Liebes Dr. Sommer-Team,

ich bin verzweifelt. Noch vor wenigen Wochen war die Welt in Ordnung. Immer kurz vorm Schlafengehen schaute ich ihm zu. Amüsierte mich bei diesem großen Mann, der immer nette Sachen erzählte. Mir gefiel nicht nur sein Zynismus sehr. Leider ist etwas Schreckliches passiert. Der Mann ist nicht mehr da. Naja, er ist schon noch da, aber nicht aktuell. Und das ist ja das Schlimme. Früher war er immer so pubertär. Nicht so überlegen. Und wenn ich ihn mir in seinen früheren Jahren anschaue, dann ist das nicht mehr das gleiche. Ich schalte ihn manchmal sogar freiwillig ab. Auch weil so viele andere Menschen zu Wort kommen, die mich gar nicht so interessieren. So wie letzte Woche der Herr Rodman und heute dieser Tom.
Ich bin nicht die einzige, die ihn vermisst. Das tut zwar nichts zur Sache, aber auch der Franz Josef sehnt sich nach ihm. Ich weiß wirklich nicht weiter, Ersatz gibt es nicht. Frau Roche hilft montags nicht wirklich und Johannes und Reinhold sind auch nicht die richtigen.
Bitte, liebes Dr. Sommer-Team, was soll ich nur tun?

Das Berater-Gerede

Seit Wochen geht es nun schon so. Erst wird der Chef der Bundesagentur abgesägt. Grund genug für eine Vielzahl Journalisten weiter zu recherchieren. Was dahinter steckt. Und Parallelen ziehen. So geschieht das derzeit und keine Zeitung oder Zeitschrift umgeht das Thema. Die einen schreiben ab, die anderen decken neue Details auf.

Fakt ist: Es ist Wahlkampf. Also ein guter Grund, die Machenschaften vergangener Jahre aufzudecken. Wer glaubt, dass es Klüngel nur in Köln gibt, glaubt nur an das Gute. Auch in Niedersachsen ging es scheinbar heiß her. Was genau, können wir derzeit im Spiegel lesen. Oder in den anderen Medien, die alle fleißig abschreiben.

Fakt ist wahrscheinlich: Bestimmte Kräfte wollen, dass hauptsächlich die Verbindungen zu einer Beratungssfirma offengelegt werden. Die der damaligen Regierung nahestand und den damals agierenden Personen auch noch steht. Weil sie keinen Hehl aus dieser Nähe macht. Weshalb deren Verträge hauptsächlich in der Kritik stehen. Als es nur um den Chef der Bundesagentur ging, rückte sie zwar zeitweise ein wenig in den Hintergrund, doch spätestens nach dem Christiansen-Auftritt des Namensgeber haben sie es wieder geschafft, allen voran zu schreiten.

Fakt ist wahrscheinlich: Die Verträge scheinen teilweise auf nicht ganz sauberen Weg zustande gekommen zu sein. So zumindest der Anschein, wenn man die vielen Artikel liest. Das ist sicherlich nicht in Ordnung, auch wenn immer wieder gesagt wird, dass der Vergabeprozess ein schwieriger und die Praxis eine andere ist.

Fakt ist: Es gibt eine Regelung bezüglich der Vergabe von Aufträgen. Von der beide Seiten abweichen, weil diese unpraktikabel zu sein scheinen. Beide handeln – die Regeln wissend – und regen sich dann darüber auf, wenn darüber berichtet wird, dass sich beide Seiten nicht an diese Regeln halten. Kritisch zu sehen ist jedoch, warum dies zwar angeprangert wird, aber Sündenbock eigentlich nur diese Firma ist. Nicht die Verwaltung, die sich die „Expertise“ ins Haus holt.

Es ist sicher nicht richtig, dass es hauptsächlich um diese eine Firma geht. Denn jede politische Partei holt sich für das eine oder andere Thema eine außenstehende Meinung ins Haus. Doch so stellt sich die Frage, ob bei der Nähe zwischen dieser Politik und dieser Wirtschaft wirklich noch von einer außenstehenden Meinung geredet werden kann.

