Über die Schulter

„Sie können Ihre Jacke hier nicht über den Arm gehängt tragen“, wies er mich zurecht. Geht so also nicht. Erlaubt wäre aber, wenn ich meine Jacke über die Schulter hänge. So kam es, dass ich zum einen so was von lässig durch diese Ausstellung schlenderte. Und weil heute auch Tag der offenen Tür war und man in alle für lau gehen konnten, wollte ich auch durch die Kreml-Ausstellung laufen. Ebenso lässig. Der andere Ordner: „So können Sie Ihre Jacke hier nicht tragen. Hängen Sie sie doch über die Schultern…!“ Es gibt sie noch, die Momente, in denen es auf genau einen Buchstaben ankommt.

Premium Content: Kultur in Düsseldorf

Eigentlich war ich ja bei Andy Warhol, aber weil inmitten der Kultur-Meile in Düsseldorf dieser rote Klotz stand, war ich neugierig. Zu Neugierig. Und beschloss, nach dem Ausflug in die Pop Art auf jeden Fall nochmal vorbei zu schauen.

Da stand er nun. Der rote Klotz. Aufschrift: Faszination Handelswelten. Mehr nicht. Die Metro präsentiert sich, schön bunt, hip. Laute Musik, viele Bilder, viele, viele Computer, auf denen Videofilmchen zeigen, wie toll der Konzern ist, wie vielseitig man in einem Konsumtempel doch denkt. Und was die Zukunft bringt. Tja. Und wir auch sehen sollten, mit welchen Sinnen wir die vielen bunten Marken alle aufnehmen. Wie wichtig doch das Korkenknallen, der Geruch von Gewürzen und das Aussehen von wohlgeformten Früchten für unseren Genuss ist, gab’s – Kindheitserinnerungen werden wach – Ahoj-Brausepulver zum selber testen. It’s prickeling in England, wie Hape derzeit sagt. Nein: It’s prickeling in Düsseldorf. Auf meiner Zunge. Und wie ich vorhin erfahren habe, kann man damit auch ganz andere Körperteile zum Prickeln bringen.

Hausdrachen

Dieses Haus hat einen Drachen, einen Hausdrachen in Gestalt einer älteren Frau, die in großer Lautstärke den Fernseher laufen hat, egal, wann man bei ihr klingelt. Hört sie die Klingel, hüpft sie wie aufgescheucht an die Tür – auch gern ohne Schuhe. Kann man ja machen, jetzt. Ist ja warm. Dazu eine kreischende Stimme. Unterschwellig vorwurfsvoll, dass immer noch keine Klingelschilder an der Tür hängen – sei ja nicht so wichtig. Und Hausdrachen nehmen sich es auch heraus, morgens um halb neun hier zu klingeln. Nicht, dass ich nicht schon wach war und durchaus auch in der Lage gewesen wäre, an die Tür zu gehen. Aber seit morgens in Berlin eigentlich immer nur die Müllmänner wahllos klingelten, weil sie sonst nicht an die Tonnen kamen, gehe ich nicht mehr an die Tür.

Ganz flüchten konnte ich dann vor ihr nicht. Schließlich hat sie ja Zeit und wartete anscheinend im Hausflur, bis ich die Wohnungstür ins Schloss fiel ließ und die Treppen hinunterrennen wollte. Ich habe vorhin schon mal bei ihnen geklingelt? – stimmt, gute Frau. Da war ich wohl unter der Dusche.

Toiletten

Ernsthaft darüber diskutiert, ob Männertoiletten besser ausgestattet sind als Damentoiletten. Den Punkt vertreten, dass Männer viel besser gestellt sind, weil 1. mehr Kerle am Pinkelbecken Platz finden und 2. es viel schneller geht. Weil nur: Hose auf, Schniedel raus, Hose wieder zu. Beipflichtender Kommentar eines Mannes: Wir haben ja auch viel mehr Platz im Klo. Ah ja.

