Mythos Blogosphäre: Was mir noch durch den Kopf geht

Angeregt von der Gelegenheit auf der republica über den „Mythos Blogosphäre“ zu sprechen, habe ich nochmal nachgedacht, wie es damals wirklich war. Erst dachte ich: Warum eigentlich gerade jetzt im Jahr 2026? Und nach unserem Talk dort und vielen Gesprächen am Rande habe ich bemerkt: Ja, lohnt sich. Weil das, was wir damals gemacht haben – weil es eben ging – auch heute noch relevant ist.

1. Blogging war zutiefst persönlich.

Das Faszinierende am „Mythos Blogosphäre“ ist für jede Person komplett anders. Weil dabei so viel im Inneren passiert. Ich baue eine Beziehung auf zu jemandem, der vielleicht gar nicht weiß, dass ich existiere. Ich lese jemanden wochenlang, monatslang – und diese Stimme wird vertraut und beeinflusst mein Denken, wie ich selbst schreibe. Das ist keine Einbahnstraße, die mir peinlich wäre. Das ist, wie Kultur funktioniert. Bücher machen das auch. Filme, Musik. Blogs haben es nur viel persönlicher gemacht – und machen es zum Teil noch heute.
Dieses Gefühl suchen Menschen überall.  Die Studierende, die unsere rp-Bühne betreute mischte sich irgendwann in unser Gespräch ein und sagte, dass sie dieses Verbundenheitsgefühl, das wir da beschreiben, heute häufig auf Social Media vermisse. Wir alle mögen es, verbunden zu sein und suchen danach: In Newslettern, die wir abonnieren, obwohl wir eigentlich keine Zeit haben. In Podcasts, bei denen wir keine Folge verpassen. In Accounts, denen sie seit Jahren folgen, ohne je zu kommentieren. Das Bedürfnis nach einer vertrauten Stimme ist nicht kleiner geworden. 

2. Wir haben gelernt, wie Publizieren geht.

Und das am eigenen Leib: Manche haben ihre Blogs selbst gebaut, wir haben gelernt, wie Bilder integriert werden können, Videos, die ganze Klaviatur. Wir wussten plötzlich, wie es ist, viral zu gehen. Wie Aufmerksamkeit funktioniert. Was einen Text trägt – und was nicht. Das war Training in Echtzeit, auch wenn wir das nicht so empfunden haben.

3. Blogging war Community.

Wir haben uns gegenseitig gelesen, verlinkt, kommentiert, gestritten. Die Blogosphäre war eine Subkultur, die sich selbst mit Texten beobachtete. Peter Praschl hat das damals auf den Punkt gebracht: Blogs haben die Linkstruktur des Internets ernst genommen. Kein Endpunkt sein wollen, sondern Knoten. Weiterverweisen. Einordnen. Verbinden. Das klingt technisch, ist aber eher eine Haltung.

4. Bloggen war Twitter, bevor es Twitter gab.

Das sage ich bewusst provokant: Viele Posts 2004, 2005 waren kurz, impulsiv, pointiert. Kein langer Essay. Ein Gedanke, ein Moment, ein Link mit zwei Sätzen dazu. Die Ironie? Vieles davon ist dann zu Twitter gewandert – und hat Blogs damit dieses Vernetzungselement genommen.

5. Blogs waren auch eine Kontaktbörse.

Natürlich wollten wir wissen, wer hinter den Websites steckt. Also trafen wir uns. Blogmich, Bloggertreffen. Inés hat das bei der re:publica so schön beschrieben: Wir waren damals alle Fangirls und Fanboys voneinander – und das war wirklich toll. Als ich nach Düsseldorf zog, waren Blogger*innen neben Kolleg*innen meine ersten echten Kontakte dort. Nicht der Tennisclub (Ok, ich habe nie Tennis gespielt, aber ihr wisst, was ich meine.) Blogs.

