Mastodon und Twitter: 5 Fragen, 5 Antworten

Twitter-Fans umtreiben derzeit viele Fragen. Ein paar davon versuche ich zu beantworten.

Soll ich bei Twitter bleiben?
Ich für mich habe entschieden (Stand: 23.11., 22.13 Uhr): Ich bleibe noch. Aber ich lese fast alles, was drüber geschrieben wird. Und höre mir das tägliche Therapiegespräch von Gavin Karlmeier und Dennis Horn an. Der einfache Grund: Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es ja vielleicht auch noch gut werden kann.

Wie das?
Elon Musk hat schon immer ein eigenes Verständnis, was gute Kommunikation angeht. Er ist ein großer Anhänger der These „Every PR is good PR“ und wenn man seine Tweets genauer liest, dann bestätigt sich dies. Aufmerksamkeit um jeden Preis – nicht ohne Grund feiert er immer wieder die neuen Höchststände in der „Twitter Usage“, die neuen Rekorde bei den täglichen Nutzer*innen, die Zahl der Teilnehmenden an seinen Umfragen. Und so lange er das Gerede auf Twitter über Twitter, das ja auch in die anderen Medien überschwappt, aufrecht hält, desto mehr profitiert die Plattform in seinen Augen. Die Methoden sind höchst zweifelhaft und mir tun alle Menschen leid, die in den letzten Wochen dadurch ihren Job und einen Teil ihrer Identität verloren haben. Und ja: Auch ich bin mit diesem Text Teil des Systems und ich ärgere mich darüber sogar ein bisschen.

Es könnte also sein, dass Elon Musk diese „Show“ so lange für uns veranstaltet, bis er es geschafft hat, erste Features auszurollen, die uns dann wiederum wieder besänftigen – und er – ganz der Heldengeschichte folgend – zum gefeierten Helden wird. Denn irgendwie muss das Geld ja wieder in die Kasse kommen.

Aber haben sich nicht schon so viele Menschen bei Twitter abgemeldet?
Kann sein. Für einen Kunden habe ich mit meinem Team in den vergangenen Wochen unterschiedliche Accounts zum Monitoring recherchiert. Ergebnis: Vor allem in der Politik- und Wirtschaftsbubble sind alle noch da. Die meisten Abgänge gab es bei meiner Stichprobe unter Journalist*innen.

Mastodon – Top oder Flop?
Kurze Antwort: weder noch, sondern anders.

Hier die lange Version. Mein Gefühl bei Mastodon: Ein bisschen wie 2007 auf Twitter. Vor allem, weil es ruckelt. Lädt manchmal langsam oder gar nicht. Ähnlich wie Nicole Diekmann kann ich Mastodon gerade nur auf dem Handy lesen, weil auf dem Desktop irgendwas mit den Passwörtern schiefgelaufen ist.

Doch nicht nur das: Es sind zwar schon einige auf den Mastodon-Plattformen. Aber ich bekomme dort nicht, weshalb ich immer noch gerne auf Twitter bin. Für mich ist Twitter der letzte Ort, an dem ich meinen Durst nach Nachrichten, unterschiedlichen Perspektiven und Meinungen ausleben kann. (Nach langen Jahren als Online-Journalistin oder in der Rolle der Chefin vom Dienst am Newsdesk). Soweit ist Mastodon (vielleicht noch) nicht.

Soll ich mich auf Mastodon anmelden?
Wenn du gerne neue Social-Media-Kanäle ausprobierst, dann kann ich dir das durchaus empfehlen. Du findest mich übrigens hier.

Manche befürchten, Twitter geht wegen Sicherheitslücken, Hacks oder ähnlichem in die Knie. Und dann?
Glaubt man den vielen gefeuerten ehemaligen Twitter-Angestellten und Experten ist das durchaus ein Szenario, das eintreten könnte. Und falls du dich fragst, wo du dann deine lustigen 280-Botschaften platzieren sollst, McSweeney hat wirklich hilfreiche Tipps zusammengestellt.

