Joachim Lottmann: Die Jugend von heute

„Jugend von heute“, ich weiß nicht, wie oft ich diese Platte von Blumfeld damals gehört habe. Immer und immer wieder. Zur gleichen Zeit kannte ich einen Kerl, der unbedingt jung bleiben wollte, aber nicht wirklich in der Lage dazu war. Am Wochenende in den Clubs? Nicht wirklich. Der Job schlauchte und all seine Freunde hatten keinen richtigen. Sie waren auch fast alle unter 30, während er unter der Woche mindestens 60 Stunden schuftete. Es ärgerte ihn, dass er an den Wochenenden immer so müde war. Bindungsfähig? Nein, es könnte ja immer noch etwas Besseres kommen. Alle Optionen offenhalten, war wohl eher sein Motto.
Der Hauptdarsteller Lolo in dem Buch ist Mitte 40. Eigentlich hat er so etwas wie eine Freundin in Köln, doch er bedauert es, dass er, seitdem er in Berlin wohnt, nicht einmal eine richtige Affäre hatte. Sowieso erscheint die Bundeshauptstadt als eine große Masse Junger und Junggebliebener. Es geht vor allem um das Sichten potenzieller Partner, kein Sex, nur ein bisschen Kuscheln und dann ab zum Nächsten. So zumindest beschreibt der Hauptdarsteller das Leben seines Neffens Elias. Er zieht mit ihm durch die Clubs, nimmt alles, was aufputscht, um durchzuhalten.
Joachim Lottmann beschreibt die Generation der Turnjacken tragenden Junggebliebenen in Berlin. Das kann nach 300 Seiten wirklich nervend sein. Und wenn es einen auch noch an alte Bekannte erinnert, sogar schmerzhaft. Trotzdem ein Buch, was wirklich jeder Berliner gelesen haben sollte.

8 Antworten zu “Joachim Lottmann: Die Jugend von heute”

  1. Lu sagt:

    das buch hat mich depremiert, weil es mir die kälte berlins, die ich dort immer empfunden habe, ins gedächtnis zurückgebracht hat. seite für seite.
    das fand ich anstrengend.

  2. Setza sagt:

    Ich bin stets ganz verblüfft bei solchen „Draufsichten“ auf das „kalte Berlin“…

    Für meine kleinstädtische Mama z.B. herrscht auf einem normalen Berliner S-Bahnhof an einem Vormittag „unglaubliche Hektik“. Ich seh da immer nur Leute ein- und aussteigen, und es sind die nicht-Berliner, die im Wege stehen oder Dich anrempeln. Was allerdings klar ist, weil sie sich nicht auskennen oder ständig Angst haben, ihren Zug zu verpassen…

    Was ist hier kalt, kannst Du mir das beschreiben? (Vielleicht bin ich es ja schon… hm.)

  3. Lu sagt:

    die kälte setzte sich zusammen aus der witterung, die dank der lage meist schneidender ist, als hier im rheinland. die gigantische größe der stadt, der damals frisch erschlossene osten, die jugendgangs mit kanpfhunden, die türkischen mädchengangs in treptow, die aus kreuzberg kamen und eine junge mutter zusammentraten, die uBahnhöfe, in denen der wind pfiff, die arroganz der menschen, dieses ewige hippe, hier ist kunst, hier ist berlin, wir scheissen geschichte.
    das alles sind alte eindrücke, so erlebte ich berlin mehrmals in einem zeitraum von zwei jahren, und das alles ist 15 jahre her.
    es ist neu zu erleben, auf jeden fall, aber ich greife hier natürlich nur auf erlebtes zurück.
    ein freund, der seit letztem jahr beruflich dort lebt, erzählt allerdings ähnliches.
    es gibt städte, die erschließen sich einem, und es gibt welche, die tun genau das nicht. berlin empfand ich immer als ungastlich.
    wenn ich allerdings die klassischen berliner altbauwohnungen sehe, wo man für den weg durch die diele einen roller bräuchte, mit 10 hektar hinterhofgartn, dann grinse ich breit und denke, och, so schlimm kanns nicht sein.

