die Shortlist.

Und natürlich habe ich mich im Zuge dessen auch mit der Frage beschäftigt, was für mich eigentlich ein gutes (Finanz-) Blog ausmacht. Diese fünf Punkte sind für mich elementar:

Erstens: Ein gutes Oberthema, das ich sofort verstehe und ein ansprechender Name. Ein Kopf hinter dem Blog, der auch sichtbar wird.
Zweitens: Gute Inhalte – ja ich sage das so neutral, weil Inhalte natürlich Texte, Videos, Fotos, Grafiken oder eine Kombination aus all dem sein können. Inhalte, die mir einen Mehrwert bieten. Was ich darunter verstehe: Ich möchte etwas lernen, ich möchte inspiriert werden, ich möchte unterhalten werden, ich möchte, dass der Inhalt ein Problem löst.
Drittens: Eine einfache, verständliche Sprache ohne Fach-Geschwurbel und Wichtigtuerei.
Viertens: Eine ansprechende Gestaltung, responsiv versteht sich!
Fünftens: Eine Community oder zumindest – gerade bei jungen Projekten: der Wille zur Community. Für mich sind Blogs Kommunikationsplattformen und auch wenn sich die Kommunikation auf andere Netzwerke verlagert – man hat ja dennoch jede Menge Möglichkeiten, Verbindungen herzustellen. In den guten Blogs sind die Diskussionen, die sich unter einem Inhalt entspannen, ebenso wertvoll wie der Inhalt selbst.
Sechstens: HERZ!

Wer übrigens eine Langversion davon haben möchte: Ich war diese Woche auch im Finanz-Heldinnen-Podcast „Schwungmasse“ und habe mit Kathrin Jürgens genau darüber gesprochen!

Zum Schluss noch ein Satz zum Thema Corporate Blogs: Sie sind ein gutes Kommunikationsinstrument, aber es gibt eben auch viele andere gute Wege mit Zielgruppen ins Gespräch zu kommen und sie kommunikativ und im besten Fall auch darüber hinaus zu binden. Finde deinen Weg. Und wenn du dabei Hilfe brauchst, melde dich bei mir.

(Dieser Text erschien in abgewandelter Form in meinem wöchentlichen Newsletter, den du hier abonnieren kannst.)

Keine Mauern, bitte

Seit der Thüringen-Wahl mir ein Tweet nicht mehr aus dem Kopf: „Ihr erinnert Euch an die Diskussion um die No Go-Areas. Thüringen ist seit heute so ein Ort.“ Der Tweet wurde am Sonntagabend als Reaktion auf das Wahlergebnis geschrieben. 31 Prozent der Thüringer wählten die Linke, 23,4 Prozent AfD, 21,8 Prozent CDU, 8,2 Prozent SPD, 5,2 Prozent Grün und 5 Prozent FDP. Und natürlich ist es krass, dass die AfD knapp ein Viertel der Stimmen erhalten hat. Doch liegt die Lösung in der Abgrenzung, im Nicht-Dialog? Da könnte man ja gleich wieder eine Mauer bauen.

Diese Verweigerungshaltung erleben wir derzeit nicht nur bei politischen Fragen. Fleischesser, Vielflieger, Mütter, die Vollzeit arbeiten oder zuhause bleiben, alte Männer, Vermietende, um nur einige zu nennen – sie alle werden zunehmend offen angefeindet, Thomas Knüwer spricht gar vom aufkeimenden Lebensstil-Terrorismus.

Und natürlich spielen die Mechanismen der Social-Media-Plattformen in dieser Entwicklung keine unerhebliche Rolle. Dadurch dass es sich viele in ihrer kuscheligen Meinungsblase gemütlich machen, sinkt die Toleranz gegenüber Andersdenkenden, die Auseinandersetzung wird zunehmend müßiger, Bestätigung ist schöner und weniger anstrengend.