Doch muss sich auch und vielleicht auch gerade ein Unternehmen bewusst sein, dass es fatal ist, sich zu sehr auf eine politische Richtung festzulegen. Wissentlich Verträge abzuschließen, weil die Praxis eine andere ist und sich dann darüber zu erzürnen, dass Medien darüber berichten. Dass Medien in einem bestimmten Ton berichten, so, wie eine Geschichte draus wird, ist altbekannt. Da wird nun einmal weggelassen. Und ganz besonders, dass bei vielen Projekten den verursachten Kosten auch ein Nutzen gegenüberstand. Und da wird in Gesprächsrunden im TV nun einmal bestimmten populistischen Äußerungen Raum gegeben, ohne zu relativieren.

Doch wenn man in eben diesen Sendungen sogar die Möglichkeit hat, sein Gesicht zu wahren und Fakten gerade zu rücken, dann muss man diese Chance auch nutzen. Der Namensgeber hätte vielleicht selbst Beratungsdienste nutzen sollen. Denn so und nicht anders funktioniert sie nun mal – unsere Mediengesellschaft.

FILM: Nichts als die Wahrheit

Auf Vox. Ein Film, der sich mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzt. Mit Auschwitz, Euthanasie, Schuld und Unschuld. Mit Götz George als Dr. Mengele. Eine seiner besten Rollen. Mich hat der Film schon damals im Kino sehr bewegt. Und auch beim zweiten Schauen geht ein Schaudern über meinen Rücken, wenn Mengele am Ende sagt: „Sehen sie nicht wenigstens ein bisschen von sich selbst in mir?“

Air – „Talkie Walkie“

Ende der neunziger Jahre machte Air mit einem exzellenten Album auf sich aufmerksam: „Moon Safari“ durfte in keiner guten Plattensammlung fehlen. Jetzt hat die französische Formation mit „Talkie Walkie“ endlich wieder ein Album herausgebracht, das jeder Musikfan besitzen sollte.

Air heißt Luft. Und leicht wie die Luft kommt auch „Talkie Walkie“ daher. Schweben möchte man, dahingleiten nach den zauberhaften Klängen der beiden Franzosen, die ihre Musik selbst als „sehr romantisch“ beschreiben. Dazu strahlt das Album eine Ruhe aus, die zum Träumen, Schweigen und Genießen anregt. Je öfter man die Platte hören, desto schönere Klänge und interessantere Details entdeckt man.

Beispielsweise beim letzten Song, „Alone in Kyoto“. Air schrieben ihn für den Oscar-nominierten Film „Lost in Translation“ der amerikanischen Jung-Regisseurin Sofia Coppola. Mit diesem Song fühlt man sich zurückversetzt in den wunderbaren Film. Zurück in das einsame Tokio, in dem sich zwei verlorene Menschen finden und ein bestimmtes Gefühl miteinander teilen: den Moment des Schweigens, der Verlorenheit in einer fremden Welt.

Einfach verzaubernd.

FILM: Die Träumer

Eigentlich wollte ich diesen Film nicht sehen. Hatte ich beschlossen, als ich damals die Vorschau sah. Und allein die Tatsache, dass eine der Hauptrollen mit Michael Pitt besetzt war, den ich aus der Teenie-Serie „Dawson’s Creek“ kenne, ließ mich ebenfalls zweifeln.

Aber der Reihe nach.

Paris im Jahr 1968. Bei einer Demonstration gegen die Schließung der Cinémathèque Francaise lernt der Amerikaner Matthew Isabelle und Theo kennen. Erst später entdeckt er, dass diese Geschwister sind. Weil deren Eltern für längere Zeit verreisen wollen, nehmen sie Matthew in ihrer Wohnung auf.
Ihre Begeisterung für den Film spiegelt sich nicht etwa darin wieder, dass sie wie besessen in Kinos gehen und selber Filme drehen, sondern dass sie Filmszenen nachspielen, sich über bestimmte Dialoge freuen und über die Bedeutung von Charlie Chaplin diskutieren. Dabei laufen sie
freizügig durch die Wohnung und spielen lustige Pubertäts-Spiele. Wenn einer nicht erkennt, um welchen Film es gerade geht, werden seltsame Forderungen gestellt. So kommt es, dass Theo sich vor einem Marlene-Dietrich-Bild einen runterholen und Matthew Isabell entjungern darf.

