Politisches Framing: Wir brauchen neue Begriffe in der Corona-Debatte

Social Distancing, Beherbergungsverbot, Sperrstunden, Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht, Feiernde werden zu Gefährdern – das sind die Formulierungen und Begriffe, die die Nachrichten derzeit bestimmen. Gleichzeitig wird es kälter, die lauen Sommerabende, an denen wir draußen sitzen konnten und ein Gefühl von altem Leben in Gesellschaft genießen konnten, werden schwieriger. Angesichts der deutschlandweit steigenden Infektionszahlen kommen Erinnerungen ans Frühjahr hoch und Begriffe wie Lockdown rücken wieder näher.

Es ist schon eine Weile her, dass das Buch „Politisches Framing“ von Elisabeth Wehling (Affiliate-Link) erschienen ist, aber da ich mich derzeit mit der Wirkung von Sprache beschäftige, habe ich es erst jetzt gelesen und halte es für aktueller denn je. 

Framing beschreibt den Prozess der Einbettung von Themen in ein gewisses Deutungsraster. Wir nehmen Informationen wahr und selektieren und strukturieren diese, um diese besser einzuordnen. Kommunikationsprofis nutzen bestimmte „Frames“, um Probleme offen zu legen, moralisch zu bewerten oder in einer vermeintlichen Nachricht durch die Verwendung bestimmter Begriffe auch gleich eine Handlungsempfehlung mitzuliefern. Denn, so schreibt Elisabeth Wehling auch in ihrem Buch: „Sprache aktiviert und festigt Metaphern in unserem Gehirn!“

Steuern sind nicht etwa Zahlungen, um unser gesellschaftliche Leben zu ermöglichen, sondern eine „Last“, für die Vermeidung von Steuerzahlungen gibt es niedliche „Schlupflöcher“, es gibt Steuerparadiese und -oasen. Die Worte, mit denen wir das System beschreiben, das uns ermöglicht, relativ frei und unbelastet in Deutschland zu leben, machen eben dies nicht unbedingt deutlich.

Wie wir Arbeitsverhältnisse beschreiben, ist davon geprägt: Arbeitnehmer nehmen Arbeitsaufträge des Arbeitgebers entgegen und ist mindestens überarbeitenswürdig – gerade auch vor dem Hintergrund von Agilität und New Work. Arbeitende Menschen werden durch „HR“ – Human Resources – zu Objekten. Auch die Art und Weise, wie wir die Klimadebatte führen, blendet völlig aus, dass der Mensch selbst Verursacher ist – ja, das Klima wandelt sich nur ein bisschen – Ende offen. 

Ich kann die Lektüre des Buchs von Elisabeth Wehling wirklich empfehlen – Asyl, Terrorismus, Schwangerschaftsabbrüche – sie liefert viel Inspiration, genau darüber nachzudenken, welche Worte wir verwenden (sollten).

Dies wissend und zum Beginn meines Textes zurückkommend: Hältst du die oben genannten Begriffe für geeignet, Menschen davon zu überzeugen, als Gesellschaft zusammenzuhalten und eine Überlastung unseres Gesundheitssystems zu verhindern? Ich nicht.

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Twitter ist beides – Nische und große Party

„Mich macht Twitter viel zu oft wütend“, sagte Sascha Lobo in seinem Podcast „Realitätsschock“ zu Jan Böhmermann. Der wiederum sagt: „Twitter ist die wichtigste Quelle für Journalisten“ und attestiert dem Netzwerk, der Ort zu sein, an dem derzeit gesellschaftlicher Diskurs stattfindet. Auch wenn Twitter noch immer eine Nischen-Veranstaltung ist, wie auch die jüngsten Zahlen der ARD/ZDF-Onlinestudie andeuten. Oder gerade deswegen. 