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Von Carl Rogers lernen

Als der Sohn vor ein paar Monaten über eine angemessene Höhe seines Taschengelds sprechen wollte, war nicht etwa der Vergleich mit den Sätzen seiner Freunde der Anlass dafür. Vielmehr hatte er auf Tiktok ein Video gesehen. Thema: Die Taschengeldtabelle aus dem Portal des Bundesfamilienministeriums. Das Video stammte allerdings von keinem klassischen Medium, sondern vom persönlichen Account eines Influencers. Woran das liegt? Zum einen natürlich an seinem Nutzungsverhalten. Aber auch an der Art der Aufbereitung eines solchen Themas. 

Welchen Einfluss Social-Media-Accounts von Medienmarken, aber natürlich vor allem von Influencern oder anderen personenfokussierten Accounts auf die Meinungsbildung von jungen Menschen haben, das hat kürzlich eine neue Usethenews-Studie untersucht. Sie kommt zu folgenden spannenden Ergebnissen (arg verkürzt): 

1. Junge Menschen folgen Accounts aus ganz unterschiedlichen Gründen. Die wichtigsten Motive sind: Kommunikation & Integration, Wissen & Information, Unterhaltung & Zeitvertreib, Orientierung & Werte, Inspiration & Motivation sowie soziale Nähe & Einblick. Die dadurch entstehende „Timeline“ ist eine Mischung aus all diesen Bedürfnissen. 

2. Junge Menschen schätzen Persönlichkeiten mit spezifischem Wissen auch für ihre eigene Meinungsbildung. Sie gehen davon aus, dass sie sich durch sie eine „’fundierte‘ und ‚professionelle‘ Meinung“ bilden können, aber auch „‚persönliche‘ bzw. ‚überblicksartige‘ Meinung zu bilden, um in Gesprächen oberflächlich mitreden und sich über ‚lustige‘ Ereignisse austauschen zu können.‘

3. Auch Nachrichtenangebote in Social Media werden genutzt: Sie erfüllen überwiegend Wissens-, Informations- und Kommunikationsbedürfnisse und werden als glaubwürdig und vertrauenswürdig geschätzt.

4. Und aus 3. ergibt sich folgende Interpretation: Traditionellen Medien muss es gelingen, die Relevanz wieder reinzuholen, die sie vielleicht eingebüßt haben, weil viele junge Menschen sie aus den unterschiedlichsten Gründen gar nicht mehr kennen. Das kann gelingen, wenn sie sich geschickt auf den Kanälen platzieren, auf denen diese Menschen unterwegs sind.

5. Eine solche Strategie kann allerdings nur gelingen, wenn sich die Marke als unabhängiger und vertrauenswürdiger Akteur platziert und bedürfnisorientiert kommuniziert. 

Wie wichtig das ist, wie häufig es vernachlässigt wird und warum viele junge Menschen bestimmte (Medien-)Marken gar nicht erst kennenlernen, wurde mir am Sonntag in meiner Fortbildung bewusst. Dort diskutierten wir die Kriterien von „personzentrierter Gesprächsführung“. Die definierte der Psychologe Carl Rogers einst und prägt mit ihnen seitdem nicht nur Psychotherapie, sondern auch die Pädagogik: Sie lauten Kongruenz, Wertschätzung und Empathie. 

Und sind das nicht auch die Kriterien, die dabei helfen, eine gute digitale Kommunikation mit Zielgruppen aller Art aufzubauen? Nicht nur mit den Jüngeren? Und sind das nicht genau die Kriterien, die viele Medienmarken und Unternehmen in ihrer Kommunikation gerne mal vernachlässigen? 

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Mastodon oder Twitter oder müssen wir uns gar nicht entscheiden?

Mittwochmittag kam der erste Anruf: „Wir verlieren Follower. Meinst du, das liegt an Elon Musk?“ Offenbar gibt es auch in deutschen Kommunikationsteams durch den Einstieg von Elon Musk bei Twitter Gesprächsbedarf. Sind die jetzt alle auf Mastodon? Müssen wir da jetzt auch hin? Und wie erreichen wir eigentlich in Zukunft unsere Zielgruppe, die wir jetzt ziemlich gut über Twitter bedienen? All diese Fragen haben wir andiskutiert. Damit du auch etwas davon hast: der Reihe nach.

Gehen jetzt alle zu Mastodon? Erste Antwort: nein. Zweite Antwort: Glaubt man dem Mastadonusercount-Account dann haben sich gerade einmal 200.000 Menschen in der vergangenen Woche bei Mastodon angemeldet. Das ist wenig. Insgesamt gibt es jetzt knapp 6 Millionen Mastodon-Nutzende im Vergleich zu 211 Millionen bei Twitter.

