Warum wir natürlich auch über Flugtaxis sprechen müssen

Vor ungefähr elf Monaten traf ich Frank Thelen zu einem Interview für das „Handelsblatt“ in Berlin. Er sollte auf der Tagung „Digitale Energiewirtschaft“ einen Vortrag halten. Wir sprachen natürlich über den Energiesektor. Damals schwärmte er regelrecht von einem Start-up, dessen Namen ich bis dahin nicht gehört hatte: „Ich bin überzeugt, dass wir mit Lilium Aviation wirklich einen Star aus Europa geschaffen haben, der die Art, wie wir reisen, für alle verändern wird. Lilium wer?, dachte ich und googelte und war ebenfalls schwer beeindruckt. Denn das Start-up hatte ein elektrisch betriebenes Flugzeug geschaffen, das senkrecht starten und landen kann, mit 300 km/h unterwegs ist und Platz für bis zu fünf Personen bietet. Man gehe gerade in Produktion, sagte Thelen. (Hier noch ein paar weitere spannende News zu Lilium)
Nun könnte man bei den eben beschriebenen Features auf den Gedanken kommen, dieses Gefährt als „Flugtaxi“ zu bezeichnen. Womit wir beim Thema sind. Die angehende Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär, wird derzeit in den sozialen Kanälen dafür ausgelacht, dass sie sich unter anderem um das Thema Flugtaxis kümmern wolle. Dabei spricht der Spott vor allem für eins: totale Unwissenheit und Pseudo-Digitalisierungs-Know-how. Denn letztendlich ist die Liste der investierten Unternehmen stattlich: Uber, Airbus, über ihre Venture-Töchter sind auch Toyota oder Intel beteiligt, Alphabet, um nur einige zu nennen. Und Lilium ist nicht das einzige deutsche Unternehmen, das gerade ein senkrecht startendes Flugzeug entwickelt. Volocopter ist ein anderes, u.a. Daimler ist dort investiert, um mal klar zu machen, dass Bär das Thema nicht unbedingt nur aus Gründen der bayrische Vetternwirtschaft auf die Agenda gehoben haben muss.
Noch immer glauben viele Menschen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Digitalisierungs-Know-how und Zahl der Twitterfollower oder meinetwegen auch der Zahl der eigenen Tweets pro Tag gibt. Dass dem nicht so ist, muss ich wohl nicht erwähnen. Will sagen: Natürlich ist es relevant, auch als Politikerin und erst recht als Ministerin für Digitalisierung über neue Transportmittel nachzudenken, Unternehmen tun es schon lange.
Kann gut sein, dass ihre Aktivitäten in den sozialen Netzwerken geholfen haben, dass Dorothee Bär nun diesen Posten im Kanzleramt bekommt. Gerade in der Altherrenriege der CSU kann ich mir das gut vorstellen. Unbestritten ist allerdings auch, dass Dorothee Bär sich spätestens seit 2013 mit diesen Themen beschäftigt und dort durchaus eine gewisses Expertentum aufgebaut hat. Schließlich war sie als Staatsministerin im Infrastrukturministerium genau für diese Themen zuständig.
Worüber man stattdessen reden könnte, wenn man sich mit der Personalie auseinandersetzt: Was hat das Ministerium denn in den vergangenen fünf Jahren auf die Beine gestellt? Sie selbst bleibt mit Slomka-Interview schwammig, verweist auf viel Basisarbeit. Liest man das, was Sascha Lobo vor ein paar Wochen bei Spiegel Online zum Thema Breitbandausbau geschrieben hat, fällt die Bilanz eher durchwachsen aus.
Trotzdem halte ich die Personalie Bär für eine großartige Chance. Sie ist direkt im Kanzleramt angedockt und kann in allen Regierungsrunden allen Ministern und Ministerinnen in ihrer charmanten Art auf die Nerven gehen. Sie verfügt über den Erstlingsbonus, wird an niemanden gemessen. Sie kann Visionen aufzeigen, weil sie die nötige Fachkenntnis hat. Und wenn sie dann noch etwas auf die Straße bringt – sind wir zumindest einen kleinen und besser als keinen Schritt weiter. Und ich glaube, sie wäre nicht auf diesem Posten, wenn sie nicht eine gute Strategie entwickelt hätte, ihre bayrischen Kollegen um den Finger zu wickeln.
Ich hoffe, sie enttäuscht mich nicht.
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