Befindlichkeitsscheisse (9)

Seit Tagen haben die S-Bahnen morgens Verspätung. Meistens so um die zehn Minuten. An den meisten Tagen ärgere ich mich darüber. Weil es nämlich morgens sehr kalt ist und ich dann immer auf dem Bahnhof stehe und friere. Denn tagsüber ist es ja immer wieder warm. Keine Chance also für den Wintermantel. Heute wollte ich die Verspätung der Anschlussbahn am Hauptbahnhof aber dafür nutzen, mir einen STERN zu kaufen. Donnerstags, morgens warten, kann man ja mal machen, so eine Zeitschrift zu kaufen. Daraus wurde aber nichts. Denn die Entscheidung, statt der schwarzen Jacke heute wieder die grüne anzuziehen, war eine weitreichende. Dort am Hauptbahnhof hatte sie erste Konsequenzen. Als ich gerade die Treppe herunter gehen wollte, bemerkte ich, dass etwas fehlte: mein Portmonnaie. Kein Geld für den STERN und schwarz war ich auch noch gefahren.

Im Büro angekommen, fragte mich ein Kollege, ob ich mit in den Supermarkt kommen wolle. Was zu essen kaufen. Da ich mich dunkel an meine zu Ende gehenden Wasservorräte erinnerte, sagte ich zu. Und borgte mir Geld bei dem Kollegen. Natürlich gleich soviel, dass ich davon auch noch ein Mittagessen, die Rückfahrt mit der Bahn und die Praxisgebühr bezahlen konnte. Denn ich hatte ja noch diesen Zahnarzttermin am Abend.

Den Rest des Tages überstand ich mühelos und mit Geld in der Tasche. Bis zum Zahnarzttermin. Nachdem ich bei den vergangenen Besuchen in der Praxis aufgrund von viel zu spätem Losfahren in Kombination mit Verspätungen der Bahn (sic!) immer recht unpünktlich ankam, klappte diesmal alles wie geschmiert. Als ich auf dem Bahnsteig stand, kam die Bahn, am Hauptbahnhof fuhr die Straßenbahn ebenfalls sofort ein, hach, war das herrlich. Geht doch. Auch ohne Portemonnaie. Ich war sogar zehn Minuten vor der Zeit in der Praxis (die ich dann damit verbrachte, ausführlich die GALA zu lesen. Die arme Jennifer Aniston! Der doofe Brad Pitt! Was hat Martina Gedeck in Hamburg nur für ein hässliches Kleid an?). „Ich hab einen Termin“, sagte ich noch und legte der Begrüßungsdame stolz den Zehner vor die Nase. ‚War ja doch noch alles gut gegangen, auch ohne Portemonnaie‘, dachte ich und betrachtete die Schale mit Äpfeln, die am Ende des Tresens stand. Komisch. Bisher hatten die immer diese Granny-Smith-Äpfel feilgeboten. Wahrscheinlich nur wegen der Zahnarztwerbung. Oder habt ihr schon einmal eine Zahnarztwerbung mit Braeburn-, Cox-Orange- oder Boskop-Äpfeln gesehen? Eben. Doch entweder gibt es seit neuestem doch Spots mit Cox-Orange oder die gehen jetzt eigene Wege.

Das alles ging mir durch den Kopf, als die gute Frau in ihrem Computer nach meinem Namen suchte. Dann fragte sie nach meiner Versicherungskarte. Dreimal dürft ihr raten, wo die war.

Eine Antwort zu “Befindlichkeitsscheisse (9)”

  1. […] Über Lucky habe ich bei der Weltregierung einen wunderbaren Artikel zum Thema (christlicher) Fundamentalismus gefunden.  Dazu passt es dann vielleicht, dass Burnster beichtet. Franziska hat Geld vergessen, Matt betrachtet die Nachbarschaft in Charts, Modeste feiert ein Badefest und Don schreibt einen wunderschönen Artikel über das Aussterben des Kochens. […]

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