Was wird 2022? New Work, anderes Führen, Debundling, Community und digitales Lernen

„The value of a prediction is in the act of making it, not the prediction itself.“ Ich mag, was Prognose-König Scott Galloway in seinem Neujahrsnewsletter geschrieben hat. Davon ausgehend fällt es auf jeden Fall leichter, auch in diesem Jahr ein paar Thesen herauszuhauen, die aus meiner Sicht das Jahr 2022 prägen werden.

Kurzer Rückblick auf das, was ich für 2021 vorhergesagt habe? Digitales Lernen war eines der Themen von 2021, das Thema Diversität war omnipräsent und ging durchaus auch über das reine Frauenzählen hinaus. Glücklicherweise hat sich in Politik, aber auch Wirtschaft ein bisschen was getan – zumindest die DAX-Vorstände sehen ja jetzt ein wenig „bunter“ aus. In Sachen Polarisierung hab ich leider ebenfalls recht gehabt und wenn wir sehen, wie selbstverständlich eine große Zahl an Unternehmen mittlerweile auf den unterschiedlichsten Kanälen kommunizieren, um ihre Zielgruppen zu erreichen, dann lag ich auch da ganz gut. Bei den Social-Media-Kanälen gehörten Linkedin, Tiktok und Instagram zu den großen Gewinnern, Telegram hat die Gemüter in Deutschland erhitzt. Aber: Über Purpose wurde viel geredet, aber die von mir erhofften Impulse, die über das Buzzword-Bingo hinausgegangen sind, ja, da wäre noch einiges gegangen.

Aber schauen wir mal auf das, was uns 2022 in Medien und Kommunikation erwartet.

1. New Work aber richtig – die Folgen des Arbeitnehmermarkts
Der Arbeitsmarkt ist im Wandel. Die Verlagerung des Machtgefüges hin zur Arbeitnehmerseite hat längst begonnen, in vielen Branchen ist sie weit fortgeschritten: Beschäftigte schauen, welche Unternehmen ihnen dabei helfen, ihren Lebensweg bestmöglich zu gestalten – im Einklang mit privaten Bedürfnissen und Zielen, aber auch fachlichen Interessen. Das Unternehmen muss zu ihnen passen, nicht umgekehrt. Wer unter New Work nur das Bereitstellen von Tischtennisplatten oder Kickertischen versteht, hat hier keine Chance. Befeuert durch die vergangenen Pandemiemonate und die damit einher gehende Entfremdung vieler Beschäftigter von ihren Arbeitgebern werden Firmen ihre Recruiting-Strategien überarbeiten und sich mit Unternehmenskulturthemen beschäftigen (müssen). Die Medienbranche wird diese Entwicklung besonders treffen, weil der Nachholbedarf hier am größten ist.

2. Lernen, lernen, lernen
Neue Trends, neue Technologien, andere Anforderungen durch gesellschaftliche Entwicklungen, Fachkräftemangel: Mehr denn je wird es 2022 darauf ankommen, in das eigene Personal zu investieren. Ich hoffe, dass ich den Satz „Oh, das ist unsere erste Weiterbildung seit 10 Jahren“ in diesem Jahr nicht mehr hören muss.

3. Neues Arbeiten heißt auch anders führen
Die komplexer werdende Welt und die damit einher gehenden Veränderungen erfordern Führungskräfte, die nicht nur fachliche Fähigkeiten haben. Empathie ist gefragt genauso wie zuhören erklären statt ansagen. Auch hier herrscht gerade in Medienunternehmen immer noch ein großer Nachholbedarf.

4. Beziehungen und Verbindungen stärken
Als ich im Sommer 2021 pandemiebedingt das erste Mal seit langem wieder nach Berlin gereist bin und mich dort mit vielen lieben Menschen zu treffen, habe ich gespürt, wie sehr mir das gefehlt hat. Und damit meine ich nicht, den zielgerichteten Austausch. Denn auch aus zufälligen Begegnungen, spontanen Gesprächen und zunächst sinnlos erscheinenden Albereien entsteht etwas. Und sei es nur das gute Gefühl, sich endlich mal wieder gesehen und gemeinsam gelacht zu haben.

5. Medien im Wandel: Zielgruppe im Fokus!
Wer im Digitalen Produkte entwickelt, weiß: Nur wenn das Produkt die Bedürfnisse der Zielgruppe bedient, wird es auch erfolgreich sein. Sprich: Ob Newsletter, Social-Media-Kanal, Podcast oder Webseite: Wer nicht FÜR die Zielgruppe konzipiert und publiziert, wird es schwer haben. Das heißt nicht, dass man nur noch das macht, was die Marktforschung ergibt oder dem Clickbait hinterherpubliziert, sondern in echten Dialog mit den Zielgruppen geht und Themen für und mit diesen Zielgruppen entwickelt. Kein neuer Trend, aber aufgrund der geringer werdenden Aufmerksamkeitsspanne, des ohnehin riesigen Angebots an Inhalten wird es 2022 noch wichtiger sein, hier das perfekte Angebot zu schaffen. Dafür hilfreich werden auch weiterhin Hype-Formate wie Newsletter oder Podcasts bleiben. Aber eben auch nur dann, wenn diese für und im besten Fall mit der Zielgruppe entwickelt werden.