Interessanterweise äußerte sich in dieser Woche auch Barack Obama zur Debattenkultur: „One danger I see among young people particularly on college campuses […] – and this is accelerated by social media – there is this sense sometimes of ‚the way of me making change is to be as judgmental as possible about other people and that’s enough. (…) You know, that’s not activism. That’s not bringing about change. If all you’re doing is casting stones, you’re probably not going to get that far.“

Eigentlich wissen wir doch, dass Steine werfen oder Mauern bauen keine guten Ideen sind.

(Dieser Text ist in abgewandelter Form bereits in meinem wöchentlichen Newsletter erschienen, den du hier abonnieren kannst.)

Morenos „Tausend Zeilen Lüge“: Was für ein Krimi

Als im vergangenen Jahr die Relotius-Bombe beim „Spiegel“ platzte, hatte ich in den nachfolgenden Wochen das Gefühl, ziemlich gut verstanden zu haben, was da in den vergangenen Jahren so schief gelaufen ist. Ein Starreporter, der in der Redaktion und vor allem im Ressort angehimmelt wurde, ein freier Reporter, der seinen guten Ruf in Gefahr sah, ein selbstverliebter Ressortleiter, der die „Enthüllung“ in eben dieser blumigen Reportersprache aufschrieb, dass es fast so wirkte, als habe er sogar noch Spaß dabei gehabt, eben diesen Text zu schreiben, der die Marke „Spiegel“ so sehr erschütterte.

Als dann irgendwann bekannt wurde, dass Juan Moreno, eben dieser freie Reporter ein Buch über die Geschehnisse des vergangenen Herbsts schreiben würde, konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen, es zu lesen. Doch aus irgendwelchen Gründen (und ein paar Tweets) verschlang ich es dann doch an meinem verlängerten Wochenende in Thüringen. Innerhalb kürzester Zeit.

Juan Moreno ist mit „Tausend Zeilen Lüge“ ein wahrer Krimi gelungen, obwohl das Ende ja bekannt ist. Aber die Art und Weise, wie Moreno die einzelnen Schritte beschreibt, wie er immer wieder auch selbstkritisch in sein Innenleben abtaucht, wie er nach und nach mehr an der Ressortleitung verzweifelt und am Ende Relotius dann doch überführt – ich habe dieses Buch zwischendurch nur beiseite gelegt, weil ich es musste.

Und wenn du zu denjenigen gehörst, die sich nicht allzu sehr für den „Spiegel“ und Fälschungen im Journalismus interessieren, kannst du dennoch ein paar Dinge aus diesem Buch mitnehmen: Denn an einer Stelle zitiert Moreno aus dem Buch „Anleitung für Fälscher“ von Linus Reichlin: „Als erstes musst du dich fragen: Was wollen die Leute? Worauf richtet sich ihre Sehnsucht? Du musst für sie ein Bild malen, auf das sie lange gewartet haben, eines, das Freudestränen in ihre Augen treibt: Mit tränenverhangenen Augen werden sie halb blind sein. Von ganzem Herzen haben sie sich gewünscht, einmal ein solches Bild zu sehen, und jetzt, da dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist, werden sie das Bild selbst gegen die eigenen Zweifel verteidigen. Sie werden wollen, dass es echt ist, und damit nehmen sie dir die Hälfte deiner Arbeit ab.“ Sollte so oder zumindest so ähnlich nicht auch Werbung funktionieren? Wenn das alles nicht so schlimm wäre – einer der größten Skandale im Journalismus mitten in Zeiten von Fake News, Lügenpresse und einer sinkenden Bedeutung von gedruckten Journalismus – könnte man meinen, dass es Relotius mit der Kundenorientierung auch einfach ein bisschen zu ernst genommen haben. Auch wenn es ihm nicht um den Leser, sondern nur um seinen Job und seine Karriere gegangen ist.

Das Buch gibt es im stationären Buchhandel oder zur Not hier bei Amazon (Affiliatelink)

(Dieser Text stammt aus meinem wöchentlichen Newsletter, den du hier abonnieren kannst.)

