Fetzen

„Eine Bockwurst bitte.“ Fett spritzt aus der Wurst heraus oder Wasser. Immer wenn ich an Bockwurst denke, kommt mir dieses Spritzen in den Sinn. Diese prall gefüllte Pelle, aus der es herausspritzt, sobald man seine Gabel in die Haut stößt. Prall gefüllt ist auch der Mann, der besagte Geschmacksverirrung orderte. Stolz trägt der Glatzkopf mit der großen Brille seinen Bauch vor sich her. „Mmh, die sieht aber lecker aus“. Lecker. Ts. Und dann auch noch in Bezug auf Bockwurst.

„Vorsicht, das Brötchen ist ganz frisch“, die Dame hinter der Theke reicht im den Teller hinüber. Die Wurst liegt in einem großen Klacks gelbem Senf, nicht der ‚gute’ aus Bautzen, aber schön gelb ist er. „Hier, iss“, schiebt er den Teller zu seiner Frau hinüber. Die dunklen Augen ins unbestimmte gerichtet, ein wenig einfältig schaut sie umher, die dicken Finger greifen unbeholfen nach der Wurst.

Das Mädchen hinter der Theke ist nun vor der Theke. Mit ihrem gräulich schimmernden Lappen wischt sie über den Tisch. Das frische Brötchen hat gekrümelt. Kaum ist sie fertig und wieder an dem gewohnten Platz, kommt er in den Bahnhofskiosk. Die Jeans sitzt zu tief, der Pulli meliert unter der Jacke hervorschimmernd setzt er sich mit seinem Vater an den Tisch. Der knallblaue Jutebeutel baumelt an seinem Handgelenk, auch als er die Karte studiert. 1 Euro der Kaffee, ein großer für 1,80 Euro. Der große Kakao kostet ebensoviel – Preise sind das hier. Er bestellt einen Kakao, während sein Vater beinahe wortlos zum Kaffee greift. Der Reisverschluss knarrt beim Öffnen. Endlich sitzen sie. Der Sohn erzählt von Zügen, den letzten bezeichnet er als Lumpensammler. „Lumpensammler“, wiederholt der Vater und lächelt. Lumpensammler.

Wie lange sie schon an dem anderen Tisch saß, ist nicht auszumachen. Ein paar Züge hat sie allerdings schon genommen, aus ihrem Glas. Das Haar streng zu einem Dutt zusammengesteckt wühlt sie in der Tasche. Eine graue Strähne fällt ihr ins Gesicht. Sie hat gefunden, was sie suchte, blickt kurz um sich. Als sie sich unbeobachtet fühlt, gießt sie den restlichen Weinbrand aus dem Flachmann mit in ihr Schwarzbier.

Ich sitze im Zug. Endlich. Das Warten in der feuchten Kälte, um mich herum die lärmenden Fußballfans, die den Sieg oder Fast-Sieg oder die Niederlage besingen. Sie sind laut. Die umstehenden Reisenden werfen sich verstohlene Blicke zu, muss das sein? Finden die anderen es ähnlich nervend? Sitzen, die Wärme kriecht langsam wieder in meine Knochen. Endlich sitzen, endlich Ruhe. Von Ferne kommen noch vereinzelte Rufe der reisenden Anhänger. Und dann höre ich es. Dieses kreischende, irre Lachen hinter mir.

Nein, nicht schon wieder.

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