Immer wieder verstrickt sich der Filme in Widersprüche. Das Handeln der drei wirkt immer wieder seltsam pubertär, obwohl sie eigentlich knapp 20 sind, zu allem Überdruss aber viel älter aussehen. Warum Isabell und Theo Matthew überhaupt in ihre Wohnung aufnehmen, wird nicht klar, sind sie doch eigentlich viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie haben kein Geld und wenig später liegen sie in der Badewanne – gut ausgestattet mit einigen Joints.

Sicher – es macht schon Spaß, ihnen dabei zuzusehen, wie sie herumhängen und schön aussehen. Er weckt Erinnerungen, in denen man sich selbst entdeckte, Liebe erfuhr, Rotwein trank und immer wieder ein bisschen erwachsen wurde. Mehr jedoch nicht.

Am Ende des Films hat sich eigentlich nur Matthew weiterentwickelt. Während Isabell sich weiter an Theo klammert, versteht er, dass er sie nie ganz für sich gewinnen kann. Woraufhin er geht. Und die beiden ihrem Schicksal überlässt.

Nachbarn

Eigentlich trafen wir uns nie. Höchstens mal zufällig im Hausflur, am Briefkasten oder bei Müllentleerungen begleitet mit einem kurzen „Hallo“, mehr oder weniger freundlichen Blicken oder jahreszeitbedingten Sätzen wie „Ganz schön glatt“ oder „Ob es wohl mal wieder regnet“. Manchmal traf man den Mann aus dem zweiten Stock auch im nahegelegenden Park beim sonntäglichen Singlespaziergang. Oder die gute Frau aus dem dritten in der Mensa. Rätsel gab sie oft auf, nicht nur, warum man sie gerade dort traf. Ihre Jalousien waren manchmal wochenlang verschlossen, manchmal sah man sie drei Monate nicht. Natürlich war sie es, die manchmal, wenn man selbst die Haustür öffnete, schnell wieder die Tür schloss. Bloß nicht im Flur begegnen.
Vielleicht ist es das, was ich an meinen jetzigen Nachbarn so mag. Ein älteres Ehepaar in den Siebzigern. Herzensgut. Ab und zu verbringen wir einen Abend gemeinsam – Wein trinkend und plaudernd. Sie kümmern sich um Ablesemänner und Paketboten. Wir treffen uns im Hausflur auf einen Plausch, am Briefkasten oder im Supermarkt.
Vielleicht ist es ein wenig eigennützig, aber so sollten Nachbarn sein.

Jeffrey Eugenides: Airmail

Seltsam. Manchmal begegnet man Menschen immer wieder. An den unmöglichsten Orten. Als ob sie nach mehr Aufmerksamkeit schreien. Sich ins Gedächtnis rufen. Eine seltsame Nähe aufbauen.
Wer so hartnäckig ist, bekommt sie auch.
Nachdem ich in „The Virgin Suicides“ auf ihn gestoßen wurde, und da ich eh schon seit Wochen diese beiden Bücher hier herumliegen habe, ist’s jetzt endlich passiert.
Habe das Schreien erhört und gelesen. Das dünnere natürlich. Wegen der Anzahl der Seiten. Und der verfügbaren Zeit. Weil es kurze Geschichten waren. Auch weil ich eigentlich noch an einem anderen lese, immer mal wieder ein paar Seiten.
Ja, auch ich bin ein bekennender Parallel-Leser. Was oft an dem abzuarbeitenden Stoff liegt, an der Stimmung, an Menschen, mit denen man eine bestimmte Lektüre verbindet. Denn dann ist es eben so, dass ein Buch erst nach Monaten beendet werden kann.
Was soll ich sagen? Er hat mir gefallen. Die Sprache, die Wortwahl, die Themen. So sehr, dass ich mich nun damit beeilen werde. Und wenn es einfach an der Übersetzung lag, lüfte ich vor den kleinen Helferlein den Hut. Habt ihr fein gemacht.