6. Medien im Wandel: Nischisierung und Debundling
Daraus folgt: Wir werden noch mehr Angebote zu bestimmten Nischen- und Fachthemen, ob als Newsletter, Podcast oder Social-Media-Format. Ich glaube auch, dass 2022 noch mehr Autor*innen eigene Angebote mit und ohne dahinterstehende Medienmarke starten werden.

Laut Digital News Report 2021 liegt die Zahlungsbereitschaft für Nachrichtenangebote in Deutschland bei ungefähr zehn Prozent. Und obwohl wir in diesen Bereichen in den vergangenen Jahren ein starkes Wachstum gesehen haben, bin ich überzeugt, dass wir 2022 eine Abkehr vom One-size-fits-all-Prinzip bei den Digitalabos sehen werden. Ist es für eine kulturinteressierte Person nicht viel sinnvoller, ein Kulturabo der lokalen Medienmarke abzuschließen, mit dem er nicht Zugang zu Berichterstattung sondern auch gleich ein paar Tickets dazu bekommt?

7. Medien im Wandel: Individualisierung und Automatisierung
Einerseits sehen wir den Trend zur Personalisierung, andererseits die begrenzten personellen Ressourcen. Das bedeutet, dass sich Medienhäuser viel stärker damit beschäftigen müssen, wie die Erstellung und Distribution von Inhalten mit Hilfe von Technologie gestaltet werden kann.

8. Medien im Wandel: Wer in die Forschung investiert, wird vorne liegen
Mit Erschrecken habe ich gesehen, wie gering der Forschungs- und Entwicklungsausgaben in der Medienbranche sind: Gerade einmal 0,57 Prozent der Einnahmen. Über alle Branchen hinweg liegt der Schnitt bei 5 Prozent. Schon jetzt sehen wir, wie sich die Spreu vom Weizen derer trennt, die ihre Hausaufgaben langfristig angegangen sind und in die eigene Infrastruktur investiert haben.

9. Inhalt für die Community
Ich wiederhole mich kurz: Im Digitalen werden nur die Marken langfristig erfolgreich sein, denen es gelingt, echte Verbindungen zur Zielgruppe aufzubauen. Dafür notwendig: Investitionen in echtes Communitymanagement. Vor allem Social Media ist nicht nur Distribution, sondern echte Kommunikation. Und das hat auch Auswirkungen auf die Darstellungsform. Tiktok, Instagram und Co. zeigen in ihrer Strategie derzeit, dass Bewegtbild die Darstellungsform der Stunde zu sein scheint. Doch egal ob als Reel, Post oder textlastige Infografik: Nur die Kanäle finden ihr Publikum, die wertvolle Inhalte für ihre Zielgruppe schaffen. Scheint wie ein Nobrainer, hat sich aber leider noch immer nicht durchgesetzt. Noch immer wird an vielen Stellen immer noch vor allem eins: gesendet.

10. Digitales Lernen
Die Pandemie hatte eine richtig gute Sache: Die meisten Menschen haben den Schreck vor Online-Lernformaten verloren. Digitale Formate sind selbstverständlich. Präsenzformate werden zur Ausnahme.

Noch nicht genug? Dann hör dir doch die aktuelle Ausgabe des „Was mit Medien“-Podcasts an. Dort haben Podcast-Profi Daniel Fiene, ARD-Digitalexperte Dennis Horn, Herr Pähler und ich über Trends in der Medienbranche gesprochen.

Du willst regelmäßig Ideen und Impulse, die dir dabei helfen, digitale Medien besser zu verstehen und die Mechanismen selbst anzuwenden? Dann abonniere meinen Newsletter!

Jahresendzeitfragebogen 2021

Nur noch wenige Stunden in 2021. Und seit Tagen überlege ich, wann ich mir die Zeit nehmen kann, den traditionellen Fragebogen auszufüllen. Denn diese Pause ohne Computer über Weihnachten und in den Januar hinein – in diesem Jahr brauche ich sie mehr denn je.

2021 war ein kräftezehrendes Jahr. Mehr dazu also jetzt hier in diesem Fragebogen. (Für alle Leser, die erst in den vergangenen Monaten dazu gestoßen sind: Früher (siehe unten) wurde dieser Fragebogen von ziemlich vielen Bloggerinnen und Bloggern ausgefüllt. Einige machen das immer noch. Ich gehöre dazu.)

Zugenommen oder abgenommen?

Trotz Lockdowns und verletzungsbedingten Laufpausen einigermaßen konstant geblieben.

Haare länger oder kürzer?

Jetzt kurz vor Jahresende nochmal kürzer.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

Ich bemerke allmählich, dass mir das Entziffern von kleiner Schrift auf Verpackungen zunehmend schwieriger fällt.

Mehr ausgegeben oder weniger?

Weniger. Eher weniger, denke ich.

Der hirnrissigste Plan?

2020 hat mir gezeigt: In einer Pandemie und mit zwei schulpflichtigen Kindern plane ich nicht. Sondern fahre auf Sicht. Damit bin ich 2021 ganz gut gefahren. Im Sommer wurde ich dann wieder mutiger und plante mit meiner Mutter ein Wellness-Wochenende. Prompt stiegen kurz davor wieder die Ansteckungen, aber am Ende ging dann doch alles gut. Hirnrissig war es aber auch zu glauben, dass die vielen Homeschooling-bedingten Abendschichten nicht doch irgendwann Spuren hinterlassen.