Vermutlich gibt es andere Gründe für den Follower-Rückgang. Sollte sich der eine oder andere im Zuge des Musk-Deals bei Twitter abgemeldet haben, heißt das noch lange nicht, dass diese Menschen dann auch zu Mastodon gehen. Vielleicht geben sie ja sogar Facebook wieder eine Chance?

Muss ich jetzt auch zu Mastodon? Müssen ist ja ein sehr großes Wort. Wenn du dich dafür interessierst, welches soziale Netzwerk sogar die obersten Datenschützer Deutschlands cool finden, dann meld dich an. Soll aber auch Leute geben, die genau das abschreckt. Meine Haltung hier ist: Es schadet nie, sich mit neuen Netzwerken zu befassen, herauszufinden, was auf diesen gut funktioniert. Ob Menschen es aktiv nutzen und ob eine relevant hohe Zahl an Menschen hier mittelfristig eine Alternative findet, die die eigenen Bedürfnisse befriedigt.

Was kann Mastodon? Tweets heißen dort Tröts und können 500 Zeichen umfassen. Die Usability ist bisher anstrengend. Mastodon besteht aus einem dezentralen Netzwerk von verschiedenen Servern, sogenannten „Instanzen“. Diese werden von Privatpersonen oder Gemeinschaften betrieben, derzeit gibt es knapp 4000 davon. Fun Fact: Die Bestätigungsmail zur Aktivierung meines Accounts benötigte drei Tage bis zum Eingang in meinem Postfach. Das ist sehr lang.

Kann ich noch bei Twitter bleiben? Dagegen spricht aus meiner Sicht erstmal nichts. Fakt ist aber: Twitter wird sich verändern. Eine von Musks ersten Amtshandlungen war, große Teile der Führungsriege auszutauschen. Weitere werden vermutlich folgen. Im ausgeloggten Zustand bekommt man auf Twitter.com nun Trending Topics ausgespielt. Das kostenpflichtige Produkt „Twitter Blue“ soll offenbar so schnell wie möglich an den Start gehen. All das kann Schlechtes bedeuten, aber vielleicht auch nicht. Fakt ist: Twitter hat seit Jahren zahlreiche Probleme nicht in den Griff bekommen, zum Beispiel das Thema „Content-Moderation“ (sehr lesenswert dazu). Ich würde abwarten, bis die ersten Veränderungen wirklich sichtbar werden. Und das kann auch bedeuten, Werbekampagnen erstmal zu pausieren.

Am Ende ist es natürlich eine strategische Entscheidung: Kann ich es für mein Unternehmen oder mich vertreten, auf der Plattform unterwegs zu sein? Kann ich dort meine Ziele und Zielgruppe erreichen oder gibt es andere Möglichkeiten? Kann ich auf anderen Wegen genauso gut Teil des gesellschaftspolitischen Diskurses sein?

Dieser Text ist zuerst in meinem wöchentlichen Newsletter erschienen. Hier kannst du ihn abonnieren.

Warum Menschen meinen Newsletter lesen

Im Juli 2022 habe ich die Leser*innen meines wöchentlichen Newsletters nach ihrer Meinung zu dem Format gefragt. Die Umfrage war nicht sehr standardisiert. Es waren in fast allen Kategorien auch Freitextfelder vorhanden. Und immer wenn jemand ein solches Feld genutzt hat, wurde es besonders interessant. Aber ich habe versucht, die Ergebnisse dennoch ein bisschen breiter zusammenzufassen. Das sind die Ergebnisse:

  • 94 Prozent der Lesenden gefällt der Newsletter gut bzw. supergut.
  • Fast 70 Prozent der Leser*innen schätzen die Themenmischung bzw. die Mischung aus Schwerpunktthema und Links zum Weiterlesen. 54 Prozent schätzen die Rubrik „Tipps und Inspiration“. In dieser Rubrik waren Mehrfachnennungen möglich.
  • Nur die Hälfte der Teilnehmenden beantwortete die Frage „Auf was könntest du verzichten?“ 42 Prozent dieser kleinen Anzahl an Teilnehmenden nannten hier die Rubrik „Sehen wir uns?“
  • Abonnierenden interessieren am meisten Themen rund um Digitale Medien und Journalismus (69%), Kommunikationsstrategien (66%), Newsletter 54%) und Social Media (57%). Auch hier waren Mehrfachnennungen möglich. Ein Bedarf nach Konzentration auf eines dieser Themen bestand nicht: 71 Prozent wünschen sich ein „lieber weiter mal so mal so“.
  • Der wöchentliche Erscheinungsrhythmus scheint für die meisten ok zu sein.

