Enrico und Kathleen

Enrico und Kathleen waren mal wieder aus. Kurz entschlossen hatte er seinen Hasen, wie er sie liebevoll nannte, heute Nachmittag gefragt, ob sie sich nicht mal wieder das abendliche Kochen sparen wollte. Sie musste nicht antworten, ihre Augen glänzten, schließlich war sie noch nicht im Keller gewesen, um das eingefrorene Putenfleisch aus der Tiefkühltruhe zu holen für das abendliche Menü. ‚Der Heimfrost-Mann müsste auch mal wieder kommen‘, schoss es ihr plötzlich in den Kopf. Na, vielleicht nächste Woche.

Mit ihrer linken Hand fuhr sie sich über ihre blonden, frisch dauergewellten Haare. Erst gestern war sie nach der Arbeit im Büro beim Friseur gewesen, eigentlich perfekt für den abendlichen Ausflug in die Innenstadt. Endlich würde sie mit ihrem Bärchen mal wieder ausgehen. Schnell huschte sie in das gemeinsame Schlafzimmer, um sich die passende Kleidung zusammenzusuchen. Was sollte sie bloß anziehen? Die neue Jeans oder doch einmal den neuen Rock? Beim Einkaufen in dem großen Real-Markt am Rande der Stadt heute Morgen war es recht kühl gewesen, sie hatte in ihrer blauen Esprit-Jeansjacke (used look) sogar ein wenig gefroren.

Rund vier Stunden später saßen die beiden in ihrem schwarzen Ford Mondeo, sie hatte extra die goldene Kette angelegt, die er ihr in ihrem letzten Türkei-Urlaub geschenkt hatte, er, der seine Haare stets kurz trägt, hatte diesmal mit ein wenig Gel nachgeholfen, damit der Igel auch wirklich perfekt saß. Unter der blauen No-Name-Jeansjacke trug er das orangefarbene Hemd, was sie ihm erst in der letzten Woche aus der Stadt mitgebracht hatte. Er fühlte sich gut. Im Radio lief einer seiner Lieblingssongs: Bon Jovis „It’s my life“ und genauso fühlte er sich gerade. Wie gern würde er einmal in einem dieser schnellen Autos, ein Porsche oder vielleicht sogar einem Ferrari…, dazu dieser Song, das wär’s. Er hatte gar nicht bemerkt, wie die Zeit vergangen war, da bogen sie auch schon in das Parkhaus der Innenstadt ein. Kurz bevor er die Fensterscheibe herunterfuhr, blinzelte er seinem Hasen noch einmal zu. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass sie ihm die ganze Zeit von dem gestrigen Telefongespräch mit ihrer besten Freundin Mandy erzählt hatte. Die hatte sich wieder einmal von ihrem Freund getrennt, lange hatte sie es noch nie bei einem Mann ausgehalten.

Nachdem sie bei Pizza Hut beide eine Salami-Pizza gegessen hatten, spazierten sie Hand in Hand langsam zum Cinemaxx. Großes Popcorn-Kino am Samstagabend sollte es sein, dazu noch eine Cola, man gönnt sich ja sonst nichts und dank der Menü-Angebote mussten sie dafür sogar nur 7,60 Euro zahlen. ‚Ein Menü und dazu eine Cola für die Dame’, wie leicht das heute alles ging, dachte Enrico. Kino 7, die Platzwahl war frei, sie kuschelten sich in einen der Doppelsitze ohne Armlehne, die beim gemeinsamen Popcornessen eh nur gestört hätte.

Der Vorhang ging auf, die Werbung. Eigentlich mochten die beiden Werbung ja nicht, zuhause vorm Fernseher zappten sie dann immer, aber hier im Kino machte Werbung richtig Spaß. Enrico lachte laut auf, als kurz vor Ende des ersten Werbeblocks dieser verrückte Kerl sein T-Shirt von sich riss, weil er bei der Hitze halluzinierte, dass sich die gut aussehende Frau auf dem Plakat für ihn räkelte. Als dann die drei kleinen Kinder mit ihrer Mutter vor dem Gefängnis laut „Happy Birthday“ für ihren Vater sangen und der kleine Junge dann erfuhr, dass er noch 4 mal singen müsse, bis sein Vater aus dem Gefängnis zurückkomme, musste auch Kathleen laut lachen. Sie rutschte noch ein bisschen tiefer, kuschelte sich an ihr Bärchen, gleich musste es losgehen.

Kaum lief der Abspann über die Leinwand sprang Kathleen auch schon auf. Schon in den letzten 10 Minuten war sie nervös auf ihrem Sitz hin und hergerutscht, wäre sie doch bloß vor dem Film noch einmal schnell hinaus, egal, sie konnte nicht anders, kämpfte sich durch die Reihe raus auf den Gang und hinunter zur Toilette. Dort holte sie Enrico dann ab, der sich schon einmal eine Zigarette angezündet hatte. Als sie aus dem Kino heraustraten, zerzauste ein kleiner Windstoß Kathleens frisch gekämmte Haare.

Der Abend war doch noch mild geworden.

Eine Antwort zu “Enrico und Kathleen”

  1. Sebas sagt:

    Eine schöne, stille Liebe in Gleichklang. Wunderbar. Ganz zauberhaft.

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