Die gefährlichste Unternehmung?

Weihnachten mit vier Haushalten.

Die teuerste Anschaffung?

Ein neues Sofa.

Das leckerste Essen?

Ich habe in 2021 meine Gänsekeulen-Skills weiter ausgebaut und bin vor allem stolz auf die Soße, die mir mehrfach gelungen ist. Die leckersten Essen waren aber die in größerer oder anderer Gesellschaft als nur der eigenen Familie. Ich liebe diese Stimmung und Unbeschwertheit, den gemeinsamen Genuss und die Gespräche. Ich hoffe, davon gibt es 2022 wieder mehr.

Das beeindruckendste Buch?

Daniel Schreibers „Allein“. Was ich sonst noch so gelesen habe – hier steht’s.

Der berührendste Film?

Ich habe kaum Filme geschaut. Wenn überhaupt dann Serien. Und hier muss ich Ted Lasso nennen.

Das beste Lied?

„Lauf davon“ von Danger Dan.

Das schönste Konzert?

2021 war kein gutes Jahr für Konzerte.

Die meiste Zeit verbracht mit?

Den Jungs.

Die schönste Zeit verbracht mit?

Mit den Jungs. Und mir allein.

Vorherrschendes Gefühl 2021?

Uff.

2021 zum ersten Mal getan?

Juli Zeh gelesen. Den Weihnachtsbaum gekauft und zum Auto getragen. Haustiere angeschafft, auch wenn es nur eine Wurmkiste war. Den Würmern geht es nach neun Monaten immer noch prächtig. Mehrfach die Trauermücken in der Wurmkiste bekämpft, derzeit steht es 3:2 für die Trauermücken. Ich liebe das Rheinland gerade, dass es hier nicht so kalt ist, dass wir die Kiste auf dem Balkon lassen können.

Heidelbeeren vom Strauch gepflückt und direkt gegessen.

Komische Liköre getestet und teilweise für gut befunden.

Einen Fahrradhelm gekauft.

Eine Journalistenwerkstatt geschrieben und mich so ein wenig an die Long-Form herangetastet.

2021 nach langer Zeit wieder getan?

Einen Schneemann gebaut. Gerodelt. Nach Berlin gefahren und Menschen aus dem Internet getroffen. In Hamburg Preise verliehen und gut gegessen. In Österreich gewesen und Kaiserschmarrn gegessen. Die letzte Sommerferienwoche mit den Kindern im Freibad verbracht und es sehr genossen. Zwischendurch ein paar Präsenzseminare gegeben und die Teilnehmenden mit „Willkommen in unserem Online-Seminar“ begrüßt.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?

Da fallen mir natürlich erstmal ganz viele Dinge ein, die im Zusammenhang mit der Pandemie stehen und die natürlich so dominant waren, dass sie vieles andere überlagerten. Dieses „Allein“-Gefühl gepaart mit dem Gefühl weiter abtauchen zu wollen. Mit Logo-Nachrichten völlig zufrieden zu sein.

Drei Dinge, auf die ich nicht hätte verzichten wollen?

Digitale Gesprächsrunden via Zoom und im vertrauten Kreis. Die digitale Goldene-Blogger-Sause im April. Im Lockdown unsere Freitagsrunden mit der befreundeten Kontaktfamilie.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

Wir schaffen das.

2021 war mit einem Wort?

Herausfordernd.

Wer sich nochmal durch die vergangenen Jahre klicken will: 2020, 2019,
2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003

2021: Das Jahr in Büchern

In jedem Jahr ziehe ich ein wenig Bilanz: Was habe ich geschaut, gehört, woran habe ich gearbeitet, woran nicht? Was waren eigentlich die großen Themen in diesem Jahr. Und regelmäßig veröffentliche ich auch eine Liste der Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Es waren weniger als im vergangenen Jahr. Was zum einen daran lag, dass ich mir in diesem Jahr aus bekannten Gründen wenig Zeit zum Lesen genommen habe bzw. ich oft nicht die Ruhe hatte, es zu tun. Und zum anderen habe ich viele Bücher zumindest zum Teil vorgelesen – ich muss sagen, da ich ahne, dass das irgendwann auch beim kleinen Sohn aufhört, genieße ich das sehr. Also los.

Carolin Hagebölling – Der Brief
Dieses Buch ist ein einziger Rausch. Die Autorin hat einen richtig guten Stil, der so mitreißt, ich konnte das Buch nicht beiseite legen. Das Ende lässt ein bisschen ratlos zurück, ich hätte mir da irgendwie mehr gewünscht, aber die Autorin hat mir auf Instagram geschrieben, dass das so sollte.

Daniel Schreiber – Allein
Nur gehört, aber dieser Essay hat mich extrem beeindruckt, wie präzise er Gefühlslagen beschreibt, über die ich mir selbst noch gar nicht so bewusst gewesen bin.

Isabel Bogdan – Mein Helgoland
Große Helgolandliebe, große Isabel-Bogdan-Liebe, tolles Buch. Und durch das Buch ist mal wieder James Krüss auf meine Mal-wieder-lesen-Liste gelangt. Hier steht noch ein bisschen mehr.