Denn auch dazu liefert Böhmermann in diesem hörenswerten Podcast einen Gedanken: Gesellschaftlicher Diskurs sei schon immer eine Angelegenheit von wenigen gewesen, die sich als Multiplikatoren ausgetauscht haben. Und da würde ich ihm zustimmen. Einzig anzweifeln würde ich, dass auf Twitter ein echter Diskurs stattfindet. Zu einigen Themen sicherlich, doch es gibt auch viele, bei denen allenfalls viele Seiten ihre Meinung äußern – echten Diskurs, indem man auf den anderen hört, Argumente abwägt, ins Verhältnis stellt usw. vermisse ich häufig. 

Muss deshalb jeder auf Twitter sein? Sicherlich nicht. Aber jeder, der Teil dieses Diskurses sein möchte, der Essentielles in diese Debatten beitragen möchte, sollte auch auf Twitter sein. Deshalb ist Twitter für mich zweierlei: Nische und große Party, bei der alle durcheinander reden und auf der man sich auch einmal verloren fühlen kann. Wer jedoch kommuniziert, etwas von sich erzählt, zuhört, zum Beispiel um das Gehörte aufzugreifen, der wird bei dieser großen Sause auch Spaß haben. 

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Twitter ist natürlich noch viel mehr – Nachrichtenquelle, Meinungsmacher… Du willst mehr wissen oder eigene Twitter-Strategie entwickeln? Einfach Kontakt aufnehmen.

Instagram und Whatsapp gewinnen – zehn Erkenntnisse aus der ARD/ZDF-Onlinestudie 2020

Ein Oktober ohne die ARD/ZDF-Onlinestudie, die jedes Jahr Hinweise darauf gibt, wie die Deutschen das Internet nutzen. Die zehn wichtigsten Aspekte habe ich für dich hier zusammengefasst.

1. Alle sind online und die Alten holen weiter auf
Das Internet erreicht in den letzten Jahren stetig immer mehr ältere Menschen. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, dann wird in den nächsten Jahren die komplette Bevölkerung online sein. In diesem Jahr haben vor allem die ab 70-Jährigen aufgeholt (plus 17 Prozentpunkte!). Männer sind nur noch geringfügig häufiger online als Frauen (96 vs. 92 Prozent).

2. Noch mehr Smartphone-Nutzung
Mittlerweile geben 60 Prozent der Befragten ab 14 Jahren an, am vergangenen Tag ein Smartphone benutzt zu haben. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es fast 100 Prozent. Bei allen anderen Altersgruppen hat in 2020 die Nutzung um mindestens fünf Prozentpunkte zugelegt.

3. Das beliebteste soziale Netzwerk ist Whatsapp
Whatsapp ist und bleibt das beliebteste Netzwerk und hat seinen Vorsprung wegen dem Mehr der Nutzung der Älteren nochmal ausgebaut. In der täglichen Nutzung hat Instagram erstmals das traditionelle soziale Netzwerk Facebook überholt. Nur beim Blick auf die Nutzung innerhalb einer Woche kann Facebook (26%) seine Position vor Instagram (20%) noch behaupten – Tendenz ist aber dennoch sinkend.

4. Mehr Mediennutzung als Individualkommunikation
Was machen die Deutschen im Internet? Auch darauf versucht die ARD/ZDF-Onlinestudie eine Antwort zu liefern, bei der Auswertung bemerkt man aber stark, dass ARD und ZDF hier auch nach einer Rechtfertigung für den eigenen Auftrag suchen: So wird angegeben dass das so genannte „mediale Internet“ mehr genutzt wird als die Teilbereiche „Individualkommunikation“ oder „sonstiges Internet“. Schaut man aber genauer hin, liegen die Zuwächse vor allem an einem Mehr im Bereich „Filme/Videos bei Netflix, Maxdome, Amazon usw. gesehen“ oder „Musik bei Spotify oder YouTube gehört“. Der kleine Seitenhieb für die Verlage wird hier ebenfalls geliefert: Waren es in 2019 noch 20 Prozent, die angaben „Artikel/Berichte digital im Internet gelesen“ zu haben, waren es 2020 nur noch 17 Prozent.

