Das neue Normal – wie lange noch?

Gestern bei der Einschulung meines Sohnes war er wieder da, dieser Moment: Die Direktorin der Schule begrüßte die Familien der Erstklässler, freute sich alle zu sehen und entschuldigte sich dann sofort, dass wir ja nun heute auf dem Schulhof im Freien seien und nicht wie sonst in der großen Kirche mit allen Erstklässler und deren Familien. Dass die Drittklässler nicht singen würden wie sonst, sich aber auch was Schönes ausgedacht hätten. Dass es eben eine besondere Situation sei. Rechtfertigungen für Dinge, mit denen viele der Anwesenden gar nichts anfangen konnten, weil sie die alte Situation ja gar nicht kannten, aber hier sofort den Eindruck bekamen, dass das hier nur eine Notlösung, nichts richtig Besonderes sei. Meine liebe Kollegin Kerstin Hoffmann nennt das in ihrem Video gerade die Entschuldigungsfalle.

Bewusst oder unbewusst lenkte die Direktorin also die Aufmerksamkeit auf all die von ihr empfundenen Defizite, weil sie es so in den vergangenen Jahren so gemacht hatte und ungewohnt war. Für mich allerdings und ich denke für viele andere und vor allem für die Kinder war dieser Moment ein besonderer. Wir saßen auf dem Schulhof unter dicken Bäumen, die Schatten spendeten, wir erlebten einen feierlichen Moment, in dem unsere Kinder voller Stolz ihre Schultüten hielten und gemeinsam mit der Klassenlehrerin gemeinsam die Schule betraten und danach freudestrahlend verkündeten, sogar schon Hausaufgaben zu haben. Für mich passte das alles ganz wunderbar und ich fand es sogar besser als in der überfüllten Kirche zu sitzen. Die Situation hatte also sogar Vorteile!

Und das ist ja kein Einzelfall. Online-Seminare und digitale Workshops wurden in den vergangenen Monaten – oft zu unrecht – als Notlösung verkauft, obwohl sie bei guter Vorbereitung und Anpassung von Tools und Methoden einen mindestens genauso großen Nutzen haben. Eine eigentlich in Präsenz geplante Fortbildung schaffte durch die digitalen Räume eine noch viel größere Intimität und intensive Momente, die im realen Zusammentreffen gar nicht möglich gewesen wären.

Viele sprechen vom neuen Normal, aber nur in der Abgrenzung zum alten und in der Abwertung des Neuen. Dabei haben die vergangenen Monate doch gezeigt, dass wir uns sehr gut anpassen können. Und das nicht nur, wenn wir es müssen. Wenn wir ehrlich sind, gab es doch bei vielen eben diese Momente, die gezeigt haben, dass es sich auch lohnt, Veränderung zu wollen.

4 Antworten zu “Das neue Normal – wie lange noch?”

  1. Ines sagt:

    Die Entschuldigungsfalle schnappt so oft zu – der Kuchen ist sonst leckerer, der Text ausgefeilter, was auch immer. Mein Mann hat dazu eine treffende Antwort, wenn ich nach einem Kundentermin nach Hause komme und sage, dass der Kunde zufrieden war, ich aber nicht die beste Version meiner Arbeit abgeliefert habe: Die wissen nicht, wie gut Du hättest sein können. Also lass sie damit zufrieden sein, wenn sie es sind. Und wenn 70 % schon zu 100 % zufrieden machen können, ist das doch auch was!

  2. Eine solche Entschuldigung zu Beginn ein eines „Jetzt machen wir es mal ganz anders“ könnte manchmal ungünstig sein für den Verlauf des „Es“, wenn sie in der zugespitzten Form formuliert wird, die Kerstin Hofmann am Anfang ihres Videos. benutzt. Die Einordnung in die Kategorie „Falle“ mag hilfreich sein zum Abholen einzelner Führungskräfte, die sich widerständig in einem von außen erzwungenen Change-Prozess befinden, kann aber als Botschaft an die Lernwilligen selbst zur Falle werden.

    Wenn sich ein Schulverwaltungsteam plötzlich mit neuen Fragen befassen muss wie zB „was machen wir bei schlechtem Wetter am Einschulungstag?“ oder „Brauchen wir im Freien ein Mikrofon?“, dann darf dieses Team das Anders Machen Müssen zu Recht als zweite Wahl betrachten. Ich nehme jener Direktorin die ehrliche Freude ab, alle zu sehen, weil das in einem virtuellen Treffen garantiert nicht stattgefunden hätte.
    „So wie wir es am liebsten getan hätten, wäre es garantiert anders, vielleicht sogar schöner geworden, aber machen wir gemeinsam das beste draus“ würde ich durchaus in einer Begrüßungsrede aushalten, nicht als vorbildlich, aber als authentisch, gerne auch mit dem Eingeständnis „Ich mache sowas grad zum ersten Mal, also helfen Sie mir, denn es wird ganz gewiss zu Überraschungen kommen.“

    Können wir uns darauf einigen, dass die (nicht erst seit diesem Jahr lauernde) Falle beim Lernen im Erwachsenenalter darin liegt, gemeinsam begangene Fehler abzuhaken, weil wir sie nicht anschauen, reflektieren und daraus lernen zu wollen? Aus meiner Sicht schnappt die einzig fatale Falle nicht am Anfang, sondern am Ende zu, wenn alle Mitwirkenden, die für eine Weile im gleichen Boot gesessen haben, aussteigen ohne gefragt zu werden, wie sie den Ausflug fanden. Dass diese kritische Evaluation des „AndersMachen“ oft nicht stattfindet vor lauter Erleichterung, dass es dann doch geklappt hat, gehört für mich in dem Bereich des „Anders Machen“ mit hinein, wo wir durchaus experimentieren können.

    Darum, liebe Franziska Blum, hoffe ich, dass Dein Rückblick auf den Zauber jener Einschulungsfeier den Mitwirkenden nicht nur durch die Lektüre dieses Blogs zugänglich wurde. Für mich schöpft dieser Beitrag seine Kraft vor allem aus dem letzten Absatz. Die große Chance, die eine Überwindung des „Ich muss das hinkriegen, so dass es klappt“ möglicher macht denn je, ist das Geschenk der Krise, dass wir alle grad im gleichen Boot sitzen.

    Ganz ehrlich, wie Du es Dir gewünscht hast: Ich würde es noch schöner fnden, wenn da stünde:

    „..gab es doch bei vielen, die sich auf diesen Weg ins Ungewisse gemacht haben, mindestens ebensoviele beglückende wie frustrierende Momente, die gezeigt haben, dass es sich auch lohnt, Veränderung zu wollen.“

  3. […] Das neue Normal – wie lange noch?, fragt sich Franzi. […]

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