Vanessa Giese – Die Frau, die den Himmel eroberte
Schöner Erstling von Vanessa. Normalerweise nicht mein Genre, aber durchaus packend geschrieben und ich habe viel gelernt. Perfekter Stoff für einen ZDF-Epos.

Johanna Ardorjan – Ciao
Hier steht was dazu.

Juli Zeh – Über Menschen
Mein allererstes Buch, was ich von Juli Zeh gelesen habe, und es hat dazu geführt, dass ich meinen Sommerurlaub mit Juli Zeh verbracht habe. Ich mochte dieses Buch sehr gerne, hab lange drüber nachgedacht, ein paar Podcasts mit Zeh zur Entstehung des Buchs gehört. Schön.

Juli Zeh – Leere Herzen
War ok. Packend geschrieben und so, aber die Story hat mich nicht so gepackt.

Juli Zeh – Corpus Delicti. Ein Prozess
Das war toll. Richtig toll. Und wahnsinnig berührend und erschütternd. Wegen der Parallelen zu unserer Pandemielage, dem Umgang mit Themen wie der Impfpflicht usw.

Hengameh Yaghoovufarah – Ministerium der Träume
Wieder so ein Buch, was mich gefesselt hat und dafür gesorgt hat, dass ich es an einem Tag durchgelesen hatte. Tolle Dynamik, die dieses Buch entwickelt und covert das wichtige Thema, wie präsent der Nationalsozialismus heute immer noch in Deutschland ist. Das Buch zeigt, wie schwierig es für Geflüchtete ist, in Deutschland Fuß zu fassen und anerkannt zu werden. Es zeigt, wie unterschiedlich Frauen und Frauenbilder sind und das ist auch in 2021 noch erfrischend. Das Ende ist arg räuberpistolig.

Sophie Passmann – Komplett Gänsehaut
Ich hatte das Gefühl, ich muss es aus popkulturellen Gründen lesen. Habe dann aber gemerkt, dass es vermutlich nicht mehr meine Popkultur ist.

Bov Bjerg – Serpentinen
Große Bov-Bjerg-Liebe.

Noch nicht fertig, aber das kann sich nur noch um Tage handeln:

Maryanne Wolf – Schnelles Lesen, langsames Lesen: Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen

Evke Rulffes – Die Erfindung der Hausfrau

Kinderbücher:
Wir haben viel probiert. Und seit dem Frühjahr lesen wir jeden Tag mindestens ein Kapitel in der Lassemaja-Detektivreihe. Ich mag diese Reihe aus mehreren Gründen: Sie ist wirklich für Lesemuffel geschrieben, denn jedes Kapitel endet mit einem richtig gutem Cliffhanger. Und ich mag, dass es völlig normal ist, dass hier ein Junge und ein Mädchen gemeinsam ermitteln und es völlig normal ist, dass hier keine geschlechtsspezifischen Vorurteile gespiegelt werden.
Das Weihnachtsbuch ist auch zu empfehlen – das Rätseln macht selbst Erwachsenen Spaß.

Und wenn du wissen willst, was ich in den vergangenen Jahren so gefeatured habe – hier die alten Ausgaben:
2020, 2019, 2018, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006

Viernull – erste Learnings beim Düsseldorfer Medien-Start-up

Seit Mai 2021 gibt es in Düsseldorf ein neues Medium, es heißt Viernull . Vergangene Woche war ich an der RTL Journalistenschule als Leiterin des Seminars „Unternehmerischer Journalismus“ unterwegs. Und da es immer gut ist, Menschen aus der Praxis zu Wort kommen zu lassen bzw. zu hören, wie es andere machen, war Hans Onkelbach zu Gast, einer der Gründer von Viernull. Er berichtete darüber, was sich in den vergangenen Monaten getan hat, was ihn überrascht, was er unterschätzt hat und was sie alles schon anders machen als noch zu Beginn.

Und jeder, der sich darüber Gedanken macht, in irgendeiner Weise sein eigenes Ding zu machen – ob im Journalismus, im eigenen Unternehmen, in der Kommunikation – hier konnte jeder etwas mitnehmen. Ein paar Erkenntnisse möchte ich mit dir teilen.

1. Loslegen. Von der Idee bis zum Crowdfunding vergingen auch bei Viernull nur ein paar Monate. Bis das Projekt dann schließlich an den Start ging, nur wenige Wochen. Anfangen war für das Team das wichtigste. Und an die eigene Idee glauben.

2. Ziele setzen. Das Gründerteam hat sich klare Ziele gesetzt. Eine gewisse Abonnierendenzahl zu einem bestimmten Zeitpunkt, Umsätze – je genauer diese sind, desto einfacher ist es zum einen darauf hinzuarbeiten und gleichzeitig Vollgas zu geben.

3. Auf eigene Kompetenzen vertrauen. Einer fürs Technische, zwei Autoren, ein Fotograf – das war das Gründungsteam. Aber das noch mehr Kompetenzen notwendig sind, wurde allen schnell klar. Das zu erkennen und sich dann die richtigen Leute dazu holen – auch das ist wichtig.

4. Unperfekt ist das bessere Perfekt. Ja, klingt sehr floskelig. Aber is halt so. Nach und nach kommen neue Funktionen dazu. Seit dieser Woche können Abos auch verschenkt werden. Schritt für Schritt wird das Geschäftsmodell erweitert. Hätten die Jungs gewartet, um perfekt(er) an den Start zu gehen – sie hätten viel Zeit verschenkt.