  • „Wenn du etwas ändern könntest, was wäre das?“: Rund 33 Prozent wollten nix verändern. Unter den Mehrfachnennungen (war ein Freifeld) waren Punkte wie die Optik, „mehr Zeit zum Lesen“, ein Chat- oder Zoom-Format oder „Welt retten/verbessern“.

Vielen Dank an alle, die an der Umfrage im Juli 2022 mitgemacht haben. Wer nach der Lektüre dieser Daten Lust bekommen hat, ebenfalls Teil des Abonnierendenkreis zu werden, der kann sich hier für „Post von Franziska Bluhm“ anmelden.

11 spannende Erkenntnisse aus dem Digital News Report 2022

Einmal im Jahr erscheint der Digital News Report, eine groß angelegte Studie des Reuters Institute: eine Nabelschau, wie sich Journalismus, Vertrauen in Journalismus und Medienkonsum verändert. 164 Seiten ist diese Studie dick. Du kannst sie selber lesen. Ich habe es gestern getan und dir die aus meiner Sicht spannendsten Punkte zusammengefasst.

1. Vertrauen in Nachrichten ist auf dem Sinkflug. Am schlechtesten sieht es bei den untersuchten Ländern in den USA aus. In Deutschland ist es noch relativ hoch, auch wenn hier ein leichter Rückgang zu verzeichnen war. Öffentlich-rechtliche Medienmarken genießen das größte, die BILD das geringste Vertrauen.

2. Traditionelle Medien wie Fernsehen oder Papier werden noch weniger konsumiert. Diejenigen, die sich abwenden, wenden sich nicht im gleichen Maße Online-Medien oder Social Media zu. Das Interesse an Nachrichten geht grundsätzlich zurück. Über alle untersuchten Länder hinweg sinkt das Interesse von 63 Prozent in 2017 auf 51 Prozent in 2022. Auch in Deutschland mit seinem eher traditionelleren Medienverhalten lassen die traditionellen Kanäle Federn. Seit 2013 ist der Nachrichtenkonsum auf Papier von 63 Prozent auf 26 Prozent gesunken. Der TV-Konsum ging von 82 auf 65 Prozent zurück.

3. Die Zahl derer, die Nachrichtenkonsum aktiv vermeiden, steigt in vielen Ländern. 43 Prozent der Befragten sagen, dass es um zu viel Politik und Pandemie gehe, 36 Prozent, dass Nachrichten einen schlechten Effekt auf ihre Stimmung haben. 29 Prozent sagen, dass sie die Menge an News erschöpft. Glück gehabt: In Deutschland ist der Anteil der News-Vermeidenden (noch) vergleichsweise niedrig.

4. Der Ukraine-Krieg führt in Deutschland dazu, dass sich viele von Nachrichten abwenden. Gleichzeitig wurden Nachrichten vor allem am Fernseher verfolgt.


5. Die Zahlungsbereitschaft für Online-Nachrichten ist in Deutschland gestiegen – und liegt jetzt bei immerhin 14 Prozent. Das ist ein Sprung von fünf Prozentpunkten im Vergleich zu 2021. Damit ist man immer noch weit von Werten wie in Norwegen (41 Prozent) oder Schweden (33 Prozent) entfernt. Global betrachtet scheint in Sachen Zahlungsbereitschaft eine Sättigung einzutreten. Vor allem Jüngere zu überzeugen, scheint immer noch extrem schwierig. Der durchschnittliche Digitalabonnierende ist fast 50.

6. In Sachen Digitalabos profitieren eher große Marken. Die Zahl derer, die auch in Deutschland für einzelne Journalist*innen zahlen, ist gering.

