Die Stadt

Da sach nochmal einer, wenn du Zug fährst, erlebste nix. Na gut, stimmt natürlich nicht, weil eigentlich ist eine Zugfahrt immer erlebnisreich. Mal sind es Dosenbier trinkende Männer, die einen unterhalten, mal quäkende Kinder oder gestörte Frauen oder eben ungeplante Stops in Bohmte.

Bohmte – bereits in der Anfahrt auf dieses kleine Städtchen ließ sich vernehmen, dass etwas vorgefallen war. Im Bordrestaurant. Das verriet nämlich die charmante Stimme des Zugkapitäns, der einen sich zufällig im Zug befindenen Arzt zu einer Visite dorthin bat. Und weil die Herren in weiß ja einmal diesen Eid geschworen haben, eilten sie zahlreich davon.

Wenig später dann der Stop – und die Bitte um Verständnis, dass man hier wegen eines Notarzteinsatzes halten würde. Und dann – mittlerweile warteten wirklich alle Zuggäste gespannt auf die nächste Ansage, die dann auch gleich folgte: Angehörige einer Frau W. sollten doch bitte nun auch ins Bordrestaurant kommen.

Wenig später – Auftritt untersetzte ältere Dame in blond mit zitronengelben Pulli. Die Angst steht ihr ins Gesicht. Später kam sie dann nochmal vorbei – der Kopf nicht mehr so überhitzt. In Begleitung des Zugpersonals, die wohl beim Tasche tragen halfen.

Kann man in diesen Fällen sauer auf die Bahn sein, dass man jetzt doch 30 Minuten Verspätung hat?
Und nun zum Serviceteil dieses Beitrags: In Bohmte gibt’s in Bahnhofsnähe einen Edeka, Brillenladen, einen „Stolte“ (keine Ahnung, was die dort verkaufen…), eine Sparkasse. Männer über 50 fahren dort gern Fahrrad. Besonders beliebte Strecke ist die Baustelle neben den Gleisen. So. Das war’s.

Blond und blöd

Sollte sich dieses Klischee doch als wahr erweisen? Heute, an dem Tag, als ich die Freundin des Nackten gesehen habe? Genau so sieht’s aus. Blond, blöd und leider völlig verpeilt.

Ging ich doch fest davon aus, dass ich morgen in Hamburg sein soll. Also, nach der Arbeit auf zum Bahnhof. Halt, nicht ganz, musste ich doch nochmal zurück, das Ticket holen. Lag noch auf dem Schreibtisch und Runde 1 im Entgeistert-an-den-Kopf-fassen. Aber es sollte noch weitergehen.
Am Bahnhof: Erst zum falschen Gleis laufen, feststellen, dass das doch irgendwie verkehrt ist. Und weil das eh alles schon so knapp war, beruhigt feststellen, dass der Zug 10 Minuten Verspätung hat. Die 2. Runde ging dann doch an mich.

Tja, und dann: Zug fährt ein, ich steige ein, freue mich auf meinen reservierten Platz und dann: Sitzt da einer. Sitzt da und sagt mir dann auch noch, dass er eben diesen Platz belegt hat. Schaut auf mein Ticket und stellt fest: „Das ist doch erst morgen!“ Wie? Morgen? Sollte ich etwa…?

Ja, sollte ich. Denn glücklicherweise hatte ich auch noch die Einladung mitgenommen und da stand unwiderruflich einfach mal der Donnerstag als Termin. Schön.

Aber was soll’s. Vielleicht wollte das Schicksal, dass ich mir nach einer Woche in dieser Stadt nun endlich auch mal Duisburg anschaue. Zumindest den Bahnhof. Ich muss schon sagen: Gut, dass das hier das Rheinland ist. Da hält der Zug öfter und verpeilte Frauen können schnell nochmal aus der Bahn springen, wenn sie sich mal wieder im Tag geirrt haben.

Morgens

Wenn beim Blick aus dem Fenster nicht nur endlich die Freundin des nackten Manns auf dem Balkon sich auch einmal zeigt – angezogen. Hübsch mit weißem Blüschen und Tüchlein um den Hals. Was er heute trägt – keine Ahnung. Und es interessiert auch nicht, allein weil er immer der nackte Mann bleiben wird. Der Mann, der mit wehender Fahne die Eiswürfel aus der Tiefkühltruhe holte.
Und nebenan? Eine Frau in schwarzer Unterwäsche, die ihr Bett neu bezieht. Vielleicht sollte ich mir auch ein paar Gedanken machen. Über die kleine Show, die ich meinen Nachbarn heute Morgen bieten werde.

Gespräche auf dem Flohmarkt

Sie: Guck mal da, eine Alarmanlage.
Er: Ich brauch keine Alarmanlage. Ich hab ja dich.

Allein oder einsam?

Mein erstes Wochenende in dieser noch fremden Stadt. Spannend, was man an einer Stadt als erstes kennenlernt. Zunächst der Supermarkt an der Ecke. Den ich innerhalb weniger Tage schon mehrmals aufgesucht habe. Die Straßenbahn, die mich zur Arbeit bringt. Die Pommesbude um die Ecke, weil man dort in der Mittagspause so schön draußen sitzen kann – bei diesem Wetter.

Eine kurze Visite am Rhein – in den Abendstunden, kann ja nicht sein, dass er der letzte ist, dem ich einen Besuch abstatte. Und gestern Abend dann auch zum anderen großen Wahrzeichen dieser Stadt – diese Einkaufsstraße. Mich dort aber nicht lang aufgehalten und lieber in meiner Preisklasse geschaut. Shoppen gewesen. Denn nach der großen Ausmistaktion vor dem Umzug bin ich klamottenlos. Kaum noch T-Shirts, Pullis für den Frühling wurden alle entsorgt. Schrecklich.