Mit Alexa auf der Couch

Ich habe unsere Alexa heute gefragt, ob sie Sex will. Und zwar nicht, weil ich Sex mit ihr haben wollte, sondern weil ich gelesen habe, dass Alexa darauf früher „Ich bin nicht diese Art von Assistentin“ geantwortet hat. Da das impliziere, dass es „diese Art von Assistentin“ gibt, für die Sex okay wäre, hat Amazon die Antwort verändert. Jetzt lautet die Antwort: „Dafür wurde ich nicht entwickelt“ und das musste ich natürlich überprüfen. 

Martina Mara, die Interviewte, ist Roboterpsychologin. Das klingt erst einmal so, als empfange sie wöchentlich Alexas und Siris und vielleicht auch Spot auf der Couch, um über größere und kleinere Probleme und die Instabilität der Work-Life-Balance zu sprechen. Das ist natürlich Quatsch, denn eigentlich erforscht Mara die Auswirkungen von Robotern auf den Menschen. Und wenn mit Hilfe von Robotern veraltete Rollenklischees an künftige Generationen weitergegeben werden, kann man ja zumindest mal aufhorchen. 

Mara mahnt an, wie wichtig es sei, dass Entwicklungsteams nicht nur aus weißen Männern bestehen und das auch die Daten, mit denen künstliche Intelligenz gefüttert wird, möglichst divers sind – so gibt es immer wieder Berichte, dass die Sprachassistenten ältere Frauen weniger gut verstehen können, vermutlich vor allem, weil es ihnen nicht beigebracht wurde. Mara erwähnt den „sensorgesteuerten Seifenspender, der bei Schwarzen Menschen einfach keine Seife ausspuckt, sondern ausschließlich, wenn eine weiße Hand unter den Sensor gehalten wird“.

Die Lösung? Mehr Vielfalt und ja, auch Frauen in die Entwicklung von künstlicher Intelligenz, mehr Fokus drauf, diese Geräte mit möglichst unterschiedlichen Datensätzen zu trainieren. Aber ganz richtig: So einfach ist das alles nicht. Nicht nur der Anteil der KI-Entwicklerinnen ist gering, auch die Bereitschaft von jungen Frauen steigt nicht unbedingt, sich auf die so genannten MINT-Fächer einzulassen. Und ein Blick auf den gerade veröffentlichten McKinsey-Report „Innovation in Europe“ haben wir nicht nur ein geschlechtsspezifisches Problem. 

Ich habe Alexa dann später noch gefragt, ob sie eine Frau ist. Die Antwort: „Ich sehe mich als weiblich, ich bin Frauenpower aus der Steckdose.“ Und auch wenn ich den Begriff „Frauenpower“ eigentlich nicht mag – in diesem Zusammenhang ist er dann doch ganz passend und vielleicht auch ein Anfang.

9 spannende Fakten aus der ARD/ZDF-Onlinestudie

Die neue ARD/ZDF-Onlinestudie ist da und ich habe dir neun Fakten zusammengestellt, die du bei deiner täglichen Arbeit mit deiner Zielgruppe im Internet im Hinterkopf haben solltest.

Fakt 1: 90 Prozent der Deutschen sind online und während die tägliche Nutzungsdauer bei den 14- bis 29-Jährigen nochmal um 13 Minuten gestiegen ist, ging sie bei allen Erwachsenen ab 14 Jahren um 14 Minuten zurück. Sind aber trotzdem noch 182 Minuten pro Tag.

Fakt 2: Täglich 87 Minuten Mediennutzung im Netz, das sind nochmal fünf Minuten mehr als 2018. Der Zuwachs liegt vor allem daran, dass die Frauen deutlich mehr Medien nutzen, bei den Männern ist die Minutenzahl gleich geblieben. Die Video- und Audionutzung (42, 38 Minuten) dominiert, die Textnutzung liegt bei 28 Minuten. Verschiebung im Vergleich zum Vorjahr: Audio überholt Text.

Fakt 3: Think mobile! In der Gesamtbevölkerung benutzen 95 Prozent einen Fernseher zumindest selten und 83 Prozent das Smartphone. Bei den 14- bis 29-Jährigen nutzen lediglich 87 Prozent den Fernseher und 100 Prozent das Smartphone. Und bei den 30- bis 49-Jährigen liegt das Smartphone mit 95 Prozent mit dem Fernseher gleichauf.