5. News als Marketing-Instrument. Auch wenn sie sich eigentlich eher auf die großen Geschichten in Düsseldorf konzentrieren – wenn sie dann über ihre Kanäle doch mal News covern, vor allem dann, wenn sie kein anderes Medium hat, hilft das in der öffentlichen Wahrnehmung.

6. Community! Die vielen Zuschriften auf Themen im Newsletter, Hinweise auf Themen, Wünsche für Funktionen – zuhören, ernst nehmen und reagieren.

7. Netzwerk. Viele unterschätzen die Kraft des eigenen Netzwerks, nicht nur des direkten, sondern vor allem des indirekten Netzwerks. Es lohnt sich, dieses zu pflegen.

Warum ich gerne Newsletter schreibe

Wie lesen wir digital und wie auf Papier? Und welche Konsequenzen hat das auf das Aufbereiten und Schreiben von Inhalten im Digitalen. Ein Buch, ich bin gerade noch mittendrin, ist dabei besonders hilfreich. „Schnelles Lesen, langsames Lesen“ von Maryanne Wolf, Anja Hartmann hat es mir schon vor einiger Zeit ans Herz gelegt. Zu dem Buch an anderer Stelle mal mehr. Ich kann aber schon soviel sagen: Es ist kein Buch, dass das digitale Lesen verteufelt, sondern sowohl darauf hinweist, was uns möglicherweise verloren geht, wenn wir nur noch schnell und digital lesen, als auch darauf eingeht, was wir gewinnen, wenn wir beides beherrschen.

In diesem Buch habe ich aber auch eine wunderbare Rechtfertigung dafür gefunden, warum ich mich Woche für Woche hinsetze und diesen Newsletter verschicke. Und die möchte ich gerne mit dir teilen: Wolf schreibt nämlich: „Briefe laden zu einer Art Atempause ein, in der wir gemeinsam nachdenken und, wenn wir sehr viel Glück haben, eine besondere Art der Begegnung erleben können, die Marcel Proust einmal „das fruchtbare Wunder einer Kommunikation“ nannte, das einem zufällt, ohne dass man seinen Sessel dafür verlassen muss.“ Ich sehe diese Worte als Ansporn und arbeite daran, dass mir das gelingt.

Und folgende Worte, lang aber lohnenswert, brachten mich auf eine Idee: Wäre es vielleicht eine hilfreiche Therapie für unsere Gesellschaft, wenn wir einander ganz dringend mehr Briefe schreiben würden? „Briefe erlauben Gedanken, die, selbst wenn sie so dringlich sind, wie einige von denen, die hier angesprochen werden sollen, jenes Element von Leichtigkeit und Verbundenheit enthalten, die jeden echten Dialog zwischen Verfasser und Leser auszeichnet, in allem getragen von dem Wunsch, bei dem anderen wenn möglich neue Gedanken anzustoßen, die in eine ganz andere Richtungen gehen werden als die des Verfassers.“

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Acht Erkenntnisse aus der ARD/ZDF-Onlinestudie

Die ARD/ZDF-Onlinestudie ist raus – eine der wichtigsten Studien, um zu verstehen, wie Menschen das Internet nutzen. Natürlich habe ich mir angeschaut, was sich in den vergangenen zwölf Monate getan, welche Veränderungen es gegeben hat. Die spannendsten Aspekte habe ich für dich hier zusammengefasst. Auf geht’s.

Erstens: Die Internetnutzung erreicht im zweiten Jahr der Corona-Pandemie neue Höchstwerte. Es wird wird für noch mehr Menschen zum Tagesbegleiter. Insbesondere die Zahl derjenigen, die mindestens einmal am Tag das Internet genutzt haben, ist gestiegen. Das liegt vor allem daran, dass die Älteren das Internet intensiver nutzen als bisher.

Zweitens: Wie nutzen die Menschen in Deutschland das Internet? Hauptkategorie ist die mediale Nutzung. Die Haupttreiber: Video-Streamingdienste, Musikhören über Streamingdienste und das Lesen von digitalen Artikel auf verschiedenen Plattformen. Die Bewegtbildnutzung erhält einen starken Schub, genauso wie die Audionutzung. 

Drittens: Das Comeback des Textes: In der Corona-Pandemie sind vielen Menschen Artikel oder Berichte im Internet wichtiger geworden. Besonders die Nutzung von „Artikeln im Internet bei anderen Anbietern“ hat hier zugelegt. Was sich dahinter wohl verbirgt?  Ebenfalls an Bedeutung gewonnen: Chatten oder Whatsapp und Videoangebote im Internet. 