5. TV-Programm wird mehr gestreamt
77 Prozent der Befragten schauen Fernsehinhalte linear – ein Rückgang zum Vorjahr um fünf Prozentpunkte, immerhin stieg aber die Nutzung von Fernsehinhalten im Internet um fünf Prozentpunkte auf 40 Prozent. 

6. Wenn Audio, dann meistens Musik
Musik-Streamingdienste werden von 35 Prozent der Befragten genutzt, Musik über Youtube von 31 Prozent. Wenn es um Podcasts geht, ist die Nutzung bei den 14- bis 29-Jährigen mit 24 Prozent am höchsten, in der Gesamtbevölkerung sind es 12 Prozent.

7. Je älter der Facebook-Nutzer, desto aktiver
Zum ersten Mal haben die Forscher abgefragt, wie Facebook eigentlich genutzt wird – eigentlich schade, denn die Nutzung ist ja in diesem Jahr erstmal deutlich zurückgegangen. Und auch die Ergebnisse zeigen, dass die Nutzung vor allem passiv ist: Es wird gelesen und geschaut, was Freunde und Bekannte machen oder was im Newsfeed angezeigt wird. Auch Kommentare lesen rangiert weit oben auf der Nutzungsliste. Noch ausgeprägter ist die passive Nutzung bei den unter 30-Jährigen. Zweite Erkenntnis: Je älter, desto aktiver. 35 Prozent der 50- bis 69-Jährigen posten mindestens gelegentlich, bei U30 gerade einmal 16 Prozent. 

8. Je jünger der Instagram-Nutzer, desto aktiver
Zum Glück haben die Forscher aber auch abgefragt, wie es mit der Instagramnutzung aussieht. Die häufigsten Tätigkeiten: Storys ansehen, den Newsfeed durchscrollen sowie Videos anschauen. Bei den unter 30-Jährigen spielen Storys eine noch größere Rolle. Erkenntnis hier: Je jünger, desto aktiver: Fast die Hälfte der jüngeren Nutzerinnen und Nutzer postet mindestens gelegentlich selbst etwas, wohingegen nur 37 Prozent der 30- bis 49- Jährigen dies tun. 

9. Das Internet wird weniger unterwegs genutzt
Hier muss man sagen: vermutlich großer Corona-Effekt, wir waren schlichtweg alle weniger unterwegs. Und was machen wir unterwegs? 45 Prozent nutzen dabei täglich Whatsapp, 16 Prozent jeweils E-Mail und Nachrichten. Unterschiede im Alter: In der Gesamtbevölkerung hören 10 Prozent Musik über Streamingdienste – bei den 14- bis 29-Jährigen sind es 40 Prozent!

10. Nutzung von Sprachassistenten stagniert
Hier gab es wenig Bewegung: 31 Prozent der Bevölkerung gibt an, Sprachassistenten schon einmal genutzt zu haben. Nur die unter 30-Jährigen nutzen diese weniger. Das am meisten genutzte Gerät für Sprachassistenz-Anwendungen bleibt das Smartphone mit 25 Prozent Nutzung, mit deutlichem Abstand gefolgt von smarten Lautsprechern (9 Prozent). 

Die komplette Studie kannst du hier selbst nachlesen.

Fünf gute Gründe für „Neue Narrative“

Heute möchte ich dir von einem wunderbaren Zeitschriftenprojekt erzählen, das aus meiner Sicht ganz viel richtig macht. Es geht um „Neue Narrative“, auf das ich bei Instagram aufmerksam geworden bin, was die irgendwie mitbekommen und mir eine Ausgabe zum Testen angeboten haben. Und das habe ich gemacht.

Checkin: „Neue Narrative“ will ein Wirtschaftsmagazin sein, das sinnorientiert, verantwortungsbewusst und selbstorganisiert ist, dreimal im Jahr erscheint und den Untertitel „Das Magazin für neues Arbeiten“ trägt. Und darum geht es auch. Und vieles hier ist anders, als in anderen Magazinen. New Work steht nicht nur im Namen, sondern ist auch Programm. 

Fünf gute Gründe, warum auch du dir „Neue Narrative“ mal genauer anschauen solltest.

