Was Schreiben für mich ist

Ich war mal wieder im Kasseler Wald, bei einem Schreibworkshop. Ich hab das schon mal gemacht, letztes Jahr, Ende Januar.
Am ersten Tag lernten wir uns kennen, am zweiten trugen wir unsere ersten Texte vor und erhielten Aufgaben für den nächsten. „Ich finde, jeder sollte einmal eine solche Erfahrung machen“, sagte ich zu einer Mitstreiterin nach einem kleinen Spaziergang. Kopf durchpusten und so. Denn ich wusste, was jetzt auf mich zukommt: Ich werde einen Text schreiben zu einer Frage, dich mich unterbewusst seit längerem beschäftigt, ich es aber noch nicht geschafft habe, die Antwort zu formulieren.
Am dritten Tag haben wir uns unsere Texte vorgelesen, besprochen, Feedback gegeben. Es sind Tränen geflossen der Rührung, der Freude, tiefen Gefühlen, Traumata, die zum Vorschein kamen. Und wir haben auch gemeinsam gelacht.
Die vergangenen Tage haben meinen Blick auf die heilsame Wirkung des Schreibens wieder einmal geschärft.
Erstens: Wer schon einmal ausprobiert hat, regelmäßig zum Beispiel Morgenseiten zu schreiben, der hat vielleicht schon einmal gespürt, was dabei in Gang kommt. Einfach losschreiben, ohne Ziel, ohne Idee, worum es gehen soll. Einfach mal schauen, welche Worte kommen. Das beste: Irgendwas kommt immer und genau darin liegt die Kraft.
Zweitens: Ich mag den Spruch „Dem Gehenden legt sich der Weg unter die Füße“ sehr, weil er nun ja klar macht, dass dann, wenn wir in Bewegung bleiben, schon Dinge möglich werden, Dinge, die wir vorher nicht gesehen haben, Optionen, die es auszuprobieren gilt. Ich würde ergänzen: Nicht nur dem Gehenenden, auch dem Schreibenden legt sich der Weg unter die Füße. Ich habe letztens mit jemanden daürber gesprochen, dass dieses wöchentliche Newsletterschreiben für mich auch ein persönliches Ritual ist. Denn natürlich kostet auch das Zeit und Kraft. Aber: Die Vorteile dieses wöchentlichen Rituals überwiegen. Die Tatsache, dass ich mir einmal die Woche Zeit dafür nehme zu reflektieren, was gerade wichtig ist, mir einen Überblick zu verschaffen, was in der Welt so los ist und was es für unsere Arbeit bedeutet, das ist mehr als das reine Verschicken eines Newsletters. Und manchmal entstehen dabei eben auch Ideen für neue Angebote, Impulse für bestehende Kunden. Dinge, auf die ich ohne dieses Innehalten vielleicht nicht möglich gewesen wären.
Drittens: Ich habe mich in den vergangenen Monaten auch mit dem Briefeschreiben beschäftigt. Habe Briefe gelesen, die das Erwachsenwerden eines Mannes beschreiben. Und entdeckt, dass auch der Austausch von Banalitäten so hilfreich sein können. Oder Floskeln, die ich in der Fülle irgendwann kaum noch ertragen konnte, die aber in dem Moment, in dem man einen Brief erhält, wahnsinnig beruhigend sein können, heilsam, Verbindung haltend. Mir geht es gut, wie geht es dir? Das Wetter ist ganz schön kalt, hoffentlich wird der Sommer schön. Wohin fährst du in diesem Jahr in den Urlaub?
Viertens: Und dann ist da noch etwas, worüber ich lange nicht nachgedacht habe – obwohl ich seit Jahren schreibe. Früher als Journalistin. Heute meist für Kunden. Ich weiß, wie man einen Text aufbaut, eine Botschaft zuspitzt, jemanden abholt und mitnimmt. Professionelles Schreiben hat immer ein Ziel. Einen Empfänger. Eine Wirkung. Es ist immer nach außen gerichtet. Und genau das, habe ich gemerkt, kann einem den Blick verstellen – auf sich selbst.
Was ich in diesen Tagen im Hilla wieder gespürt habe: Schreiben kann auch nach innen gehen. Um bei sich zu sein. Weil wir so gut darin sind, für andere zu formulieren – und so schlecht darin, uns selbst gegenüber zuzugeben, was wirklich ist.
Und das der Grund, warum ich finde: Jeder sollte das einmal gemacht haben. Einen Text schreiben, der die eigene Welt erkundet, die eigenen Gefühle. Nicht wegen der Texte, die dabei entstehen. Sondern wegen dem, was man über sich selbst herausfindet, wenn man anfängt zu schreiben – und plötzlich nicht mehr aufhören kann.











