#brexit oder das Ende einer längst gescheiterten Ehe

Ich glaube es war Lionel Barber, der am Mittwoch im „Handelsblatt House“ das Bild bediente: Großbritannien und die Europäische Union, das ist sowas wie eine loveless marriage, eine Ehe, der die Liebe verloren gegangen ist. Die Partner sind noch zusammen, vielleicht aus Mangel an einer Alternative, Gewohnheit, wegen der Kinder. 
Wenn man das weiterspinnt, dann ist Großbritannien am Donnerstag quasi ausgezogen. Das Trennungsjahr hat begonnen. Es ist noch nicht richtig fix, man weiß nicht, wie es weiter geht. Es ist ein Versuch, erst einmal alleine klarzukommen.
Und dann sind da die Kinder, Wales, Schottland, Nordirland, alle sind betroffen und jeder von ihnen muss die Konsequenzen für seine Zukunft treffen. 

Natürlich ist das Umfeld geschockt, denn schließlich können sich alle nicht mehr an die Zeit erinnern, wie es war, als man noch getrennte Wege ging. Also ein bisschen schon, die Älteren sicher, aber die Jüngeren, die kennen die Welt nicht wie sie früher war. 

Die einen wenden sich ab, sortieren sich und eruieren, wie sie ihr Verhältnis nun sortieren sollen. Sich auf eine Seite schlagen?
Und die Ehepartner selber? Während die EU jetzt schnell machen will, um Unsicherheiten zu vermeiden oder einfach diese unschöne Nummer hinter sich zu bringen, um weiterzuleben, wird sich Großbritannien wohl gerade bewusst, was es an Europa dann auch mal hatte. 
Und ich persönlich? Ich bin durch und durch europäisch geprägt. Zwischen der siebten und achte Klasse war ich das erste Mal in England, drei Wochen Sprachkurs in Cornwall. Ich habe nach der Schule ein Jahr in Birmingham gelebt und mit dem Gedanken gespielt, zu bleiben. Auch wenn ich mich am Ende doch für Berlin entschieden habe. Aber ich liebe diese Insel mit ihren Bewohnern, die Eigenheiten und schon damals spürte ich die Skepsis gegenüber Europa. 

Ich habe diese Skepsis immer abgetan als das übliche Gegrummel gegenüber Strukturen, Institutionen, Machtverschiebungen. Ich kann mir den Weg wieder raus aus dieser zusammenwachsenden globalisierten, digitalisieren Welt nicht mehr vorstellen. Auch wenn ich mich über dieses bürokratisierte Europa mit all seinen Ecken und Kanten durchaus das eine oder andere Mal aufgeregt habe. Ich bin also einer der Beteiligten, eine, die jetzt denkt, dass die sich mal trennen könnten, hätte ich nicht für möglich gehalten. Auch wenn ich mich durchaus immer mal wieder gefragt habe: what if we could change it? Aber bisher sah es nicht so aus, als ob das wirklich möglich war. 

Aber let’s face it: Zwei Tage danach verschwindet zumindest meine eigene Verkatertheit und Trauer und ich schaue nach vorn. Denn eigentlich hat sich die Möglichkeit, etwas zu verändern, jetzt aufgetan. Wir müssen etwas verändern, wenn wir wieder lieben wollen. Denn den Status einer loveless marriage – wer will den ernsthaft zurückhaben?

Wir wollen doch nicht nur vernünftig sein. Wir wollen lieben, lachen und höchstens ab und zu mal leiden. Wir sollten für die echte große Liebe kämpfen, und wenn es diese nicht mehr gibt, dann sind wir glücklicher allein. 

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