Viertens: E-Mail und Newsletter: Die E-Mail ist nach wie vor bei allen Altersgruppen in täglicher Verwendung – ein Drittel der Bevölkerung ab 14 Jahren schreibt oder liest täglich private E-Mails. Viele Medienunternehmen ignorieren diese Form der digitalen Kommunikation immer noch: Gut jede Fünfte liest mindestens einmal wöchentlich Newsletter – nach Altersgruppen aufgesplittet ist die Nutzung bei den 30- bis 49-Jährigen mit 27% am höchsten, gefolgt von 50 bis 69 Jahren (25%). Aber auch bei den unter 30-Jährigen beziehen 17% wöchentlich einen Newsletter. Oder um es im Studiensprech zu sagen: „Der Kommunikationsweg über E-Mail, der schon vor Jahren immer wieder als angestaubt und in die Jahre gekommen bezeichnet wurde, und der Versand von Newslettern bei der privaten Nutzung bergen ein größeres Potenzial, als zu vermuten gewesen wäre.“

Fünftens: 83% der Menschen in Deutschland nutzen Messengerdienste – an Whatsapp geht hier immer noch kein Weg vorbei. Je jünger, desto eher ist auch mal ein anderer Messenger in Nutzung, wobei die Nutzung dann eher eine Erweiterung des Messengerportfolios ist als ein Ersatz für Whatsapp. 

Sechstens: 60% der Gesamtbevölkerung nutzt Social-Media-Kanäle. Hier gibt es natürlich große Unterschiede je nach Alter – bei den 14- bis 29-Jährigen liegt der Wert bei 91%, bei den 40- bis 69-Jährigen immer noch bei 45%. Die beliebtesten Netzwerke in der Gesamtbevölkerung in der täglichen Nutzung: Instagram vor Facebook (hat im Vergleich zu 2020 sogar zugelegt!) vor Snapchat  und Tiktok.

Siebtens: Wer mit U30 kommunizieren will, kommt an Instagram nicht mehr vorbei. 73% der 14- bis 29-Jährigen nutzen mindestens wöchentlich den Kanal. Spannend aber auch: Während die mediale Aufmerksamkeit vor allem auf tiktok liegt, ist Snapchat in der jungen Zielgruppe mit 44% (TikTok 32%) deutlich relevanter.

Achtens: Die Rolle von Facebook als täglicher Begleiter wird von Instagram übernommen, allerdings bleibt  Facebook ungeachtet der Nutzungsfrequenz  das am häufigsten genutzte Social-Media-Angebot bei der Bevölkerung ab 30 Jahren. Nur in der jungen Zielgruppe sinkt die Relevanz von Facebook weiter.

Fazit: Wer keine Strategie hat, mit seinen Zielgruppen digital zu kommunizieren, hat ein Problem. Wer seine Zielgruppen nicht kennt, auch. Passgenaue Kommunikation ist in der sich immer weiter diversifizierenden Medienwelt und der einhergehenden zunehmenden Flut an Inhalten unabdingbar. 

(Selber lesen? Viel Spaß!)

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Veränderung beginnt mit der Beschäftigung damit

Wie stark muss die Arbeit im Newsroom eigentlich von Kennzahlen geprägt sein? Über diese Frage habe ich in den vergangenen Tagen mal wieder nachgedacht. Denn als ich selbst noch am Newsdesk saß und mit meinen Kolleginnen darüber entschied, welche Geschichte auf welchem Platz der Homepage platziert werden sollte, welche wir auf Twitter und Facebook ausspielen und welche auch im täglichen Newsletter verbreitet werden soll, da spielten Zahlen eine große Rolle. Weil wir uns tägliche und monatliche Ziele gegeben hatten, die wir erreichen wollten.

Doch natürlich sind Zahlen nicht alles. Denn manche Inhalte werden auch gespielt, weil wir uns positionieren wollen. Weil wir ein Thema in die Welt bringen wollen. In diesen Fällen besteht natürlich auch das Risiko, dass das mal nicht so gut funktioniert. Formulierung, Timing, Kanal – alles Faktoren, die dabei ebenfalls eine Rolle spielen können. 

Warum ich das erzähle? Weil ich gerade einen Workshop für einen Kunden vorbereite und nun seit einiger Zeit darauf warte, dass ich ein paar Daten erhalte. Rudimentäre eigentlich, wie die täglichen Besucher auf der Webseite, mit welchen Themen Digitalabos generiert werden, welche freien Inhalte gut laufen. Die Daten helfen mir, meinen Kunden besser zu verstehen.

Viel wichtiger aber: Mein Kunde lernt, sein eigenes Produkt besser zu verstehen. Indem er sich diese Daten erschließt, geht er den ersten Schritt dahin, seine Arbeit in Zukunft besser zu machen. Ich bin nicht sicher, ob der nun folgende Satz in der Vergangenheit von einem schlauen Menschen gesagt wurde, beim schnellen Googeln habe ich zumindest nichts gefunden. Ich finde aber, dass er das eben Geschriebene gut auf den Punkt bringt: Die Lösung des Problems beginnt mit der Beschäftigung damit.

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Studie: Wie schlecht sind Firmeninhalte auf Linkedin?

In den letzten Monaten haben wir uns hier im Team sehr häufig mit dem Thema „Thought Leadership“ beschäftigt oder um es weniger buzzwordig zu sagen: Wie kann ich mit Inhalten Meinungen, Gedanken und Ideen unter die Leute bringen, um besser wahrgenommen zu werden bzw. den einen oder anderen am Ende von Kaufentscheidungen, Zusammenarbeit oder ähnlichen Dingen zu überzeugen. Gerade im B2B-Bereich ist hier Linkedin die „Plattform to be“ und wird ja auch bereits jetzt von sehr vielen Menschen dafür genutzt.