7. Um Nachrichten zu konsumieren, nutzen die meisten ihr Smartphone und gehen dafür auf Social-Media-Plattformen, erst danach folgen Websites und Apps. Die Mehrheit will Nachrichten immer noch lesen, in Deutschland sind das 58 Prozent der Befragten. Insgesamt tendiert die jüngere Alterskohorte eher dazu, Nachrichten zu schauen. Die Textnutzung von Nachrichten ist in Mexiko mit 45 Prozent am geringsten. Die Gründe für die Textnutzung: Schnelligkeit, schlechtes Videoerlebnis, Kontrolle. Die Gründe für Videonutzung: einfach, ansprechend, bequem.

8. Facebook ist noch relevant, aber die junge Generation setzt auf visuelle Netzwerke. Global betrachtet sind Instagram, TikTok und Telegram die einzigen Netzwerke, deren Nutzung im vergangenen Jahr gestiegen ist. Für den Konsum von Nachrichten liegt Facebook immer noch vor Youtube, Whatsapp und Instagram.

9. Podcast werden in Deutschland beliebter. 29 Prozent der Befragten in Deutschland haben im vergangenen Monat einen Podcast gehört – am ehesten über Spotify und Youtube. Da steckt ein Wachstum von vier Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr drin.

10. 19 Prozent der Befragten für Deutschland sagen, dass sie in der vergangenen Woche News via E-Mail konsumiert haben – meistens von größeren Marken und News Outlets und weniger von Einzelpersonen. Interessant auch die Gründe für die Nutzung: 65 Prozent loben die Praktikabilität, 30 Prozent schätzen diverse Perspektiven, 28 Prozent den persönlichen Stil, 24 Prozent schätzen die Exklusivität der Inhalte.

11. Einzelne Journalist*innen spielen in der öffentlichen Wahrnehmung von Nachrichten eine eher untergeordnete Rolle. Wenn einzelne Namen genannt werden, sind die meist männlich und TV-Gesichter. Immerhin ist Marietta Slomka am populärsten. Auf Platz 2 und 3 folgen Claus Kleber und Peter Klöppel.

Dieser Text war Teil meines Newsletters, den du hier abonnieren kannst.

Kreativ schreiben lernen

Manchmal habe ich Wochen, in denen ich sehr viel schreibe. Und damit meine ich nicht, dass ich Newsletter-Ausgaben vorproduziere. Der Zufall will es dann, dass vor allem das Schreiben von Texten im Vordergrund steht – für die unterschiedlichsten Kanäle. Gestern habe ich eine Methode kennengelernt, die dir nicht nur dabei hilft, schreibend einen klaren Kopf zu bekommen, abzuschalten. Sie macht durchaus wacher, lässt dich inspiriert von dir selbst zurück und könnte womöglich der Startschuss zu dem eigenen Roman sein.

(Kann sein, dass ich ein klitzekleines bisschen übertreibe, aber wer weiß, vielleicht halte ich ja wirklich in ein paar Jahren meinen eigenen Roman in den Händen und werde mich daran erinnern, damals Teilnehmerin dieses Workshops gewesen zu sein.)

Aber ich will auflösen: Was mich so inspiriert zurückgelassen hat, war ein Schreibworkshop der MFF München mit Doris Dörrie. Sie hat mich dazu gebracht , innerhalb dieser zwei Stunden 35 Minuten zu schreiben. So sind vier Texte entstanden. Vier Texte, die ich sonst nicht geschrieben hätte. Vier Texte, die von längst vergessenen Erinnerungen handeln – schönen Erinnerungen aus meiner Kindheit. Mit Hilfe einer „Zauberformel“ und ein paar Grundregeln:

? Schreib los – am besten mit der Hand.
? Schreibe, was du fühlst, hörst, schmeckst, siehst und riechst.
? Denk nicht nach, während du schreibst, du hast die Lizenz zum Blödsinn. 
? Kontrollier nicht, was du schreibst. Tipper sind erlaubt, wenn nicht sogar erwünscht wegen „Denk nicht nach“.

Ein ähnliches Prinzip wird ja auch bei den so genannten Morning Pages verfolgt. Hier geht es darum jeden Morgen drei Seiten zu füllen, um den Kopf für den Tag freizumachen. Bei der Reporterfabrik gibt es einen kostenlosen Schreibkurs von Doris Dörrie, falls du das auch mal ausprobieren willst. 