Fakt 4: Ich liebe Podcasts, besonders wenn ich zu meinen Kunden mit der Bahn oder dem Flugzeug durch Deutschland düse, aber so krass sind Podcasts noch nicht in der Bevölkerung angekommen. 14 Prozent hören zumindest wöchentlich Podcasts, ansonsten dominiert bei der Audionutzung die Nutzung von Youtube (29 Prozent) und Musikstreamingdiensten (28 Prozent). Bei den 14- bis 29-Jährigen liegt die Podcastnutzung bei 25 Prozent.

Fakt 5: Facebook ist das meist genutzte soziale Netzwerk, Instagram hat in der täglichen Nutzung am meisten zugelegt und wenn es darum geht, die 14- bis 29-Jährigen zu erreichen, müssen wir über Twitch und Tiktok sprechen.

Fakt 6: Die E-Mail ist tot – von wegen. E-Mail-Nutzung ist zwar rückläufig, aber immer noch ein Drittel nutzt sie.

Fakt 7: Videos auf Facebook oder Instagram mit oder ohne Ton? 60 Prozent schauen überwiegend mit Ton. Je älter der Nutzer, desto weniger wird mit Ton geschaut. Texttafeln sind also auf jeden Fall sinnvoll.

Fakt 8: Was ist beliebter: Der Amazon Fire Stick, Google Chromecast oder Apple TV? Antwort: Amazon liegt hier deutlich vorn.

Fakt 9: Dadurch dass 90 Prozent online sind und alle quasi „always on“ sind, denken die Macher der Studie mittlerweile darüber nach, ob man sich nicht eher nochmal mit dem Begriff „offline“ beschäftigen muss. Bin ich schon online, wenn ich mein Smartphone dabei habe? Was für eine schöne Frage, die ich einfach mal weitergebe.

Wie Kinder das Internet nutzen und was wir von ihnen lernen können

Kinder und Jugendliche zwischen neun und 17 Jahren sind pro Tag im Schnitt 2,4 Stunden online. Das ist das Ergebnis einer Erhebung des Leibniz-Instituts für Medienforschung, die zum Beispiel von Unicef unterstützt wurde. Die Studie beleuchtet ziemlich gut, wie junge Menschen das Netz nutzen (Smartphone), was sie dort machen (Videos anschauen, Musik hören und Schularbeiten) und welche Chancen und Risiken sie sehen, aber auch, welche Ängste Eltern haben, wenn sich ihre Kinder im Internet bewegen. Ein Blick in die Studie lohnt sich für Eltern, aber auch für diejenigen, die sich darüber Gedanken machen, junge Zielgruppen zu erreichen.

Mein Lieblingswort der Woche findet sich ebenfalls in dieser Studie: Sharenting. Gemeint ist damit die übermäßige Nutzung von Facebook und Co. durch Eltern, um Babyfotos oder Aktivitäten ihrer Kinder zu teilen. Neun Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen sagen, dass sie das im vergangenen Jahr erlebt hätten. Und sechs Prozent geben an, dass sie ihre Eltern darum gebeten haben, die Inhalte wieder zu löschen. Nicht viel, aber immerhin sollen genau diese Eltern ihren Kindern den richtigen Umgang mit Medien und digitalen Quellen vermitteln.

Passend zum Thema: Der Beitrag des Autoren Nir Eyal, der sich dafür ausspricht, bei der (Medien-) Erziehung die Bedürfnisse von Kinder zu respektieren und ihnen beizubringen, wie sie verantwortungsvoll mit ihrer Zeit umgehen. Es sei wichtig, dass sie erkennen, dass Smartphones und Co. natürlich einen großen Unterhaltungsfaktor haben, aber gleichzeitig ständig Aufmerksamkeit fordern und uns von vielen anderen wichtigen Dingen ablenken.