6. Wir wollten es besser machen.

Es gab den Anspruch: Die etablierten Medien verstehen etwas nicht. Wir schon. Die persönliche Perspektive, das absolute Expertentum, die Bereitschaft, an Themen dranzubleiben. Quellen verlinken. Das klingt heute wie Basiswissen, war es damals in Redaktionen nicht immer.

7. Mein eigenes Schreiben

Es war roh, direkt, manchmal übermütig. Kommt von einer Frau Ende 20, die einfach losgeschrieben hat. Aber genau das war auch die Stärke. Keine Angst vor der eigenen Meinung. Manchmal vermisse ich diese Rohheit, dieses Einfach-drauf-losschreiben. Aber das hat sich zurückverlagert auf Offline-Kanäle.

8. Der Anfang der Diversifizierung.

Irgendwann kam Twitter, Facebook, YouTube. Bilder, Videos, Podcasts. Die Mechaniken des Bloggens wurden in allen Mediengattungen ausprobiert und angepasst. Aber vieles blieb: Community aufbauen, persönlich sein, das Aufmerksamkeitsspiel spielen. Nur die Formate wurden mehr. Das war ja auch der Grund dafür, dass wir bei den Goldenen Bloggern schnell nicht nur klassische Webseitenblogs, sondern auch Instagram-Accounts, Newsletter, Podcasts und Co. ausgezeichnet haben.

9. Was uns alle verband: die Liebe zum geschriebenen Wort.

Am Ende bleibt das. Wir haben geschrieben, weil wir schreiben wollten. Weil Sprache uns etwas bedeutet hat. Das Schöne: Es gibt immer noch Menschen, denen das etwas bedeutet. Inmitten von KI-Texten, algorithmischen Feeds und kurzlebigen Trends sehnen sich Menschen nach Stimmen, die echt klingen. Nach Texten, die jemanden verraten. Nach Sprache, die nicht optimiert ist – sondern gemeint.

Was bleibt.

Ganz viel von, dem was damals war und das Bloggen geprägt hat, ist nicht verschwunden. Community aufbauen, persönlich sein, eine vertraute Stimme entwickeln, Aufmerksamkeit gewinnen – das alles passiert immer noch. Und ist gewachsen, muss jetzt professionell sein und skalieren. 

Und auch das ist die Wahrheit: Dieselben Mechanismen, die damals dafür gesorgt haben, dass sich Menschen gefunden, verbunden und inspiriert haben, funktionieren heute genauso gut für das Gegenteil. Die krasseste These gewinnt das Aufmerksamkeitsspiel – das war schon 2005 so. Nur damals blieb es in der Nische. Heute wird es Mainstream. Algorithmen verstärken, was Reaktion erzeugt. Und Empörung erzeugt mehr Reaktion als Einordnung. Mit den Konsequenzen müssen wir jetzt umgehen. 

Und hier noch weitere Links:
Alexander Matzkeits Reflexionen

Der erste Tag auf der re:publica aus der Sicht von Felix Schwenzel

Die 2Cents von der Kaltmamsell

Die Fotos stammen vom wunderbaren Jonathan Kemper!

Was Schreiben für mich ist

Ich war mal wieder im Kasseler Wald, bei einem Schreibworkshop. Ich hab das schon mal gemacht, letztes Jahr, Ende Januar.

Am ersten Tag lernten wir uns kennen, am zweiten trugen wir unsere ersten Texte vor und erhielten Aufgaben für den nächsten. „Ich finde, jeder sollte einmal eine solche Erfahrung machen“, sagte ich zu einer Mitstreiterin nach einem kleinen Spaziergang. Kopf durchpusten und so. Denn ich wusste, was jetzt auf mich zukommt: Ich werde einen Text schreiben zu einer Frage, dich mich unterbewusst seit längerem beschäftigt, ich es aber noch nicht geschafft habe, die Antwort zu formulieren. 