Kein Wunder also, dass Linkedin gemeinsam mit Edelman einmal untersucht hat, wie Entscheider*innen diese Inhalte bewerten. Die Studie dazu liefert einige spannende und ernüchternde Erkenntnisse: Viele finden so genannte Thought-Leadership-Inhalte allenfalls mittelmäßig. Problem: Nur wirklich gute, inspirierende Inhalte zahlen auch darauf ein, dass eine Marke anders wahrgenommen oder gar der Kaufentscheidungsprozess beeinflusst wird. Nur 15 Prozent der so genannten Thought-Leadership-Inhalte werden als sehr gut oder exzellent eingestuft!

Dabei ist es durchaus richtig, strategisch Inhalte zu entwickeln, denn Entscheider*innen suchen diese gezielt auf. Aus den unterschiedlichsten Gründen:

  • 71 Prozent wollen in ihrem Fachgebiet und über ihre Branche auf dem Laufenden bleiben
  • 71 Prozent hoffen auf Unterstützung beim Generieren neuer Ideen
  • 68 Prozent wollen von Zukunftstrends erfahren
  • 47 Prozent wollen neue Produkte entdecken
  • 65 Prozent hoffen, so besser Schlüsseltrends zu verstehen, die das eigene Geschäftsmodell beeinflussen
  • Und beim genauen Lesen gibt auch diese Studie wieder einige Tipps für die Erstellung eben dieser so genannter Inhalte.

    1. Auch hier gilt: Vorsicht kurze Aufmerksamkeitsspanne! Die Inhalte müssen schnell funktionieren!
    2. Sei smart: 87 Prozent sagen, dass Inhalte im besten Fall intellektuell anspruchsvoll und gleichzeitig Spaß machen sollen.
    3. Schaffe Inhalte, die klar machen, dass du die spezifischen Bedürfnisse deiner Kund*innen verstehst (und das bedeutet auch, dass du in Format, Stil und Ansprache flexibel sein solltest).
    4. Sei persönlich!
    5. Provoziere! 81 Prozent honorieren, wenn die Inhalte provokante Ideen liefern, die die eigenen Annahmen herausfordern
    6. Sei offen: 80 Prozent schätzen Daten, Studien und Erkenntnisse von Dritten
    7. Sei originell!

    Die komplette Studie zum Selberlesen.

    (Der Text war Teil meines wöchentlichen Newsletters. Hier kannst du ihn abonnieren.)

    Gendern nervt viele. Obwohl es gute Argumente dafür gibt

    Gendern. Hochemotionales Thema, aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich kenne mindestens zwei Leserinnen dieses Blogs, deren Herzschlag jetzt schon schneller geht. Denn zunehmend ist das eine Frage, die an mich in meinen Seminaren und Beratungen herangetragen wird. Sollen wir oder sollen wir nicht. Und wenn ja, wie.

    Ganz grundsätzlich: Gendern bezeichnet die Berücksichtigung des Geschlechts in der Sprache. Und das umfasst die unterschiedlichsten Varianten. Die „lieben Kolleginnen und Kollegen“, mit Sternchen, Doppelpunkt oder Unterstrich oder neutral formuliert wie in „die Studierenden“ – all diese Formen haben gemein, dass sich grundsätzlich erst einmal mehr Menschen angesprochen fühlen könnten. Mehr Menschen, d.h. all diejenigen, die man mit dem weit verbreiteten generischen Maskulinum möglicherweise ausschließt.

    Weil die meisten es bisher nicht tun, möchte ich an dieser Stelle einmal drei Argumente nennen, weshalb es sich lohnen könnte, sich mit dem Thema auseinander zu setzen.

    Erstens. Wer gendert – ob als Organisation, Institution oder Unternehmen – bekennt sich nach außen zu einer inklusiven und diversen Unternehmenskultur. Und das ist ja erstmal nichts Schlechtes.

    Zweitens. Wer vor allem junge Zielgruppen ansprechen möchte – zum Beispiel, um Stellen zu besetzen, sollte sich mit diesem Thema befassen. Eine Infratest-dimap-Umfrage aus dem Mai 2021 zeigt, dass die Befürwortung einer gendergerechten Sprache bei den 18-bis 39-Jährigen mit 38 Prozent am höchsten ist.

    Drittens: Auch für diejenigen, die einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auftrag wahrnehmen wollen, könnte Gendern eine Idee sein und das ist für mich persönlich das stärkste Argument, sich mit dem Thema Gendern auseinanderzusetzen. Denn: Zahlreiche Studien belegen, dass vor allem Kinder das generische Maskulinum nicht begreifen und sich bei männlichen Berufsbezeichnungen wie Pilot, Arzt oder Wissenschaftler eher männliche Vertreter vorstellen.

    Bei einem Experiment an der Freien Universität Berlin wurden Grundschülerinnen und Grundschülern Berufsbezeichnungen vorgelesen. Entweder mit Doppelnennung oder nur in der männlichen Form. Ergebnis: Diejenigen, die die Doppelnennung gehört hatten, konnten sich eher einen „typisch männlichen“ Beruf für sich vorstellen als die andere Gruppe. Allein mit Sprache können wir alle bereits im Kindesalter dafür sorgen, dass Mädchen bestimmte Berufe nicht kategorisch ausschließen.

