FILM: Urlaub vom Leben

Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie sich Rolf Köster zu Beginn des Films fühlt. Seit Jahren ist er Kassierer in einer kleinen Filiale in der Sparkasse Bremen, täglich die gleichen Gesichter. Jeden Morgen geht er joggen, legt die Rückkehr in den Schoß der Familie immer genau so, dass er seiner Frau, dem kleinen Paul und Berit, die in der Schule zu den Außenseitern gehört, nicht mehr begegnen muss. Der Weg zur Arbeit im öffentlichen Bus, immer die gleichen Rituale, keine neuen Gedanken, keine neuen Impulse. Rolfs Körper rebelliert. Sein Chef schickt ihn nach Hause, Urlaub. Urlaub vom Leben für eine Woche.
Seltsamerweise musste ich während des Films immer wieder an eine Freundin denken, die nach sechs Jahren in der Bankfilale den Job an den Nagel hing und noch einmal studieren gegangen ist. Nach einer Woche Urlaub kündigt auch Rolf. Durch die Auszeit hat er erfahren, dass seine Frau ihn mit dem Schuldirektor betrügt und dass ihm wohl doch mehr an seinen Kindern liegt, als er bisher zugeben wollte. Er interessiert sich wieder für seine Familie und er hat endlich wieder das Gefühl, glücklich zu sein.
Klingt alles ein bisschen zu toll? Ja, das ging mir auch so. Der Film war zu glatt und die schönen, leisen Momente zu rar gesät. Eine Woche Urlaub und dann weiß man, dass das Leben so nicht mehr weitergehen kann? Zu wenig merkt man Gustav Peter Wöhler an, dass sich in ihm etwas regt, was man sieht, ist der immer gleiche Blick, dem zwar im Laufe des Films dann und wann ein Lächeln über dem Gesicht breit macht. Ich musste die ganze Zeit an Axel Prahl denken, dem die Rolle wohl auch ganz gut gestanden hätte.
„Urlaub vom Leben“ ist der erste abendfüllende Film von Neele Leana Vollmar, der übrigens in Zusammenarbeit mit „ZDF – Das kleine Fernsehspiel“ produziert wurde. Und auch wenn es doof klingt, kann schon sein, dass das der Grund dafür ist, dass man dann und wann das Gefühl nicht loswurde, dass der Film auf der Stelle trat. Und vielleicht entfaltet er an einem Montag vor dem Fernseher auch eine ganz andere Wirkung.

5 Antworten zu “FILM: Urlaub vom Leben”

  1. Setzer sagt:

    Interessant.

    A) Ich mag den Wöhler sehr. Und dass er so schaut, hängt wohl damit zusammen, dass er im Grunde nicht nur ereignislos lebt sonder ja auch ereignislos ist.
    B) Erwähnenswert fand ich zudem die Becker, die ich sonst gar nicht mag, die aber die kleinen Gesten und Blicke hier wundervoll drauf hat.
    C) Plottechnisch unglaubwürdig fand ich die Kündigung. Zu ihm hätte ein buntes Blumentöpfchen auf dem Kassierertisch und ein Aufstellfoto der Becker besser gepasst.

    Alles in allem: Feiner, kleiner Film und ich bin froh, dass es soetwas gibt.

  2. Setzer sagt:

    Meta-Nachtrag:

    Der Satz, den Du mit „Seltsamerweise…“ beginnst, erinnert mich an die Gewohnheit Max Goldts, Texte nur um der Erwähnung eines Wortes, das ihm auffiel und gefiel, willen zu verfassen. Exemplarisch geradezu der Text, in dem er über die Beutelschweißnaht fabuliert.

    Wie ich darauf komme? Na, was ist daran seltsam, dass Du beim Betrachten des Filmes an eine Freundin denkst, die im Wesentlichen das Gleiche tut wie unser Protagonist? Da drängt sich die Freundin ja geradezu auf.

    Aber „Seltsamerweise…“ bleibt trotzdem schön und verwendenswert. Verwendenswerter als dieses „strange…“ oder gar „krass…“, die einem allerorten engegengeplärrt werden.

  3. Setzer sagt:

    Noch was, dann ist aber Schluss.

    Berit? Außenseiterin?
    Da muss ich an den kurzen Dialog mit ihrer Freudin, die dem Papa im Anschluss die Abseitsregel erklärt, denken:

    „Wir sind richtige Außenseiter.“ (sagt die Freundin, darauf Berit) „Ich bin doch kein Außenseiter. Leute, die immer irgendwo dazu gehören wollen, sind Außenseiter. Ich will nirgendwo dazu gehören.“

    Ich halte das für ein wunderbares Abbild unserer Individualistengesellschaft.

  4. franziska sagt:

    Ja, eine der wirklich schönen Szenen (Berit und „Freundin“).

    zum Meta-Nachtrag: Auf dem Weg zur Arbeit habe ich auch noch darüber nachgedacht, warum ich diesen „Seltsamerweise…“-Satz eigentlich geschrieben habe. Vielleicht ist der Absatz falsch platziert. Vielleicht wollte ich es aber auch einfach loswerden. ;)

  5. Mich haben ein paar Nebenfiguren genervt. Die Kindergärtnerin zum Beispiel. Oder der Typ mit dem Hund. Ich glaube, wer Nebenfiguren als derartige Schreckschrauben darstellt, der mag eigentlich (überhaupt) keine Menschen. Wie soll ich der Regisseurin ein Interesse für den Sparkassen-Angestellten abnehmen, wenn sie die Kindergartenleiterin zur durchgeknallten Dumpfbacke macht?

    Das (also die Kindergartenleiterin) war total auf billige Effekte und Witze auf Kosten anderer angelegt.

    Ähnliche Szenen gibt’s übrigens in „Die fetten Jahre sind vorbei“, wo ein Schuhverkäufer und Fahrkartenkontrolleure wie die letzten Idioten dargestellt werden, der Film aber ansonsten die ganze Zeit so eine fette Anspruchsbugwelle vor sich hin trägt: Wir erklär’n jetzt mal wie die Welt tickt.

    Arrogant ist das, und dumm. An ihren Nebenfiguren sollt ihr sie erkennen und unterscheiden, die schlechten und die guten Regisseure.

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