Am dritten Tag haben wir uns unsere Texte vorgelesen, besprochen, Feedback gegeben. Es sind Tränen geflossen der Rührung, der Freude, tiefen Gefühlen, Traumata, die zum Vorschein kamen. Und wir haben auch gemeinsam gelacht.

Die vergangenen Tage haben meinen Blick auf die heilsame Wirkung des Schreibens wieder einmal geschärft.  

Erstens: Wer schon einmal ausprobiert hat, regelmäßig zum Beispiel Morgenseiten zu schreiben, der hat vielleicht schon einmal gespürt, was dabei in Gang kommt. Einfach losschreiben, ohne Ziel, ohne Idee, worum es gehen soll. Einfach mal schauen, welche Worte kommen. Das beste: Irgendwas kommt immer und genau darin liegt die Kraft.

Zweitens: Ich mag den Spruch „Dem Gehenden legt sich der Weg unter die Füße“ sehr, weil er nun ja klar macht, dass dann, wenn wir in Bewegung bleiben, schon Dinge möglich werden, Dinge, die wir vorher nicht gesehen haben, Optionen, die es auszuprobieren gilt. Ich würde ergänzen: Nicht nur dem Gehenenden, auch dem Schreibenden legt sich der Weg unter die Füße. Ich habe letztens mit jemanden daürber gesprochen, dass dieses wöchentliche Newsletterschreiben für mich auch ein persönliches Ritual ist. Denn natürlich kostet auch das Zeit und Kraft. Aber: Die Vorteile dieses wöchentlichen Rituals überwiegen. Die Tatsache, dass ich mir einmal die Woche Zeit dafür nehme zu reflektieren, was gerade wichtig ist, mir einen Überblick zu verschaffen, was in der Welt so los ist und was es für unsere Arbeit bedeutet, das ist mehr als das reine Verschicken eines Newsletters. Und manchmal entstehen dabei eben auch Ideen für neue Angebote, Impulse für bestehende Kunden. Dinge, auf die ich ohne dieses Innehalten vielleicht nicht möglich gewesen wären.  

Drittens: Ich habe mich in den vergangenen Monaten auch mit dem Briefeschreiben beschäftigt. Habe Briefe gelesen, die das Erwachsenwerden eines Mannes beschreiben. Und entdeckt, dass auch der Austausch von Banalitäten so hilfreich sein können. Oder Floskeln, die ich in der Fülle irgendwann kaum noch ertragen konnte, die aber in dem Moment, in dem man einen Brief erhält, wahnsinnig beruhigend sein können, heilsam, Verbindung haltend. Mir geht es gut, wie geht es dir? Das Wetter ist ganz schön kalt, hoffentlich wird der Sommer schön. Wohin fährst du in diesem Jahr in den Urlaub?

Viertens: Und dann ist da noch etwas, worüber ich lange nicht nachgedacht habe – obwohl ich seit Jahren schreibe. Früher als Journalistin. Heute meist für Kunden. Ich weiß, wie man einen Text aufbaut, eine Botschaft zuspitzt, jemanden abholt und mitnimmt. Professionelles Schreiben hat immer ein Ziel. Einen Empfänger. Eine Wirkung. Es ist immer nach außen gerichtet. Und genau das, habe ich gemerkt, kann einem den Blick verstellen – auf sich selbst.

Was ich in diesen Tagen im Hilla wieder gespürt habe: Schreiben kann auch nach innen gehen. Um bei sich zu sein. Weil wir so gut darin sind, für andere zu formulieren – und so schlecht darin, uns selbst gegenüber zuzugeben, was wirklich ist.

Und das der Grund, warum ich finde: Jeder sollte das einmal gemacht haben. Einen Text schreiben, der die eigene Welt erkundet, die eigenen Gefühle. Nicht wegen der Texte, die dabei entstehen. Sondern wegen dem, was man über sich selbst herausfindet, wenn man anfängt zu schreiben – und plötzlich nicht mehr aufhören kann.