    Schöner Nebeneffekt: Auf diesem Weg lässt sich auch daran arbeiten, dass mehr Frauen sich für eher männlich besetzte Berufe entscheiden. In diesem Zusammenhang fallen mir spontan folgende Stichworte ein: Chancengerechtigkeit, mehr Frauen in Führungspositionen, weniger Fachkräftemangel.

    Und wie genau das mit dem Gendern am besten geht – auch vor dem Hintergrund von Suchmaschinenoptimierung usw., darum geht es an anderer Stelle.

    So, und jetzt freue ich mich über (hitzige) Reaktionen. ;)

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    Die Kunst des guten Erzählens am Beispiel von Helgoland

    Zum ersten Mal war ich als Mitglied der Theater-AG meiner Schule auf Helgoland. Wir sollten dort unser Stück aufführen – „Der Geizige“ von Molière. Danach folgten noch einige Besuche. Und nach jedem Besuch auf Deutschlands einziger Hochseeinsel fuhr ich mit dem Gefühl: War schön, aber ich muss wiederkommen. Weil sie so schön ist, ich fasziniert bin von der Leere, wenn die Tagesbesucher wieder in ihre Katamarane gestiegen sind, weil es dann doch noch so viel Unentdecktes gibt. Und nach der Lektüre von Isabel Bogdans neuem Buch „Mein Helgoland“ habe ich nun noch ganz viele andere Gründe gefunden, die Insel noch einmal zu besuchen.

    “Mein Helgoland” ist eine Erzählung von Isabel Bodgan, die lange Zeit vor allem als Übersetzerin tätig war. Als sie vor einigen Jahren selbst einen Roman veröffentlichte, wurde der gleich zum zum Bestseller. (Sie ist zudem eine Bloggerin der ersten Stunde, aber das ist eine ganz andere Geschichte.) Bodgan erzählt über ihr Helgoland, das sie sehr stark mit dem Schreiben verbindet, denn dort verbrachte sie die eine oder andere Schreibzeit – allein und mit befreundeten Autor*innen. Und deshalb erzählt sie nicht nur von Helgoland, sondern auch vom Schreiben, worauf es ankommt, was ihr hilft, wie Romane und Geschichten entstehen. Das Allerschönste an dem Buch sind die Parallelen, die sie zieht, zwischen dem Geschichten erzählen, dem Schreiben und einem Besuch auf Helgoland. Was es für gutes Storytelling benötigt – auch hierfür liefert sie Inspiration.

    „Schreiben ist auch eine Insel. Man ist allein mit dem Text, abseits von allem anderen, und man bleibt gedanklich auch dann, wenn man gerade nicht am Schreibtisch sitzt, immer irgendwie bei der Geschichte, bei den Figuren, bei dem Thema, mit dem man sich gerade befasst. Man findet im Alltag plötzlich Dinge, die man für den aktuellen Roman gebrauchen kann, man hält immer die Augen offen nach verwendbarem Material (…).“

    Viele dieser unverwechselbaren Helgoland-Momente bringt sie mit dem Schreiben in Verbindung. Die Düne als Abschweifung, Nebenthema, die dadurch zum heimlichen Star der Geschichte wird. Sie verdeutlicht das am Besuch in den Bunkergewölben von Helgoland: „Für eine gute Geschichte muss man ebenfalls tief hinuntergehen, mitten rein ins Fundament. Dahin, wo die Verletzten und die Toten sind. Wo die Traumata sitzen. Man muss das nicht alles im Detail erzählen, aber als Autorin muss ich wissen, wie das Fundament aussieht. Ich muss wissen, in welchem tiefen Loch meine Figuren gesessen und sich zu Tode gefürchtet haben.“

    Ein bisschen Unterstützung holt sie sich dabei von Helgolands berühmtestem Autor James Krüss, vor allem, wenn es um die Kunst des Erzählens geht und zitiert ihn wie folgt: „Kästner hat mir sehr viele Ratschläge erteilt, wie man Kinderbücher schreiben muss. Zum Glück habe ich keinen einzigen seiner Ratschläge befolgt. Denn jeder muss sich seine eigenen Rezepte machen.“

    Zum Schluss findet Isabel Bogdan eine wunderbare Parallele zwischen dem drohenden Ende des Aufenthalts auf der Insel und der Frage, wann eine Geschichte eigentlich fertig ist. „Fertig ist man nie, man kann immer noch weitermachen, immer noch mal überarbeiten, etwas ergänzen, streichen, komplett ändern. Wann ist es fertig? Fertig ist immer auch eine Entscheidung (powered by deadlines).“

    Hier kann ich wiederum Parallelen erkennen: Fertig werde ich mit Helgoland nie. Aber ich entscheide mich dafür, in das Schiff zu steigen und vorerst zurückzufahren. Genauso wie ich jetzt der Meinung bin, dass ich dir am Ende dieses Textes den Link zum Buch darreiche, den Fun-Fact, dass die Ärzte in der ersten Demofassung des Songs „Westerland“ Helgoland besungen haben und einen dazugehörigen Youtube-Beweis. Viel Spaß mit dem Ohrwurm.

    (Dieser Text war in einer abgewandelten Version Teil meines Newsletters, in dem ich jede Woche Inspiration, Best Practice und Tipps und Tricks zur Digitalen Kommunikation verschicke. Hier kannst du ihn abonnieren.)