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Lieber Journalisten-Nachwuchs,

09.02.10 | leben | 39 Kommentare

wir müssen reden. Echt jetzt. Das geht nicht so weiter. Weil ich euch nicht verstehe. Weil ich mich sogar über euch ärgere. Irgendwie wollt ihr alle was mit Medien machen, vielleicht auch ein paar große Geschichten hinlegen, Leitartikel schreiben oder Skandale enthüllen. Komischerweise wollt ihr dafür aber nicht wirklich etwas tun.

Ihr wollt am liebsten sofort große Artikel schreiben. Aber an Texten arbeiten, Kritik anhören und annehmen, von mir aus sie auch in Frage stellen, diskutieren, alles komplett nochmal umschreiben – da seid ihr raus. Der Biss, eine Geschichte zu Ende zu recherchieren, die fehlende Information unbedingt rauszukriegen, damit die Geschichte rund wird – nö. Oder eben nur ganz ganz selten.

Habt ihr als Praktikant irgendwas fertig geschrieben, erwartet ihr, dass man euch sofort Feedback gibt. Geht dies nicht, sitzt ihr gelangweilt rum und fragt alle fünf Minuten, was ihr als nächstes machen könnt, anstatt einfach mal selbst kreativ zu werden.

Außerdem: Was soll man eigentlich von Leuten halten, die zu Vorstellungsgesprächen gehen und sich das Produkt, für das sie sich bewerben, nicht einmal anschauen? Fragen, die man euch dann dazu stellt, beantwortet ihr lieber falsch, als zuzugeben, euch nicht vorbereitet zu haben. Was ich wirklich gern einmal wissen würde: Warum geht ihr überhaupt dorthin?

Nicht zu vergessen: Alle wollen über Kultur schreiben, am liebsten über Filme oder Musik. Oder über Sport. Und dann nur über die Vereine, die sie selbst gut finden. Sorry, aber das nennt man nicht Journalismus, sondern Fanseitenbetexter.

Ich habe mich längst davon verabschiedet, auf Menschen zu treffen, die das Internet begreifen. Ich habe mich auch davon verabschiedet, auf Menschen zu treffen, die das Internet lieben. Ich freue mich ja schon darüber, wenn ich höre, dass ihr eure für Print geschriebenen Texte auch schon mal ins Internet gestellt habt. Und bin fast begeistert, wenn ihr von euren Erfahrungen mit direkten Leserreaktionen berichtet.

Ich würde mir Engagement wünschen, Kreativität, eigene Köpfe und Neugier. Ich glaube nicht, dass ich zu viel will.


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