Über Deutschland

Überall hängen diese Fahnen: an Fenstern, Autos. Manche haben sogar diese lustigen (Hahaha)-Hüte auf. Die Bilder sieht jeder, der sich dieser Tage auf den Straßen bewegt. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob mich diese Bilder befremden, ob ich mich mittlerweile an sie gewöhnt habe. Am wenigsten klar komme ich mit den Fähnchen, die zusätzlich noch den Bundesadler tragen.

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Warum überkommt mich dieses Gefühl nicht, wenn ich englische, brasilianische oder japanische Fahnen sehe? Warum geht dieses Umhertragen des Nationalstolzes in Ordnung? Warum ist es manchmal sogar lustig, die Jungs von Trinidad & Tobago mit ihren Indianerhüten zu sehen?

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Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich im Stadion wäre und um mich herum dieser Gesang „Steh auf, wenn du ein Deutscher bist“ angestimmt wird. Mitsingen fiele mir schwer. Ich bin Deutsche, daran gibt es nichts zu rütteln. Ich schäme mich nicht für meine Vergangenheit, da ich in den vergangenen 28 Jahren nichts getan habe, für was ich mich schämen müsste. Ich weiß aber auch, dass eine Generation von Deutschen etwas getan hat, für das es keine Rechtfertigung gibt. Und wenn ich diesen Gesang bei den Fußballspielen höre, muss ich eben nicht nur an mich denken, sondern auch an die Vergangenheit. Daran hat sich auch nach all diesen Jahren nichts geändert (Nennt mich halt Miesepeter.)

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In der vergangenen Woche hat einer der Spieler der deutschen Nationalmannschaft über das Gefühl geredet, das er empfindet, wenn er im Stadion die Nationalhymne singt. Zusammen mit all den Fans im Stadion. Dass es ein schönes Gefühl sei, daran erinnere ich mich. Dass es eben dazugehöre, wenn man für Deutschland spiele.

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Könnte dieses neue Nationalgefühl und diese Lockerheit im Umgang mit ihm nicht auch damit zusammenhängen, dass der Trainer die meiste Zeit im Jahr im Ausland verbringt? Wahrscheinlich wäre dies einem Rudi Völler oder Ottmar Hitzfeld niemals gelungen.

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Diese Lockerheit tut wohl nicht nur der Mannschaft ganz gut. (Nein, kein alberner Ruf nach einem Kanzler Klinsmann!)

13 Antworten zu “Über Deutschland”

  1. tp sagt:

    Fahnen mit dem Bundesadler finde ich auch ziemlich seltsam. – Und muss igendwie immer an Mirko Hahn denken…

  2. Gugelot sagt:

    Deutschland ist doch ein tolles Land! Ich möchte nicht woanders leben und bin stolz darauf (und nicht erst seit der WM) – da kann man auch Flagge zeigen.

  3. BelleNoir sagt:

    Ein schönes Statement. Manchmal glaub ich, die anderen Nationen können in bestimmten Momenten ihre Vergangenheit einfach besser unter „vergangen und vorbei“ ablegen.
    Ich hab dieses Erinnern irgendwann über Bord geworfen. Klar, ich weiß was war. Aber ich lasse mir nicht den Spaß am jetzt vermiesen. Mit Fahne.

  4. WoT sagt:

    Diffuses Unbehagen gegenüber dem Begriff „Nation“ verspüre ich auch nicht gerade selten (auch bei anderen Nationen). Ich sähe ihn in Debatten gerne durch die Begriffe „Staat“ und „Gesellschaft“ ersetzt, weil diese Begriffe die wichtigen Themenfelder besser kennzeichnen, die es in diesem Kontext zu diskutieren gilt.

    Die Wimpel mit Bundesadler finde ich nicht schlimm. Das könnte ja auch als differenziertes Bekenntnis zur Republik als hiesiger Staatsform verstanden werden. Näher liegt aber die Annahme, daß der Wimpel ganz unreflektiert gewählt wurde, weil er gerade da war. So ist es doch wohl auch mit den nicht gerade seltenen Wimpeln, die „Express“ als Aufdruck im roten Streifen tragen. Bei diesen Wimpeln kommt es mir aber schon eher hoch.

    Insgesamt sehe ich aber keine Indizien für gesteigerten Nationalismus, eher für Party und Stadionatmosphäre. „Steh auf, wenn Du [wie ich Sympathisant vom FC XYZ] bist!“ ist doch ein Klassiker. Jetzt spielt „Deutschland“. Da heißt es halt „Steh auf, wenn Du Deutscher bist!“. Mit Klinsmann hat das m.E. alles bestenfalls wenig zu tun.

    Entspannteren Umgang mit Staatsbürgerschaft/Nation im allgemeinen und mit unserer speziellen Nationaltät halte ich auch für richtig. Das heißt konkreter, daß es wegen Gruppenzugehörigkeit/Nationalität keinen Grund gibt, beschämt oder stolz zu sein. Das heißt bezogen auf unsere Nationalität ganz entschieden nicht, die unbeschreiblich grauenhaften Verbrechen zu ignorieren oder gar zu leugnen. Sie zu kennen und zu reflektieren ist Verpflichtung eines zivilisierten Menschens – nicht nur für uns. Diese Verantwortung empfinde ich, Verantwortung im Sinne von Schuld empfinde ich nicht, ebensowenig wie Stolz, diesem heutigen Staat anzugehören – Zufriedenheit und Glück hingegen schon.

