Update
Pausbäckig.
Pausbäckig.
Wie es mir geht, wollte sie wissen und ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. ‚Großartig. Ich freu mich riesig, dass Sie da jetzt in meinem Mund rumwühlen wollen‘, nahm Platz und wartete auf mein Schicksal. Auf ans Werk. Schon war ich mit einem grünen Tuch bedeckt, die grelle Lampe auf mich gerichtet und der Bohrer gezückt. Nichts hätte ich mir in dem Moment lieber gewünscht, als furchtbar laute Musik auf den Ohren, so dass ich dieses bohrende Geräusch nicht hören muss.
Jetzt warte ich auf das Nachlassen der Spritze, die ganz hervorragende Arbeit geleistet hat, so dass ich mich gleich mit Schmerztabletten betäuben kann. Um dann darüber nachzudenken, ob in ihrer Stimme nicht doch eine Prise Zynismus versteckt war, als sie mich mit den Worten ‚Gute Besserung‘ verabschiedete. Denn sie allein ist doch Schuld daran.
„Hast du eigentlich Angst?“ Ich weiß nicht, wie oft mir gestern eben diese Frage gestellt wurde. „Ja“, wollte ich antworten, „jetzt schon. Danke der Nachfrage.“ Schön auch, wenn aus dem Gegenüber dann gleich die eigene Zahnziehgeschichte sprudelte. Kurz gefolgt von besonders schönen Kommentare wie „Wie, nur örtliche Betäubung?“
Nein. Die rechten Weisheitszähne gehen heute. Nachmittags. Und ja. Mittlerweile macht sich Aufregung breit. Gemischt mit ein wenig Angst. Jetzt habt ihr mich soweit.
Selten sind diese offenen Gespräche zwischen Vater und Tochter. Eigentlich nie am Telefon. Höchstens mal bei einer Abendzigarette oder damals, als er mich allein in Berlin besuchte. Fast rührend deshalb seine tröstenden Worte. ‚Such dir so einen wie mich.‘ Und so verzeih ich sogar meiner Mutter, die nur Sätze wie ‚Da musst du jetzt alleine durch‘ und ‚Es kommen auch wieder bessere Zeiten‘ für mich übrig hatte.
Zwei Tage Hamburg. Regen. Die Frisur sitzt.
Nach einem langen Telefonabend steht nun fest: Während andere Menschen aus meiner Umgebung ständig zu Hochzeiten eingeladen werden, werde ich übergangen. Entweder will mich niemand auf seiner Hochzeit haben oder die Freunde, die ich habe, heiraten schlicht und ergreifend nicht.
An beiden Gründen ist wohl etwas dran. Denn bisher hat aus meinem engen Freundeskreis wirklich niemand geheiratet. Darüber bin ich froh, denn so muss ich nicht darüber nachdenken, ob ich diesen Bund fürs Leben auch irgendwann einmal schließen möchte.
An diesem Wochenende nun heiratet nun endlich eine Person aus meinem Bekanntenkreis. 31, da kann man schon mal ‚Ja‘ sagen. Wie gesagt geschrieben, eingeladen bin ich nicht. Zu selten habe ich mich wohl in den vergangenen Jahren im Heimatort blicken lassen, zu selten, um einen Platz auf der Hochzeitsgästeliste zu ergattern.
Oder mir eilt ein seltsamer Ruf voraus, der es unmöglich macht, mich dazu zu laden. Haben besagte weibliche Parts Angst davor, dass ich mir den männlichen Part zu eigen mache und die Hochzeitsnacht aufgrund von hervorragenden Alternativen für sie ausfallen muss? Glauben Sie, dass ich vor lauter Romantik Heulkrämpfe bekomme und weil Trost nötig wäre, ihnen die Schau stehle? Oder mögen Sie mich einfach nicht?
Vielleicht ist es auch falsche Rücksicht. Mich nicht einladen, um nicht irgendwann eine Gegeneinladung zu erhalten. Aber da kann ich euch beruhigen. Kann mir wirklich nicht vorstellen, das es irgendwann soweit sein könnte. Ehrlich.
Ich hasse übrigens diese Fahrradfahrer, die immer auf der falschen Straßenseite den Fahrradweg benutzen und mich dann, wenn ich ihnen entgegenkomme, mit einem bösen Blick anstarren, stur auf ihre Spur beharrend. Wie kann ich ihnen nur gerade jetzt in diesem Moment entgegenkommen? Ich sollte mich schämen.
‚Geheimzahl eintippen und auf die grüne Taste drücken‘ herrscht mich diese Verkäuferin an, nicht ohne mir das Kartenlesegerät direkt unter die Nase zu halten. ‚Blöde Kuh‘ denke ich, reiße es ihr aus der Hand und stelle es auf dem Laufband ab. Wenn ich zahle, dann nur auf festem Untergrund.
‚Ungültige Eingabe‘ leuchtet es auf der Anzeigentafel. Mist, wieder bei bösen Gedanken ertappt.
Sicher war ich mir im letzten Jahr nicht. Sollte ich wirklich? Ganz allein in den Urlaub fahren? Ohne Begleitung? Einfach nur so? Ja, das konnte ich. Und weil die Urlaubsreife so weit fortgeschritten war, mich in der Woche vorher auch der nervliche Zusammenbruch ereilte, stand fest: Klar kannst du auch allein. Dank des Internets war die Reise ruckzuck gebucht und schon saß ich eine Woche später im Flieger in den Süden. Ausruhen, lesen, entspannen. Abschalten von all den vielen Dingen, die in den Wochen zuvor passiert waren.
In diesem Jahr war es anders geplant. Zu zweit wollten wir verreisen, hatten die Flüge bereits gebucht. Zwei Wochen raus aus Deutschland, ein verlängerter Sommer mit vielen schönen Momenten sollte es werden.
Seit dem Wochenende steht es nun fest. Kein gemeinsamer Urlaub, zumindest nicht jetzt, vielleicht später im Jahr, vielleicht aber auch nicht. Zwei Wochen, über die ich nun entscheiden muss. Entscheiden kann. Den Urlaub wieder ganz abmelden? Verkürzen? Verschieben? Darauf warten, dass vielleicht, vielleicht auch nicht ein anderer, besser passender Zeitpunkt kommt?
Zumindest dagegen habe ich mich entschieden. Schließlich bin ich jetzt urlaubsreif. Aber auch andere Entscheidungen müssen jetzt her. Wieder alleine durch die Landen ziehen? Und dann bleibt die Frage nach dem Wohin.
Schwierige Fragen, die es zu beantworten gilt. Schade. Und so beginnt alles wieder von vorn.
Übrigens, Anregungen und andere sachdienliche Hinweise nehme auch ich immer wieder gern entgegen. Es gelten die üblichen Kontaktwege.