Ich beobachte mit großem Interesse, dass meine Söhne das iPad nicht etwa nur zum Spielen nutzen, sondern mit Hilfe von Kika- und Youtube-App die Welt entdecken – Formate wie Checker Tobi, Can und Julian oder „Das erste Mal.. USA“ und Co inhalieren sie geradezu. Gleichzeitig beobachte ich mich, wie ich viel zu häufig zum Smartphone greife, aber gleichzeitig die Nutzung meiner Kinder begrenzen möchte.

Im Umgang mit dem Internet und seinen Möglichkeiten können beide Seiten voneinander lernen. 

(Dieser Text erschien zuerst in ähnlicher Form in meinem wöchentlichen Newsletter, den du hier abonnieren kannst.)

Sagt der Wessi zum Ossi: „Wir sind ein Volk!“ Lächelt der Ossi: „Wir auch.“

„Berliner Verlag: Kaufen sich zwei Ostberliner eine Zeitung“ titelt ZEIT ONLINE in einem Artikel über den Verkauf des Berliner Verlags an ein Unternehmerpaar. „Sie gelernte Bürokauffrau, er gelernter Werkzeugmacher“ geht es weiter, obwohl ein paar Zeilen später klar wird, dass beide studiert haben, in angesehenen und international agierenden Unternehmen gearbeitet und offenbar nicht allzu unerfolgreich gegründet bzw. Geschäfte in Unternehmen geführt haben.

Und ja, vielleicht liegt es an meinem eigenen Lebenslauf, dass mich dieses Spiel mit Stereotypen und Vorurteilen so kurz vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls dann doch ein wenig traurig stimmt. Nicht erst die letzten Landtagswahlen haben gezeigt, wie tief gespalten unser Land noch immer ist, dass wir einander nicht verstehen und vielleicht auch nicht verstehen wollen.

Die „Berliner Zeitung“ hat am Mittwoch ein Interview mit seinen neuen Eigentümern geführt, dass ich dir ans Herz lege. Über das Zitat „Wir machen das nicht aus einem Mäzenatentum, sondern aus einem bürgerlichen Engagement heraus und weil unser Ehrgeiz angestachelt ist“ habe ich eine Weile nachgedacht. Ich bewundere den Mut der beiden, in diesem wirklich schwierigen Berliner Medienmarkt mitmischen zu wollen und würde mir wirklich wünschen, dass ausgerechnet ein branchenfremdes Unternehmerpaar aus dem Osten Berlins diejenigen sind, die ein Geschäftsmodell für lokalen bzw. regionalen Journalismus im digitalen Zeitalter finden.

(Dieser Text war Teil meines Newsletters, den du hier abonnieren kannst.)

Liest du noch oder guckst du schon? Die spannendsten Erkenntnisse aus den ARD/ZDF-Massenkommunikation Trends

Welche Medien nutzen die Deutschen? Wann nutzen sie welche Medien? Und was heißt das eigentlich für die Anbieter von Medien? Das wird mittlerweile jährlich in einer repräsentativen Studie mit dem Namen „Massenkommunikation Trends“ mit Hilfe von telefonischen Befragungen untersucht und netterweise auch veröffentlicht. Zehn spannende Ergebnisse.

Erstens: Sieben Stunden nutzen die Menschen in Deutschland Medieninhalte. In der Altersgruppe bis 30 sind es lediglich sechs Stunden. 3 Stunden davon gehen jeweils für Video und Audio drauf, für Texte rund 1 Stunde. Spannend an der Textnutzung und vor dem Hintergrund, dass es immer heißt, die Jungen würden nicht lesen: Die Textnutzung liegt im Vergleich zur Gesamtbevölkerung bei den 14- bis 29-Jährigen leicht höher.

Zweitens: Bei der Videonutzung dominiert in der Gesamtbevölkerung noch die klassische Nutzung, sprich: Fernsehsendungen schauen, wenn sie ausgestrahlt werden. Betrachtet man die Nutzung der 14- bis 29 Jährigen, liegen lineare Nutzung und Streamingangebote gleichauf.

Drittens: Audio-Medieninhalte werden in allen Altersgruppen noch auf dem klassischen Radio-Weg konsumiert, wobei das Hören von Musik im Internet bei den 14- bis 29-Jährigen verbreitet ist, aber noch nicht ganz an das klassische Radiohören heranragt. Spannend: Die Nutzung von Podcast spielt in allen Altersgruppen eine eher untergeordnete Rolle.