    Jetzt habe ich Sie vollgeschwallt und selbst die ersten beiden Tore verpaßt. Ich mach mich mal wieder auf in den Biergarten.

    Gruß

  5. Simon sagt:

    Ich sehe nicht unbedingt den Widerspruch. Unsere Geschichte gehört zu uns, es macht keinen Sinn, sich von ihr loszusagen oder sie zu verleugnen. Deutschland hat in seiner Vergangenheit Verbrechen begangen und Großtaten vollbracht. Es hat staatlich organisierten Genozid durchgeführt (und sich dabei in eine Reihe mit vielen anderen westlichen Staaten gestellt), aber es hat auch nach dem zweiten Weltkrieg in Rekordzeit den Staat wieder aufgebaut. Deutschland war wichtige, wenn nicht die wichtigste Kraft hinter der europäischen Einigung und dem Ende des Kalten Krieges, Deutschland hat dadurch mittelbar das Ende des Bürgerkrieges in Irland ermöglicht, die demokratischen Umstürze auf dem Balkan, die wirtschaftliche Renaissance Russlands, die EMRK und rasantes Wirtschaftswachstum in Osteuropa. Deutschland ist bei alle dem trotzdem einer der friedlichsten (und dabei oft selbstlosesten) Staaten der internationalen Gemeinschaft geblieben und wird dafür anerkannt.

    Davon abgesehen finde ich, dass ein Nationalgefühl, dass sich auf gesunde Werte stützt (Demokratie, Geschichte, Kultur), sehr sinnvoll ist. Gerade auch um Radikalismus zu bekämpfen.

  6. Chikatze sagt:

    Ich bin froh, daß es sich für mich dieses Mal zum ersten Mal überhaupt nicht komisch anfühlt. Ich hab auch ne Flagge am Fenster und bin stolz darauf. Direkt daneben hängt die niederländische von der Mitbewohnerin. Und die ist auch stolz darauf.
    Die mit dem Adler finde ich aber auch scheiße. Die sieht fies aus. Und ist ja so auch nicht die deutsche Flagge, oder? Was soll dann der Adler da?

  7. WoT sagt:

    Schmuzelnachtrag zu den Wimpeln, speziell mit Bundesadler:

    http://www.clubfans.de/index.php/2006/06/24/schwarz-rot-gold-illegal/

    Cheers

  8. Setza sagt:

    A)
    Ich werde nie begreifen, wie man stolz auf etwas sein kann, woran man keinen Anteil hat. Deutschland gibt es doch sowieso
    B) ->Franzi
    Ich teile das Gefühl der Betroffenheit für das in unserer Geschichte. Im Ãœbrigen stelle ich fest, dass bei Gesprächen mit Leuten anderer Großer Nationen (auch der sprichwörtlichen) durchaus eine Hilflosigkeit im Umgang mit dem exklusiv deutschen Schuldgefühl zu bemerken ist. Dies könnte etwas sein, weswegen ich Stolz empfinden könnte.
    C)
    B.t.w: Außerdem spielen wir momentan den besten Fußball… Tsihi.

  9. Zahnwart sagt:

    Nunja, die Vergangenheit … Es braucht kein Hakenkreuz, um sich so richtig in Grund und Boden für Deutschland zu schämen, auch unter Schwarzrotgold gab es einiges, was nicht unbedintgt Stolz nach sich ziehen sollte. Wenn die anderen Nationen ihre Fahnen schwenken wollen, sollen sie, toll finde ich das nicht, aber eigentlich geht es mich auch nichts an. Ich bin nunmal Deutscher, und das einzige, was ich widerlich finden darf, ist das hiesige Gegröle.

  10. Gugelot sagt:

    Gröhlen kann aber viel Spass machen! Hast wohl noch nie gegröhlt, mmh? Und immer das mit dem Stolz – Warum kann ich nicht stolz sein auf unsere Kicker? Ich hab zwar nicht mitgespielt, aber stolz war ich trotzdem, so klasse haben die gespielt. Und als der Poldi das 2. Tor geschossen hat, da hätt ich heulen können vor Glück.

  11. Zahnwart sagt:

    Hast ja recht. Ich freue mich ja auch, wenn ich ein spannendes, schönes Tor sehe. Komisch finde ich nur, wenn diese Freude mit dem Stolz auf eine Nation gekoppelt wird, bei der man mir noch einmal ganz genau erklären müsste, worauf man da eigentlich Stolz sein kann.

  12. […] Doch das ist nicht das eigentliche Thema in diesem Beitrag. Vielmehr hat mich dieser Artikel zum Nachdenken gebracht. […]

  13. Mario sagt:

    Wieso wäre der Ruf albern?

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