1. Das Konzept: Ja, darüber sollte ich auch noch ein paar Worte verlieren, denn das Heft hat einen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Aufbau: Es startet mit einem Checkin anstatt eines Editorials und endet mit einem Checkout, das die wichtigsten Erkenntnisse noch einmal zusammenfasst, inklusive Checkout-Frage an die Lesenden und Platz für Notizen. Es werden Tools vorgestellt, die direkt angewendet werden können. Immer wieder sind Seiten eingestreut für Reflexionsfragen wie zum Beispiel „Ist dir immer bewusst, dass du dich in deinem Urteil auch irren könntest“? 

Neue Narrative ist keine normale Zeitschrift, eher ein Arbeitsbuch, das dir die Möglichkeit gibt, an dir zu arbeiten. Ein wenig erinnert mich das an Magazine wie „Flow“, „Neue Narrative“ ist viel weniger esoterisch, wirklich Business, New Business, und dennoch verständlich und relevant. 

2. Die Digital-Strategie: Einige der Inhalte, die im Heft abgedruckt sind, sind auch online verfügbar, was mir hier die Möglichkeit gibt, auf das Tool „Tretralemma„, die Kolumne „Kinski meets McKinsey“ oder den Artikel über die Theory U hinzuweisen. Das ist auch sinnvoll, erhalten Interessierte so einen Eindruck über die Inhalte. Mich haben diese Artikel sogar eher neugierig auf das Gesamtkonzept gemacht und auch als Leserin der gedruckten Ausgabe sehe ich den großen Mehrwert dieses Arbeitsbuches. Ganz besonders mag ich, dass ich mir – ganz altmodisch – überall Notizen machen kann. 

3. Die Social-Media-Strategie: Ohne Social-Media hätte ich dieses Magazin gar nicht kennengelernt. Wer dem Account bei Instagram folgt, bekommt Wissen pur und ein bisschen Selbstfindung mit guten Coachingfragen ist auch inklusive. Die perfekte Inspiration und ein guter Teaser, um neugierig auf das Hauptprodukt zu machen.

4. Die Transparenz: „Neue Narrative“ gab es auch eine Weile am Kiosk, von diesem Vertriebsmodell hat sich der Verlag aber wieder verabschiedet. Warum und was das für das Geschäftsmodell bedeutet, macht das Team sehr transparent. Auf der Aboseite steht aus meiner Sicht zwar ein bisschen zu sehr der „Purpose“ im Vordergrund, aber es wird transparent gemacht, wie viel Geld es benötigt, um auf einigermaßen wirtschaftlichen Beinen zu stehen. Das ist mindestens sympathisch.

5. Die neuen Arbeitsweisen: „Neue Narrative“ schreibt nicht nur über „neue Arbeit“, sondern lebt sie. Das aktuelle Magazin ist – wie so viele Medien – komplett im Homeoffice entstanden und obwohl bereits vorher agil gearbeitet wurde, hat die Redaktion noch etwas über sich und die Zusammenarbeit lernen können. Das macht sie auch transparent. Wie Agilität in Redaktionen angewendet werden und was das auch für die Entstehung von Texten bedeuten kann, das hat Dirk von Gehlen vor einiger Zeit bereits aufgeschrieben. Eine Produktionsweise, die für Journalisten des „alten Schlags“ auf den ersten Blick sehr ungewöhnlich erscheint. Die aber sehr erfrischend Egos dem Produkt unterordnet. 

Checkout: Ich hab ein Abo abgeschlossen.

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Zurück im Hofschulen-Modus

Sechs Wochen lang ging es gut, jetzt sind wir zurück im Hofschulen-Modus, sprich: Kind zuhause, Arbeit läuft weiter und irgendwie muss das jetzt für mindestens zwei Wochen gehen. Und yeah! Danach sind ja auch schon Herbstferien…

Am Samstagabend kam sie, die Meldung aus der Schule: Eine positiv-getestete Mitarbeiterin hatte am Freitag Kontakt zu vier Klassen, die nun für 14 Tage in Quarantäne geschickt werden. Was noch vor einem halben Jahr zu einem chaotischen Zustand führte, war jetzt super geregelt. Am Sonntag informierte die Klassenlehrerin über das Lernen auf Distanz: Lernpakete für eine Woche können am Montagnachmittag in der Schule abgeholt werden, es gibt einen Wochenplan mit jeder Menge Aufgaben, ein kleines Forschungspaket und einen festen Termin, zu dem die bearbeiteten Materialien wieder in der Schule abgegeben werden sollen.

