Über den 25. Mai

2009, das Jahr, in dem sich Geschichte jährt. 60 Jahre Bundesrepublik, Grundgesetz, 20 Jahre Mauerfall – die Deutschen haben es geschafft, all die wichtigen Ereignisse immer in ein 9er Jahr zu legen. Und meine Familie hat in diesem Neunerwahn mitgemacht. Denn für uns war der 25. Mai 1989 ein durchaus besonderer Tag. Am 25. Mai nämlich erhielt unsere Familie die Erlaubnis, das Land zu verlassen. Es gibt nicht mehr viel, woran ich mich erinnere. Ich war schließlich erst elf Jahre alt. Doch immer werde ich mich wohl daran erinnern, dass wir damals zur Friedrichstraße fuhren, zum so genannten Tränenpalast (Ist der jetzt schon abgerissen oder steht der noch?). Die meisten werden das Gebäude kennengelernt haben, weil dort zuletzt regelmäßig nette Veranstaltungen wie Kabarett und so stattfanden. Doch vor der Wende war das das Gebäude, durch das Ost-Berliner legal und langfristig in den Westen entlassen wurden. Leider ist mir bis heute unerklärlich, wie es meine Eltern mit zwei kleinen Kindern (mein Bruder war neun, ich elf) und sechs Koffern hinbekommen haben, durch den engen Gang bis zum Bahnsteig zu gelangen. Irgendwann saßen wir jedoch im Zug. Und fuhren tatsächlich gen Westen, besser gesagt zum Grenzübergang in Büchen. Dort stiegen wir in einen anderen Zug um, der uns dann nach Gießen brachte, ins Notaufnahmelager, in dem wir eine Woche lang blieben. Dann zogen wir zu meinem Großvater in den hohen Norden.

Warum ich daran jedes Jahr denke? Weil mein Leben sich durch diesen – nennen wir ihn einfach mal – Umzug – extrem verändert hat. Denn eigentlich hätte die Entscheidung bedeutet: kein Berlin, keine Großeltern, keine Berliner Schulkameraden mehr, nicht zu vergessen Schildkröte Erna. Im Leben einer Elfjährigen durchaus wichtige Komponenten. Soweit denkt man ja nicht, in einer solchen Situation.

Öfter, wenn ich mit Freunden geredet habe, wie das so war, damals, fragten sie mich, ob wir dann damals eigentlich traurig waren, als die Mauer fiel und alle Anstrengungen der vergangenen Monate irgendwie umsonst. Nein, antworte ich dann. Denn wenn die Wende nicht gekommen wäre, wie wäre mein Leben dann verlaufen? Ganz genauso oder doch ganz anders? Ich weiß es nicht. Doch ich bin froh, während der Schulzeit meine Großeltern häufig gesehen, den Wandel Berlins miterlebt und ein paar Kindheitserinnerungen immer mal wieder aufgefrischt zu haben.

2 Antworten zu “Über den 25. Mai”

  1. dot tilde dot sagt:

    neben einem sehr persönlichen wichtigen datum meinerseits ist am 25. mai natürlich auch towel day.

    also nachträglich noch mal alles gute zu allem, was gestern so wichtig war.

    .~.

  2. Das ist wirklich schön geschrieben. Irgendwie berühren mich die persönlich gefärbten Geschichten aus der DDR, aus der Wendezeit und zu sämtlichen deutschen Jubiläen weit mehr, als es eine offizielle Feierlichkeitsverlautbarung aus der Redenschreibeabteilung eines Politikers oder Staatsoberhaupts je könnte.

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