(Der Text war Teil meines Newsletters, den du hier abonnieren kannst.)

Manfred Krug oder die Kraft von Tagebüchern

Eigentlich passt es sehr gut, dass ich ausgerechnet in der Goldene-Blogger-Woche die Tagebücher von Manfred Krug aus den Jahren 1996/1997 gehört habe, die kürzlich erschienen sind. Denn mit digitalen Tagebüchern fing das ganze Bloggen ja irgendwie an. Auch wenn sie teilweise belanglos wirken – auch die von Manfred Krug, wenn er beispielsweise erzählt, sich ein paar Maronen geröstet oder sich über die eine oder andere Sendung im Fernsehen geärgert zu haben, zeichnen sie in der Gesamtheit eben doch das Bild eines Mannes. Mal verletzlich, sehr von sich überzeugt, eine interessante Form des Zusammenlebens mit seinen Familien und Lieben gefunden. Ein Schauspieler, der sich in Drehbücher einmischte, der hart verhandelte und damit sicherlich vielen ordentlich auf die Nerven ging. Der während dieser Zeit einen Schlaganfall erlitt und sich wieder berappelte.

Ich glaube, die Tagebücher haben auch deshalb bei mir so einen großen Eindruck hinterlassen, weil sie von seine Sohn gelesen worden sind. Und als sich am Ende seine Lektorin Krista Maria Schädlich zu Wort meldet, die erzählt, wann sie das erste Mal einen Text von Krug gehört hatte und warum man sich für die Veröffentlichung der eben dieser Tagebücher entschieden hat, dann hat das bei mir eine große Lust ausgelöst, sich doch einmal näher mit dem geschrieben Wort von Manfred Krug auseinander zu setzen.

Gleichzeitig haben sie bei mir eine neue Lust auf Tagebuch ausgelöst. Ich les jetzt trotzdem erstmal „Abgehauen“.

Das Hörbuch auf Spotify

Bildung, Politik und jede Menge Zauber: So waren die Goldenen Blogger 2022

Pandemie, Krieg in der Ukraine – kann man da überhaupt Preise verleihen? Immer wieder habe ich in den vergangenen Wochen darüber nachgedacht. Wir haben darüber in den unterschiedlichsten Runden diskutiert und uns am Ende dafür entschieden. Umstritten – ja. Und ich würde mich wieder dafür entscheiden.

Wenn ich mir die Liste der Gewinner*innen der Goldenen Blogger 2022 anschaue, dann sind das aus meiner Sicht alles Projekte, die Aufmerksamkeit verdient haben. Aus den unterschiedlichsten Gründen.

Ira Peter hat im vergangenen Jahr mit dem Blog „Stadtschreiberin Odessa“ gezeigt, wie das Leben in der ukrainischen Stadt war und konnte sich bis zum 24. Februar 2022 nicht vorstellen, was passieren würde. Und wie gut, dass sie auch weiterhin berichtet – und hilft. Sie unterstützt die Runnebaum-Stiftung, die derzeit Medikamententransporte in die Ukraine organisiert und auf dem Rückweg Hilfsbedürftige mit nach Deutschland nimmt.

Wie gut ist eigentlich unser Bildungssystem? Eine Frage, die wir seit Ausbruch der Pandemie immer wieder diskutieren – also Eltern, Kinder und Lehrerschaft. Wie sehr würden sich die eben genannten Gruppen wünschen, dass das auch auf offiziellen Ebenen angegangen wird. Und wie gut passt es da, dass gleich zwei Projekte in diesem Jahr einen Preis erhalten haben, die genau dieses Thema aufgreifen, aktiv werden, helfen: der Netzlehrer Bob Blume und Caroline von St. Ange mit „Learn learning with Caroline“.

Welche Bedeutung Tiktok mittlerweile in Deutschland hat – für die Popkultur, im Employer Branding, aber vor allem für Kinder und Jugendliche. Auch das konnten wir bei den Goldenen Bloggern in diesem Jahr erleben: Herr Anwalt mit seinen mehr als 5 Millionen Follower*innen, die Gewinnerin der Kategorie „Berufsbotschafter*in“, Chiara Monteton sind hier nur zwei Beispiele.