Am Donnerstag wird das mobile Testteam bei uns vorbei kommen und dann werden wir hoffentlich schon bald wissen, ob der Virus zugeschlagen hat oder nicht.

Bis dahin heißt es also wieder einmal: jonglieren. Kann nicht sagen, dass ich das in den vergangenen Wochen vermisst habe.

Warum dein Newsletter ein Problem lösen sollte

Neulich im Seminar. Thema: Newsletter. In der Kennenlernrunde frage ich gerne nach, welche gerne gelesen werden, Lieblingsnewsletter sozusagen. Die Antworten: In Hamburg steht die Elbvertiefung immer hoch im Kurs, junge Frauen nennen hier gerne Steingarts Morning Briefing, aber auch nicht-mediale werden genannt: die Angebote eines Biokistenanbieters werden hier sehr geschätzt und auch ich erwische mich dabei, an den elektronischen Service des griechischen Lagerverkaufs in meinen Viertel zu denken: Einmal in der Woche erhalte ich dort Angebote, ein Rezept und die Erinnerung, eventuell mal wieder Grillwürste zu bestellen.

Warum? Weil uns all diese elektronischen Briefe einen Mehrwert liefern: relevante Informationen, Überraschung, Haltung, Service, Inspiration – Lösungen!

Was das auch bedeuten kann, lernte ich am Montag, als eine Teilnehmerin sagte, dass sie in diesem Zusammenhang auch den Alert-Service der Hamburger Müllabfuhr nannte. Käme immer per Mail, würde sie jedes Mal lesen und sorge in der Familie sogar für Gesprächsstoff, weil entschieden werden muss, wer diesmal die Tonne rausstellt.

Während sich viele von uns immer wieder darüber Gedanken machen, welchen Mehrwert sie Leserinnen und Lesern, Kundinnen und Kunden liefern können, welche aufwändigen Recherchen getätigt und exklusiven Informationen herangekarrt werden sollten, kann ein einfacher, voll automatisierter E-Mail-Service ausreichen.

Denn: Relevant ist nicht das, was du als relevant empfindest. Oder um es mit dem amerikanischen Autoren und Marketing-Guru Seth Godin zu sagen: „Don’t find customers for your products, find products for your customers.”

Dieser Text stammt aus meinem wöchentlichen Newsletter, in dem ich regelmäßig über Digitalisierung, Medienwandel und Social Media schreibe. Melden Sie sich hier an!

Massenkommunikationstrends 2020: Wie die Deutschen Medien nutzen

Welche Medien nutzen die Deutschen? Das ist eine der Fragen, die die Massenkommunikationstrends 2020 jedes Jahr beantworten möchte, eine Langzeitstudie von ARD und ZDF. Basis dafür sind telefonische Interviews. Und natürlich: Es ist EINE Studie von vielen, die es dazu gibt. Aber es ist eine, die seit 1964 durchgeführt wird und deshalb auch Aufschluss über langfristige Trends gibt mit vergleichbaren Daten. Was sind die spannendsten Ergebnisse in diesem durch Corona und Co. besonderem Jahr? Hier die aus meiner Sicht sieben wichtigsten Erkenntnisse.

Erstens: Jede Person ab 14 Jahren wird pro Tag mit mindestens einem medialen Inhalt erreicht – egal ob jung oder alt. Und in allen Altersgruppen gilt: Video vor Audio vor Text. Unterschiede gibt es nur in den Inhalten, Plattformen und Verbreitungswegen, sowie in der Nutzungsintensität.

