„Kill your Darlings“ – kannst du dich von deinen Lieblingen trennen?

Nach gerade einmal acht Monaten ist Schluss: Fleets, die Twitter-Variante von Instastories, wurde wieder abgeschaltet. Gerade einmal acht Monate hat Twitter Fleets gegeben und gehofft mit diesem niederschwelligen Feature die Menschen dazu zu animieren, ihre Gedanken zu äußern. „We hoped Fleets would help more people feel comfortable joining the conversation on Twitter.“ Hat nicht funktioniert. Am 3. August wurde die Funktion abgeschaltet.

Das ist aus verschiedenen Gründen recht erstaunlich. Zum einen wundert es mich, dass Twitter nicht erst einmal versucht hat, das Feature zu verbessern, weitere Funktionalitäten hinzuzufügen oder es stärker in den „Markt“ zu drücken. Andere Netzwerke gehen damit ganz anders um: siehe Instagrams Bemühungen, Reels zu etablieren. Fleets müssen ein derart großer Flop gewesen sein, dass die Entwickler keine Hoffnung gehabt haben, das Ruder noch herumreißen zu können.

Es zeigt außerdem: Der Launch neuer Funktionen sorgt nicht unbedingt für neue Nutzergruppen. Nur weil man ein Feature kopiert und integriert, heißt das noch lange nicht, dass Nutzerinnen und Nutzer ihre Gewohnheiten verändern.

Und noch eine Sache zeigt die Rolle rückwärts von Twitter, die Heiko Scherer auf Twitter ziemlich gut auf den Punkt gebracht hat: „Rolling back #Fleets just shows how good @Twitter product development became – not just adding stuff but killing it rather sooner than later is a real skill.“

Kill your darlings – das Prinzip, das die einen sicherlich vom Schreiben kennen – von US-Schriftsteller Stephen King stammt folgendes treffendes Zitat: „Kill your darlings, kill your darlings, even when it breaks your egocentric little scribbler’s heart, kill your darlings.“ Ich bewundere beispielsweise mit welcher Konsequenz die Autorin Juli Zeh mit ihren eigenem Werk umgehen kann, wenn es darum geht, es veröffentlichungstauglich aufzubereiten (Im Hotel-Matze-Podcast erzählt sie es sehr anschaulich).

Die anderen kennen die Kill-your-Darlings-Methode vermutlich aus dem Innovationsmanagement. Ideen sollen rational bewertet und dann auch schonungslos aussortiert werden, egal, wie lieb gewonnen man die jeweilige Idee hat. Dabei helfen folgende Fragen: Warum ist die Idee sinnvoll? Wie kann sie umgesetzt werden und wie trägt sie dazu bei, meine Ziele zu erreichen? Hat die Idee nach einer bestimmten Zeit die gesetzten Ziele erfüllt?

Egal woher: Die eigenen Projekte, lieb gewonnene Gewohnheiten – es kann sinnvoll sein, diese und die eigenen Handlungen von Zeit zu Zeit zu hinterfragen und so objektiv wie möglich zu bewerten. In einigen Fällen kann dabei auch eine dritte Person helfen. Von welchen „Darlings“ hast du dich zuletzt getrennt?

(Dieser Text erschien zuerst in abgewandelter Form in meinem Newsletter. Hier kannst du ihn abonnieren.)

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