Vergangenes

Als ich vor einiger Zeit erfuhr, dass mein ehemaliger Deutsch- und Religionslehrer von seiner Frau trennt, war ich wirklich verwirrt. Er, der immer und sehr zuverlässig in Sachen Moral unterwegs war, trennt sich? Auch wegen einer anderen? Angeblich einer Thailänderin? Allein dieser Fakt ließ in der 4000-Seelen-Gemeinde viel Raum für Spekulationen. Die es natürlich auch gab.
Mindestens zwei Jahrzehnte waren sie ein Paar, zwei Kinder. Alles kaputt. Belustigt vernahm ich die Nachricht, dass beim Auszug die Kollegen halfen. Die selbst getrennten. Allein lebenden. Und frisch verliebten. Männlich natürlich.
Und nun dieser Tiefschlag. Nach dem Motto: Wenn er, warum nicht auch ich. Wieder ein ehemaliger Lehrer. Wieder zwei Kinder, wieder einer, dem das Statut der Ehe kostbar war und man sich eigentlich sicher sein konnte: Ach Quatsch, der doch nicht. Doch gerade der hat es nun auch getan. Groß verkündet, dass er ausziehen werde.
Ob eine andere dahinter steckt, weiß man noch nicht. Aber bei der Figur mach ich mir keine Sorgen …

Zug fahren. Jedes Mal erwarte ich das Schlimmste. Verspätungen, nervende Kinder, klingelnde Handys, kein Sitzplatz. Obwohl ich mir doch vorgenommen hatte, endlich mit dem Reservieren zu beginnen.
Deshalb versuche ich mich immer für alle Eventualitäten auszustatten. Was zu trinken – große Flasche Wasser und Kaffee. Was zu essen – Brötchen vom Bäcker und ein Leckerli. Was zu lesen – meist Zeitung oder Bücher. Aber nicht eins, nein, es könnte ja sein, dass man keine Lust mehr auf das eine hat und lieber zu dem anderen Exemplar greifen möchte. Was zu schreiben – wenn schon der Rechner nicht mitfährt.
Und Kopfhörer. Die sind wichtig und wirken sowohl gegen mit ältere Herren, die mit IG-Metall-Karten Skat spielen und dazu Veltins aus der Dose trinken, plärrende Kinder (man muss die Musik nur laut genug stellen), telefonierende Unternehmer und streitende Paare.
Und über das Hörangebot der Deutschen Bahn schreibe ich lieber ein anderes Mal…

FILM: Live Flesh – Mit Haut und Haar

Gestern Abend auf dem Programm. Nach „Sprich mit ihr“ im letzten Jahr ein weiterer Film von Pedro Almodovar.

Madrid 1970. Viktor erblickt das Licht der Welt. Als Sohn einer Prostituierten.

20 Jahre später. Viktor ist herangewachsen. Hat mit Elena Sex in einer Toilette, verspricht sich mehr. Diese jedoch drogensüchtig, lehnt ihn ab. Zwei herbeigerufene Polizisten treffen ein: Der von seiner Frau Clara betrogene Sancho und David. Im Gerangel löst sich ein Schuss, der David so trifft, dass dieser von nun an querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt.
Viktor wandert ins Gefängnis, obwohl er nicht schuldig ist. Denn Sancho, der vor der Tat entdeckte, dass David mit seiner Frau geschlafen hat, verursachte den schicksalsreichen Schuss.

Sechs Jahre später, Viktor ist wieder auf freiem Fuß und begint ein Verhältnis mit Clara. Elena ist mit David verheiratet und arbeitet in einem Kindergarten.

Das Schicksal will es, dass diese sechs Personen noch einmal aufeinander treffen und die Geschehnisse der verhängnissvollen Nacht aufarbeiten. Neid, Eifersucht und Leidenschaft führen dazu, dass am Ende nichts mehr ist, wie es war. Und doch besser.
Der Film endet wieder mit einer Geburt. Diesmal in einer anderen Welt. Einer Welt voller Hoffnung und Freiheit.