Viertens: Redaktionell erstellte Textinhalte werden pro Tag im Schnitt von jedem Zweiten konsumiert – und verändert sich kaum, wenn man nur die 14- bis 29-Jährigen betrachtet. 24 Prozent nutzen dafür Artikel und Berichte in Tageszeitungen und Zeitschriften, 20 Prozent in digitaler Form. Betrachtet man die 14- bis 29-Jährigen ist der Trend hin zum digitalen ziemlich klar: Sie Nur 5 Prozent nutzen Tageszeitungen und Zeitschriften, dafür 32 Prozent Artikel und Berichte in digitaler Form.

Fünftens: Und Bücher? 12 Prozent nutzen diese täglich. E-Books allerdings nur zwei Prozent. Mit Haptik geht also doch noch was.

Sechstens: Betrachtet man die Mediennutzung im Tagesverlauf, dann liegt die Hauptnutzungszeit in den Abendstunden, wo Video dominierend sind.

Siebtens: Audio hat seinen Peak am Morgen – zwischen 7.45 Uhr und 9.30 Uhr werden Reichweiten von rund 40 Prozent erzielt – und flacht bis 18 Uhr immer weiter ab.

Achtens: Texte werden relativ konstant über den Tag genutzt, wenn auch auf deutlich geringerem Niveau mit minimalen Peaks morgens und am Abend.

Neuntens: Welche Text-Inhalte lesen die Deutschen um 22 Uhr am liebsten? Richtig: das gute alte Buch. Ausgedruckt auf Papier.

Zehntens: Soll ich mich da immer anpassen und diese Trends noch befeuern? Diese Frage wurde mir letztens in einem Seminar gestellt. Meine Antwort: Es ist einfacher, sich an den Kunden anzupassen, als darauf zu hoffen, dass der Kunde sich anpasst. Denn er wird Gründe haben, warum er sich so verhält.

Hier der Link zur kompletten Studie.

Die Zahlungsbereitschaft für digitalen Journalismus ist mies. Die Gründe sind klar.

Warum ist es nur so schwierig, das Abomodell in die digitale Welt zu übertragen? Dieser Frage stellen sich viele Medien- und Verlagsmanager täglich und die Antworten darauf variieren vermutlich auch – je nach Tagesperformance und Gesprächspartnern. Gut, dass es mittlerweile ein paar Studien gibt, in denen untersucht wird, warum die Zahlungsbereitschaft für journalistische Inhalte eigentlich so gering ist. Aber für Netflix, Spotify und Co. wird ohne zu Zucken monatlich Geld überwiesen.

Die neueste Studie stammt von „Next Media Hamburg“ und Statista und zeigt: Die Mehrheit will nix für Journalismus bezahlen. 49 Prozent der Befragten sagen das. 19 Prozent würden maximal fünf Euro und 22 Prozent maximal 15 Euro ausgeben.

Ein weiterer spannender Aspekt: 40 Prozent würden lieber einen Artikel lesen, der von einer künstlichen Intelligenz erstellt wurde und kostenlos zur Verfügung steht als einen Text der kostenpflichtig und von einem ausgebildeten Journalisten geschrieben wurde. Oder anders herum: Es gibt immerhin eine Zahlungsbereitschaft, wenn klar gemacht wird, wer einen Text verfasst hat und dass er in einer Qualität geschrieben wurde, die nur ein Mensch abliefern kann.

Wenn das digitale Abomodell das Geschäftsmodell der Zukunft für Journalismus sein soll, dann muss sich jedes Medienunternehmen immer wieder folgende Fragen stellen: Liefern wir relevante Inhalte für unsere Kunden? Was ist eigentlich das Produkt, dass ich verkaufe? Stimmt die Verpackung und kommunizieren wir diese richtig? Und zu guter Letzt: Ist der Preis wirklich angemessen?

Es gibt nur sehr wenige Häuser, die die meisten dieser Frage mit „Ja“ beantworten können.