Und jetzt? An meinem ersten Wochenende allein in dieser Stadt? An den Rhein sollte ich gehen: Zeitung lesen, die Sonne genießen. Lampen müsste ich kaufen und aufräumen. Mal sehen, wie ich diese zwei Tage verbringe. Eins ist sicher: Allein werde ich sein. Mal sehen, ob ich das hinbekomme, ohne einsam zu sein.

Dieses Völkchen hier. Gehen abends auf eine Straße, kaufen sich Bier oder einen dieser Alkopops und stellen sich da hin. Reden, ansonsten aber nichts. Wer sitzt, verliert – so scheint es. Daran muss ich mich wohl erst gewöhnen.

Schaudern

Wieso nur läuft es mir kalt den Rücken hinunter, wenn der junge Mann im Blaumann gerade zu einem Kollegen sagt: „Das Badezimmer müssen wir auch noch aufmachen.“ Und nun hämmern sie beidseitig.
Bitte, ich war doch immer ganz lieb und bisher hat doch auch alles so reibungslos geklappt. Aber bitte mach, dass ich heute Abend duschen kann. Und dass ich vielleicht heute Abend noch meine Messer auspacken kann, damit ich nicht wieder mit dem Teelöffel mein Brötchen schmieren muss.

Ankommen

Komisch. Ankommen in einer fremden Stadt und dem Taxifahrer erklären, wo er hinmuss. So gut es geht. Kannte ich doch wenigstens diese eine Straße ganz in der Nähe.
Und die Bilanz des Tages? Telefon funktioniert. Kisten sind auch alle ausgepackt. Alle? Natürlich nicht! Denn die Küche muss noch eingepackt bleiben. Abflussrohr ist nämlich kaputt. Und das muss jetzt ausgetauscht bzw. eingesetzt werden. So mit Wand aufbohren und so.
Morgen noch der Elektriker. Hoffentlich bald der Klempner. Und dann wollte ich eigentlich noch über meinen Film vom Wochenende schreiben. Und vom Schuhladen. Und so.
Und wo ist eigentlich der nächste Ikea?

Vorbei.

Vorbei am Alex. Dort läuft seit 1.4. der Derrick-Film. Am Hackeschen Markt. Vorbei an der Strandbar, in der ich meinen letzten Sommer in der Hauptstadt verbrachte. Grandios. Am Pergamonmuseum, in dem ich das letzte Mal war, als ich italienischen Besuch hatte. Vor drei Jahren? An der Friedrichstraße. Ein kurzer Blick aufs Hauptstadtstudio. Der Bundespressestrand lässt sich erahnen, war eh nicht oft dort. Das Kanzleramt. Direkt daneben die Schweizer Botschaft. Wer das wohl erlaubt damals erlaubt hat? Es folgen Siegessäule und Glockenturm, an dem man sonst nur auf Touritouren mit dem 100er vorbeikommt.

Einfahrt in den Bahnhof Zoo. Von hier bin ich immer losgefahren. Überall hin. Vorbei am Schleusenkrug, tolle Fußballspiele dort geschaut. Die Menschenmassen am Bahnsteig, zu denen ich eigentlich immer gehörte. Und die Leute beneidete, die sich schon am Ostbahnhof einen Platz sichern konnten.

Raus aus der Stadt. Am Delphi vorbei. Mein letzter Film dort: Whale Rider. Schön. Im Theater des Westens war ich nie. Kein Interesse an dem, was dort meist gegeben wurde. Der Bahnhof Berlin-Charlottenburg. Die Schrebergärten an den Gleisen. Der Funkturm, zu dem ich nie eine engere Verbindung aufbaute. War nie dort. Und hab auch erst im letzten Jahr erfahren, dass man da sogar rauf kann. Sowieso Charlottenburg.

Dann der Rest: Bahnhof Heerstraße. Schrebergärten. Ein paar Stadtvillen kurz vor dem Bahnhof Ruhleben. Dort ging es immer lang, wenn man zu Ikea wollte. Entweder mit dem Bus oder mit der Bahn. Je nachdem, wie bepackt man am Ende eines solchen Shoppingtrips war. Dann nur noch Spandau. Der letzte Stop. Bevor es raus geht. Raus aus der Stadt.
Aus. Vorbei. Es war schön mit dir.

Vermiss dich.

Alles gut

Es gibt diese Momente, in denen man sofort weiß, dass alles gut ist. Zwischen den beiden, die seit Stunden in einem Auto sitzen. Die Situation: Irgendwo auf der Autobahn. Im Radio: Das neue Lied von Rosenstolz, Nummer 1 der Hitparade vom Radiosender Eins Live. Die einhellige Meinung: Furchtbares Gedudel. Obwohl der Beifahrer weder die Band kennt, noch von irgendwie geartete Kenntnissen in Sachen Popmusik vorweisen kann. Zumindest hat er sich in dieser Hinsicht bisher nicht hervorgetan.
Ob das gut gehen kann? Eine Frage, die die Fahrerin ab und an doch immer wieder beschäftigte. Es kann. Breit ist ihr Grinsen, als er plötzlich den Nirvana-Klassiker fröhlich mitpfeift. Glück gehabt. Auch wenn er keine Ahnung hat: Die Intuition stimmt.