  4. Setza sagt:

    Dein „bedankt“ in Deinem Impressum weist auf ’ne österreichische Provinienz hin?!
    Also, sei Du bedankt für die ausführliche Antwort.

    Ich hab auch deshalb nachgefragt, weil ich viele dieser Klischees nicht mehr hören kann, weißt Du… Berlin ist viel zu provinziell, als dass es Kultur scheißen könnte. Berlin ist seit jeher eine Kleineleutestadt. Essen und Wiesbaden haben mehr Großbürger als Berlin je haben wird. Die Kultur wird gemacht von Waltz, Hoss, Bahrenboim, Peymann, Rattle, Marthaler u.v.a. sehr guten Nichtberlinern zusammen mit Berlinern. Und die türkischen Mädchen, die Treptow nach der „Wende“ aufmischten (ich erinner’ mich nicht) sind so sehr Berlin-untypisch, wie etwas nur Berlin-untypisch sein kann. Berlin-typisch ist eher eine etwas gelassene Behäbigkeit, von mir aus Arroganz, die einen beißenden (Selbst-)Spott beinhaltet. Und diese Arroganz bläst vor allem immer jenen (als Bild) badischen Touristen in der S-Bahn entgegen, die aus dem Fenster auf das Kanzleramt weisen und erklären, das Bellevue da hätten sie allein bezahlen müssen…

    Aber, das wird schon. Ich nehm’ mir jetzt meinen Roller und fahr meinen Flur hinunter.
    Küss die Hand.

  5. Lu sagt:

    ich nahm die mädchen-gangs auch nicht als typisch, und das extra. es waren alles nur eindrücke, die mein gesamtbild formten, und ohne diese postkarte, die ein gag sein sollte, auf deren front das komplette berliner uBahn-netz aufgedruckt war, also ohne die wäre ich verloren gewesen. an was ich mich auch noch erinnere, sind die nichtvorhandenen sperrzeiten. ich fiel eines morgens gegen neun aus dem trash und dachte „huch“. und das ich in kreuzberg in der milchbar immer viele bekannte aus düsseldorf traf, das weiß ich auch noch.
    berlin muss in meinem kopf ein upgrade erfahren, kann ja nicht immer mit dieser antiken vorstellung rumdenken.

    und das „bedankt“ ist das danke aus den niederlanden. in denen bin ich düsseldorferin gern wie oft.

  6. Setza sagt:

    Niederländisch. Nicht Östereichisch. Wieder was gelernt.

    Ich weiß gar nicht, ob es Dir womöglich besser geht mit Deinem jetzigen Berlin-Bild… Vielleicht ist ja D’dorf auch so ganz anders, als Kölnerin aus dem Belgischen Viertel wärst Du womöglich in/mit Schöneberg oder Friedrichshain ganz einverstanden. Und in Köln bin ich auch schon mal um vier Uhr dreißig aus dem Chelsee(a?) gekrochen…

    Wie auch immer, ich danke für die Außenansichten, bekomme ich doch immer solche, denen der vorauseilenden Gehorsam der FreundInnen schon vorauseilt. Du verstehst.

  7. lliered sagt:

    was, um vieruhrdreissich??? wild.

  8. kathleen sagt:

    Hier ganz andere Erfahrungen. Seit gerade mal zwei Monaten in Berlin. Und nur noch kopfschüttelnd – wegen der wilden Warnungen vor der menschlichen Kälter der Berliner, der Ansage, daß es hier ’sehr lange dauert‘ bis man Kontakte hat. Wir erfahren täglich Augenblickskontakte, die vielleicht rauh, aber gerade, aufgeschlossen und freundlich sind. Selbst von irgendwelchen Minutenbekanntschaften in S- und U-Bahnen.

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