Die Politik nimmt Social Media ernst: Ich habe mich sehr gefreut, dass Marie-Agnes Strack-Zimmermann persönlich vor Ort war, Lars Klingbeil und Kevin Kühnert sich zugeschaltet haben. Den Goldenen Blogger in der Kategorie „Politische Kommunikation“ abgeräumt hat dann aber doch die nicht anwesende Grünen-Politikerin Aminata Touré . Für den Twitter-Gewinner Karl Lauterbach nahm der stellvertretende Regierungssprecher Wolfgang Büchner den Preis in Empfang. Ja auch das sind die Goldenen Blogger.

Wer schreibt heutzutage eigentlich noch Blogs? Gibt es die Blogosphäre überhaupt noch? Wer diese Diskussionen anzettelt, hat keine Ahnung. Blogs leben. Auf allen Plattformen. Denn was ist das, was Blogs früher (Kleine Referenz an die Kategorie „Langstrecke“, in der Anke Gröner abräumte) ausgemacht hat: Dass man über Inhalte, Themen und die Persönlichkeit dahinter Verbindungen aufbaute, die zu Verbundenheit wurde. Und das haben all die Projekte gemeinsam, die in diesem Jahr, aber auch in den vergangenen 15 Jahren gewonnen haben: Sie schaffen Verbundenheit zu ihren Rezipienten, eine Verbundenheit, die um einiges stärker ist, als das, was viele klassische Medienmarken im Digitalen erreicht haben.

Ich danke an das große Vertrauen unserer diesjährigen Sponsoren: Deutsche Post DHL Groups, Xing, Meta, LMC Caravan, der R + V Versicherung und DB Cargo. Ich danke dem Museum für Kommunikation und deren Mitarbeiter*innen, die mir geholfen haben, mein Kleid während der Zaubershow (Danke Siegfried! Danke Joy!) schnell zu nähen. Ich danke dem Fotografen Chris Marxen von Headshots-Berlin.de für die wunderbaren Fotos. Ich danke Schalldruck, die uns mit Technik, Licht und Sound versorgt haben. Ich danke unserem großartigen Team, die jedes Jahr wieder Lust haben, die Sause mit uns zu stemmen.

Und ich danke allen, die Lust und Zeit investiert haben, mit uns gemeinsam ein paar Stunden dem Alltag entflohen zu sein und einen Scheinwerfer auf all die positiven Seiten des Internets geworfen zu haben.

Die Liste der Sieger:

Blogger*in des Jahres: Bob Blume – der Netzlehrer

Newcomer*in des Jahres: “Stadtschreiberin Odessa“ – Ira Peter

Bester Einzelbeitrag: Rezo – “Zerstörung: Finale – Korruption”

Bestes Nischen-/Themenblog: Comic-Denkblase

Newsletter des Jahres: Cool genug

Podcast des Jahres: Being Timo Schultz

Instagrammerin des Jahres: Learn learning with Caroline

Twitter-Account des Jahres: Karl Lauterbach

TikToker des Jahres: HerrAnwalt

Bester Social Media-Auftritt einer Celebrity: Marijke Amado auf Instagram

Flauscher*in des Jahres: Lisa Kestel auf Instagram

Berufsbotschafterin des Jahres: Chiara Monteton – Dachdeckerin Chiara

Politische Digitalkommunikation: Aminata Touré auf Instagram

Bürgerschaftliches Engagement: Hass Melden

Langstrecke: Anke Gröner

Mein 11. Muttertag

Heute feiere ich den elften Geburtstag meines Sohnes. Als ich vor elf Jahren Mutter wurde, hätte ich nicht gedacht, wie sehr sich mein Leben dadurch verändert. Die Verantwortung, die du plötzlich trägst, die Sorgen, die du hast, die wunderbaren und die kräftezehrenden Momente. Wie sehr ich mich auch verändere. Viele Ereignisse in diesen Jahren hinterlassen Spuren – auch die beruflichen.

Ich habe erlebt, wie es ist, als Führungskraft Mutter zu werden und zu sein.

Ich habe erlebt, wie es ist, wenn du nach der Elternzeit einen neuen Job in einem neuen Unternehmen antrittst. Trotz Kleinkind.

Ich habe erlebt, wie es ist, nach kurzer Elternzeit in den gleichen Job zurückzukehren – und du plötzlich eine Chefin hast, die keine Kinder hat.

