Bettina Röhls „Die RAF hat euch lieb“

Ich habe gerade in einem ziemlichen Eiltempo „Die RAF hat euch lieb“ von Bettina Röhl gelesen, was zum einen daran liegt, dass ich hier gestern fußbedingt ein Totalausfall war und die Wanderung schwänzen musste. Zum anderen hat mich die Geschichte ziemlich gefesselt.

Bettina Röhl hat jahrelang, ich gehe davon aus, dass es gar Jahrzehnte waren, recherchiert, um einen Teil ihrer Lebensgeschichte aufzuschreiben: Die Kindheit mit ihren Journalisteneltern, mit einer Mutter, die nach Scheidung, 68er Revolte und Umzug nach Berlin zu einer Terroristin wurde. Eine Terroristin, die in vielen gesellschaftlichen Gruppen mindestens Sympathien weckte.?

Ich kenne diese Phase Deutschlands nur aus Erzählungen, Geschichtsbüchern, Filmen und den Einblick, den Bettina Röhl in diese Jahre gibt, ist schon ziemlich einmalig. Sie zitiert aus unzähligen Interviews mit Zeitzeugen, die sie über die Jahr geführt hat, versucht immer wieder Distanz zu ihren Eltern zu wahren, was nur teilweise gelingt. Sie ordnet ein, manchmal sicherlich etwas wirr, aber man kann sehr gut nachvollziehen, wie anstrengend das Leben mit dieser Mutter, aber auch mit diesem Vater war, der daran beteiligt war, den Mythos Ulrike Meinhof aufzubauen.? Wie viele Menschen des heutigen politischen und journalistischen Geschehens eine Rolle spielten. Von vielen wusste man, Schily, Ströbele, Aust, Augstein, aber auch Bissinger, Dittfurth, Enzensberger und wie sie alle hießen. Johannes Raus Äußerungen zu Ulrike Meinhof lassen tief blicken. Selbst FDP-Mann Dirk Niebel hat eine Nebenrolle, durfte er den zehnten Geburtstag von Bettina und Regine Röhl mitfeiern.?

Was hat so viele Menschen an der Person Ulrike Meinhof fasziniert? Das ist für mich nach diesem Buch nur schwer nachzuvollziehen. Sicher, das mag an der Autorin liegen, die hier nicht objektiv sein kann, sein will, aber dennoch einen großen Beitrag zur Entmystifizierung der Person Ulrike Meinhof leistet. Krass: Welche Rolle die Medien gespielt haben. Als direkte und indirekte Finanzierer, Unterschlupfgewährer, offene Sympathisanten. Laut den Briefen zwischen Meinhof und ihrem Anwalt war der Stern Anfang der 70er Jahre bereit, mehr als 40.000 DM für ein Interview mit drei inhaftierten Terroristinnen und Terroristen zu bezahlen. Terroristen, die mehrere Menschen auf dem Gewissen hatten und sich das Recht vorbehielten, die Veröffentlichung des Interviews am Ende sogar doch noch zu stoppen. Alle großen Medien sorgten für den Rummel, der der RAF am Ende nur nützte.?

Wie kann eine Mutter die eigenen Kinder so sehr der politischen Sache unterordnen? Nicht nur, dass die siebenjährigen Kinder monatelang mehr oder weniger auf allein gestellt, in Italien in einem Barackendorf für Erdbebenflüchtlinge leben und am Ende eigentlich in ein palästinensisches Flüchtlingslager gebracht werden sollen. Als Ulrike Meinhof nach Ewigkeiten und einem ewigen juristischen Hin und Her (selbstverschuldet) ihre Kinder wieder sehen kann, schreibt sie ihnen eine Brief, in dem sie nicht etwa ihre Liebe beteuert, sondern lapidar „Die RAF hat euch lieb“ unterzeichnet.?

Überraschend, wie viele Themen von damals immer noch aktuell sind: die Rolle der Frau, die Rolle der Medien, des Staates, Antisemitismus usw.?

Welche Fragen für mich als viel zu junges Ossikind immer noch ungeklärt sind – auch nach diesem Buch: Warum war Terrorismus in vielen Gesellschaftsschichten und vor allem unter Menschen, die in den vergangenen Jahren unserer Regierung angehörten, ok? Und auch wenn die nächste Frage im Grunde zum Teil durch die erste Frage beantwortet werden kann: Warum konnten diese Menschen so lange unentdeckt durch Deutschland und Europa reisen? War Polizei und Justiz so überfordert oder gab es dort ebensoviele Sympathisanten? Wieso hat niemand ernsthaft nach zwei Kindern gesucht, die nach Italien gebracht worden sind und dort alleine wegen Haar- und Hautfarbe herausstechen mussten??

Dennoch: 50 Jahre nach 1968 hatte ich durch Röhls Buch die Gelegenheit in diese Zeit abzutauchen. Und es wird nicht das letzte Buch sein, dass ich zu dieser Epoche lesen werde.?

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2 Antworten zu “Bettina Röhls „Die RAF hat euch lieb“”

  1. Peter sagt:

    Meine Eltern gehörten damals auch zumindest zu dem Teil der Gesellschaft, die mit der RAF sympathisierten. In diesem Weltbild gehörte die RAF zu den Guten, die nur die falschen Mittel für den politischen Kampf gewählt hatten. Alles schlimm und verblendet damals. Aber damals in der jungen Bundesrepublik, nach den schlimmen Erfahrungen des 2. Weltkrieges schien das alles logisch.

  2. Franziska sagt:

    @Peter: Aber so jung war die Bundesrepublik doch gar nicht. Und was war das Problem, gegen das gekämpft werden musste? Und war Brandt nicht radikal genug?

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