Zweitens: Bei der Videonutzung gibt es eine Schere zwischen den Ü50 und U50: Während bei Ü50 immer noch die lineare Fernsehnutzung dominiert, ist es bei U50 anders: Die Bedeutung von Live-Fernsehen nimmt weiter ab. Bei den 14 bis 29-Jährigen dominieren Youtube, Streamingdienste und soziale Netzwerke. Hier manifestiert sich für die Auftraggeber der Studie: Wenn sie junge Menschen erreichen wollen, dann nicht mehr über die klassischen TV-Kanäle.

Drittens: Bei der Audionutzung dominiert in der Gesamtbevölkerung noch das Radiohören, wenn auch mit einem leichten Rückgang. Das Spannendste: Die 14- bis 29-Jährigen haben von allen Alterskohorten die größte Audionutzung pro Tag – dominierend hier: Musik über Streamingdienste, klassisches Radio und Musik über Youtube. Plus: Die Podcastnutzung ist in dieser Altersgruppe doppelt so hoch wie die der Gesamtbevölkerung.

Viertens: Die Textnutzung nimmt weiter ab – in allen Altersgruppen, aber besonders heftig wieder einmal bei den Unter-30-Jährigen. Bemerkenswert finde ich hier vor allem die verstärkte Nutzung von gedruckten Büchern. Die Studie sieht das auch als Corona-Effekt. Spannend allerdings: E-Books konnten hier nicht profitieren.

Fünftens: Obwohl die Nachrichtenseiten durch Corona Nutzungsrekorde vermeldeten, ist laut dieser Studie die Nutzung von Artikeln oder Berichten im Internet aber auch die Nutzung von gedruckten Artikeln und Berichten rückläufig. Hier scheint diese Studie keine echten Erkenntnisse zu liefern. Fakt ist aber sicherlich: Mit Texten Menschen zu erreichen, wird in den kommenden Jahren immer schwieriger werden. Looking at you, Verlagshäuser.

Sechstens: Bei der Mediennutzung im Tagesverlauf ist der Corona-Effekt ebenfalls spannend: Insgesamt wurden mehr Medien konsumiert, allerdings weniger am frühen Morgen (der fehlende Arbeitsweg). In der sogenannten Primetime ist die Videonutzung sogar nochmal gestiegen – offenbar durch den Mangel an Alternativen wie unter Leute gehen und dem Bedürfnis, sich irgendwie abzulenken.

Siebtens: Der Versuch der Öffentlich-Rechtlichen Streamingdiensten mit Mediatheken etwas entgegenzusetzen, funktioniert so mittel. Zwar etablieren sich diese einigermaßen, doch große Sprünge in der Nutzung gibt es nicht. Das könnte sicherlich auch daran liegen, dass die dort dargebotenen Inhalte vor allem für die Zielgruppe gemacht sind, die das lineare Fernsehen auch nutzt. Die Studie selbst kommt zu dem Schluss: „Dies ist ein Hinweis darauf, dass die erst in Ansätzen umgesetzte Positionierung der Mediatheken als eigenständige Angebote beschleunigt werden sollte.“

Fazit: Viele Trends der vergangenen Jahre haben sich 2020 fortgesetzt oder haben sich coronabedingt sogar verschärft. Wer weiterhin versucht, mit altbewährten Rezepten junge Menschen zu erreichen, sollte vielleicht über einen Berufswechsel nachdenken. Du musst verstehen, wie deine Zielgruppe tickt, um die perfekten Inhalte für sie bereitzustellen.

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Medienkompetenz für alle

Ich erinnere mich nicht an DEN einen Moment, aber wenn ich darüber nachdenke, warum ich mich während meines Studiums darum bemüht habe, irgendwas mit Journalismus zu machen, dann haben die Lehrenden an meiner damaligen Schule schon einen Beitrag dazu geleistet. Nachrichtenkompetenz zu vermitteln, stand da durchaus auf der Tagesordnung. Ein Lehrer gab uns FAZ-Artikel, der andere bevorzugte die SZ und fotokopierte immer wieder Artikel, die wir dann im Unterricht besprachen. In einer der höheren Klassen nahmen wir dann auch am FAZ-Projekt „Jugend schreibt“ teil und erhielten somit ein Jahr lang die FAZ-Papierberge nach Hause.