Ich habe versucht, Teilzeit zu arbeiten und bemerkt, dass das kein Modell für mich ist.

Und ich habe mich selbstständig gemacht, als Mutter von zwei Kindern, die immer noch Vollzeit arbeitet. Ich habe ein eigenes Team und bin meine eigene (strenge) Chefin.

Auch wenn die eine oder andere Erfahrung nicht allzu schön war, möchte ich sie nicht missen. Vieles hat ich desillusioniert, mittlerweile kann ich auch Quotenregelungen etwas abgewinnen. Die Erfahrungen haben mir geholfen, meine Meinung über Karrieremodelle, Förderprogramme von Frauen und die Rolle von Führungskräften zu bilden. Dafür bin ich alles in allem dennoch dankbar.

Und in mir ist diese Hoffnung, dass die Klassenkameradinnen meines Sohnes auf die ein oder andere Erfahrung verzichten können. Weil es selbstverständlich geworden ist, dass Frauen auf ALLEN (Führungs-)Ebenen vertreten sind.

Buch: Erzählende Affen

Jeder von uns weiß um die Kraft von Geschichten. Im Kleinen – meine Mutter hat meinem Bruder und mir als Kind immer wieder erzählt, dass Kirschsaft Fieber senkt – wie im Großen: Weltkriege, Nationalsozialismus, Klimakrise. Und das seit Jahrhunderten. Hätten wir uns nicht über Generationen hinweg immer wieder Geschichten erzählt, wer weiß, was geworden wäre. Mit Geschichten brachten wir uns bei, wie wir uns bei Gefahr verhalten sollen. Das wurde weitergegeben, um zu lernen, das Gelernte weiterzuentwickeln und wiederum weiterzugeben. So war es, so ist es und ob es weiterhin so sein wird, hängt davon ab, ob es uns gelingt, neue Geschichten zu erzählen.

Der Mensch ist ein „Homo Narrans“, schreiben die Autorinnen Samira El Ouassil und Friedemann Karig in ihrem Buch „Erzählende Affen“. Ein Buch, das ich wirklich jedem ans Herz legen muss, der in irgendeiner Weise damit beschäftigt ist, Geschichten zu erzählen – im Journalismus, der Kommunikation oder Literatur. 

Denn das Buch gibt nicht nur einen Grundkurs im Geschichtenerzählen, welche Geschichten wir uns immer wieder erzählen – „Tellerwäscher“, „Mann im Loch“, „Aschenputtel“ u.a.. Welche Masterplots dabei verwendet werden, was Geschichten wirksamer macht. Es erklärt auch sehr anschaulich, wie sich Geschichten über Jahrhunderte verfestigen konnten, wie sich Verschwörungserzählungen verbreiten, warum Frauen ohne Kinder in Märchen oft die Bösen sind.

Zudem klären die Autorinnen auf, dass die Geschichten, mit denen wir Menschen bisher gearbeitet haben, für die Herausforderungen unserer Zeit nicht mehr funktionieren: Corona-Pandemie – wir alle wissen, wie viel schwieriger es mit jedem Monat der Pandemie geworden ist, Präventionsstrategien zu vermitteln („There is no glory in prevention“, Christian Drosten).

Und natürlich die Klimakrise. Jeder Versuch, diese mit Hilfe einer „Heldenreise“ zu erzählen, funktioniert nicht. Es gibt nicht DEN Helden, der sich aufmacht und auf seinem Weg die üblichen Schurken erledigt, um dann gewachsen an den Taten in Frieden weiterzuleben. Es bedarf anderer Narrative, um Gesellschaft, Politik und Wirtschaft davon zu überzeugen, endlich zu handeln. Narrative, die nicht ohnmächtig zurücklassen – beispielsweise dadurch, dass fast immer nur davon berichtet wird, wie schlecht es um uns steht. Sondern beispielsweise durch solche, die uns zeigen, was wir gewinnen könnten. 

„Erzählende Affen“ ist ein Buch, das bestimmt lange nachhallen wird. Und allein die vielen wertvollen Referenzen, die ebenfalls im Buch aufgelistet werden, bieten Lesestoff für die kommenden Jahre. Also: Fette Leseempfehlung!