Umso mehr haben mich in den vergangenen Tagen die Ergebnisse einer Umfrage erschrocken, nach der Lehrende in bestimmten Teilen Deutschlands das Vermitteln von Nachrichtenkompetenz als nicht allzu wichtig einordnen, selbst ein verzerrtes Bild des deutschen Mediensystems haben und vor allem im Osten Deutschlands Medien kein großes Vertrauen entgegen bringen. Immerhin 19 Prozent der Lehrkräfte glauben sogar, dass Nachrichten, die eigentlich wichtig seien, verschwiegen werden und nur in sozialen Netzwerken zu finden sind.

In der Pressemitteilung bezeichnet Dietmar Wolff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger, die Ergebnisse als besorgniserregend und fordert „gerade in Zeiten von Corona“ gut ausgebildetes Lehrpersonal, „das flexibel auf Informationsbedürfnisse reagiere“. Nachrichtenkompetenz sei für ihn eine Schlüsselkompetenz. Dem kann man nicht widersprechen. In der taz wünscht sich Wolff eine regelmäßige Fortbildung der Lehrkräfte.

Den Punkt finde ich spannend: Auch wenn die Verlage mit Programmen wie „Jugend schreibt“ natürlich vor allem den Nachwuchs für den Journalismus begeistern wollen und das Vermitteln von Medienkompetenz eher mitgeliefert wird, wäre ein „Lehrkraft schreibt“ bei der FAZ oder eine Lehrenden-Version der Texthelden bei der Rheinischen Post zumindest eine Idee, wie man Medien- und Nachrichtenkompetenz vermitteln könnte. Auch wenn diese Programme natürlich den bitteren Beigeschmack haben, vor allem die geschriebenen Medien – ob gedruckt oder digital – kompetent zu nutzen.

Wichtig wäre aus meiner Sicht aber auf jeden Fall ein Umdenken. Denn wenn der Fokus in der Debatte um die Vermittlung von Medienkompetenz bisher vor allem auf den Kindern und Jugendlichen liegt, sollten so schnell wie möglich auch Erwachsene und vor allem Lehrende berücksichtigt werden.

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Magst du Veränderungen?

Neulich in einem Workshop: Brainstorming für mögliche Themen in einem Unternehmensblog. Idee: Was durch Corona anders geworden ist – vor allem in der Zusammenarbeit im Unternehmen. Eine potenzielle Überschrift entsteht: Was das Home Office verändert hat (und weiter verändern wird). Reaktion eines Teilnehmers: Das klingt aber negativ. Mein Gedanke: spannend. Denn eigentlich sollte es in dem Text darum gehen, welche Chancen und neuen Ideen entstanden sind.

Während die einen erwarten, dass nun eine Vielzahl von Chancen und neuen Ideen aufgelistet wird, sehen die anderen Veränderung im schlimmsten Fall als Bedrohung der eigenen Gewohnheiten. Werde ich wieder einen Arbeitsweg haben und wann? Mit den Kolleg:innen aus den anderen Teams in der Kaffeeküche quatschen? Auf einen Netzwerkabend gehen? Wie kann ich mit meinen Arbeitsergebnissen sichtbar werden, ohne die physische Begegnung? Kopfkino pur.

Wie kommt es, dass die einen Veränderungen durch Corona oder natürlich Automatisierung und Digitalisierung als negativ wahrnehmen, andere aber nicht und diese sogar freudig vorantreiben? Sicherlich liegt das an Vorerfahrungen, aber eben auch an anderen Dingen. Vor ein paar Wochen habe ich mich mit dem Graves-Modell auseinander gesetzt, einigen vielleicht eher unter dem Begriff Spiral Dynamics bekannt. Der Begründer, Clare Graves war Psychologieprofessor und beschäftigte sich u.a. mit der Frage, warum Menschen wie reagieren (sehr verkürzte Darstellung, I know). Sein Modell geht davon aus, dass der Mensch Aktionssysteme bildet, die abhängig sind von der individuellen und kulturellen Hintergründen des Menschen. Wer sich näher damit beschäftigen will, dem empfehle ich einen Blick in die Originalliteratur oder einschlägige Managementbücher.

To make a long story short: Bei der Recherche zu dem Thema fand ich ein paar Leitsätze von Clare Graves, in denen ich mich in meiner Arbeit in Redaktionen und Unternehmen wiederfand und die ich gerne mit dir teilen möchte:

„Jeder hat das Recht, so zu sein, wie er ist. Lehre Menschen, die Qualität ihrer Arbeit zu erhöhen, indem du ihren Denkweisen gerecht wirst und nicht von dir selbst ausgehst.”

„Erleichtere Veränderung und gib Unterstützung für die, die Veränderung wählen. Bestrafe die übrigen nicht, für das, was sie sind (und bleiben wollen).”

Spannend – das werde ich also weiterhin denken, wenn jemand mit einer negativen Grundhaltung auf das Thema Veränderung reagiert und dann mit der Arbeit beginnen.

Dieser Text ist zuerst in einer abgewandelten Version in meinem Newsletter erschienen. Abonniere ihn hier.

Das neue Normal – wie lange noch?

Gestern bei der Einschulung meines Sohnes war er wieder da, dieser Moment: Die Direktorin der Schule begrüßte die Familien der Erstklässler, freute sich alle zu sehen und entschuldigte sich dann sofort, dass wir ja nun heute auf dem Schulhof im Freien seien und nicht wie sonst in der großen Kirche mit allen Erstklässler und deren Familien. Dass die Drittklässler nicht singen würden wie sonst, sich aber auch was Schönes ausgedacht hätten. Dass es eben eine besondere Situation sei. Rechtfertigungen für Dinge, mit denen viele der Anwesenden gar nichts anfangen konnten, weil sie die alte Situation ja gar nicht kannten, aber hier sofort den Eindruck bekamen, dass das hier nur eine Notlösung, nichts richtig Besonderes sei. Meine liebe Kollegin Kerstin Hoffmann nennt das in ihrem Video gerade die Entschuldigungsfalle.

Bewusst oder unbewusst lenkte die Direktorin also die Aufmerksamkeit auf all die von ihr empfundenen Defizite, weil sie es so in den vergangenen Jahren so gemacht hatte und ungewohnt war. Für mich allerdings und ich denke für viele andere und vor allem für die Kinder war dieser Moment ein besonderer. Wir saßen auf dem Schulhof unter dicken Bäumen, die Schatten spendeten, wir erlebten einen feierlichen Moment, in dem unsere Kinder voller Stolz ihre Schultüten hielten und gemeinsam mit der Klassenlehrerin gemeinsam die Schule betraten und danach freudestrahlend verkündeten, sogar schon Hausaufgaben zu haben. Für mich passte das alles ganz wunderbar und ich fand es sogar besser als in der überfüllten Kirche zu sitzen. Die Situation hatte also sogar Vorteile!

Und das ist ja kein Einzelfall. Online-Seminare und digitale Workshops wurden in den vergangenen Monaten – oft zu unrecht – als Notlösung verkauft, obwohl sie bei guter Vorbereitung und Anpassung von Tools und Methoden einen mindestens genauso großen Nutzen haben. Eine eigentlich in Präsenz geplante Fortbildung schaffte durch die digitalen Räume eine noch viel größere Intimität und intensive Momente, die im realen Zusammentreffen gar nicht möglich gewesen wären.

Viele sprechen vom neuen Normal, aber nur in der Abgrenzung zum alten und in der Abwertung des Neuen. Dabei haben die vergangenen Monate doch gezeigt, dass wir uns sehr gut anpassen können. Und das nicht nur, wenn wir es müssen. Wenn wir ehrlich sind, gab es doch bei vielen eben diese Momente, die gezeigt haben, dass es sich auch lohnt, Veränderung zu wollen.