Familie

Wie weit entfernt die bestehenden Probleme in der letzten Zeit waren. Seit gestern sind sie wieder da. Entscheidungen, die anstehen. Alternde Menschen, die ungern über ihre Gefühle sprechen. Besonders wenn es Schmerzen sind. Hilflos steht man ihnen gegenüber, weil man nicht helfen kann. Weil sie auch keine Hilfe annehmen wollen – aus Angst eine Last zu sein.
Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, den Alltag zu bewältigen. Weil der Körper nicht mehr mitspielt. Entscheidungen müssen getroffen werden. Nur wie? Über ihren Kopf hinweg? Ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse ignorieren?
Und dann das andere Problem. Die Krankheit, die ihn langsam auffrisst. Zu der er sich nicht einmal bekennt, obwohl er Schmerzen hat. Furchtbar müssen sie sein.

Angst. Davor, dass es kein Wiedersehen gibt. Mit dem Gedanken, dass diese Haltung vielleicht so egoistisch ist, weil das Leben für ihn nur noch eine Qual ist. Von der er erlöst werden sollte. Und Angst davor, dass auch sie dann ihren Lebenswillen verliert. Weil sie so lange ein Paar waren. Glücklich, wie heutzutage nur noch selten.

Bitte, bitte

Und immer die selben Fragen: „Hast du dich schon eingelebt?“ – „Und wie findest du es hier?“ – „Wann fährst du wieder nach Berlin?“ Auch dieser hier ist sehr beliebt: „Berlin ist schon eine schöne Stadt.“

Was wollt ihr eigentlich? Minderwertigkeitskomplexe haben? Wollt ihr ernsthaft hören: „Nö, ich fahr da gar nicht mehr hin!“ – und „Hier isses echt viel schöner…“

Nein – all das kann ich euch nicht geben. Ich wohne jetzt hier, ja, dazu stehe ich. Und ich bin dieser Stadt auch sehr offen gegenüber eingestellt. Denke nichts Schlimmes, wenn ihr mich mal wieder in der Straßenbahn anmault (das machen die Berliner ja auch so…) oder ihr mir auf den Füßen herumtretet. Auch im Supermarkt schenke ich euch ein Lächeln. Aber glaubt ihr, dass man mit mir nur über Berlin reden kann? Kaum eine Unterhaltung, in der ihr mir nicht von euren langjährigen Plänen erzählt, da auch mal wieder hinzufahren. Wann ihr zuletzt dort wart, wenn nicht sogar gewohnt habt. Dass ihr da total gerne hinfahrt, weil es einfach so schön ist. Ja, sie ist schön, aber sie ist nun mal auch wie jede andere Stadt. Man lebt dort, genießt das Leben und die Vorzüge. Mehr nicht. Und ja. Ich hab nichts gegen Düsseldorf. Ihr habt den Rhein und eine wunderschöne Königsallee, die dem Kudamm allemal den Rang abläuft.

Aber ansonsten? Ich will euch nicht vergleichen, weil ihr nicht vergleichbar seid. Allein die Einwohnerzahl ist dafür Grund genug. Dass man euch nicht vergleichen kann, wisst ihr selbst, trotzdem zwingt ihr mich immer wieder dazu. Bitte, bitte, gebt endlich Ruhe.

Mister M.

Er ist endlich wieder da. In meinem Leben. Und was habe ich ihn in der letzten Zeit vermisst. Schon lange hab ich seine Stimme nicht mehr gehört, obwohl er sich doch immer so regelmäßig gemeldet hatte. Anfangs mehrmals in der Woche, dann unregelmäßiger, zum Schluss alle sechs Wochen. Immer ein Austausch: Wie geht es dir? Gibt es was Neues? Was macht die Liebe? Durch den Umzug dann der Abbruch. Keine Anrufe mehr, weil er die neue Nummer ja nicht hatte. Aber es gibt ja Handy und so war es heute dann wieder so weit. Viertel nach zehn holte er mich aus meinen Träumen. Und dann das übliche. Wie – du hier? Dann können wir uns ja… Könnten wir – ja. Auf der Suche nach der Liebe ist er immer noch. Obwohl er natürlich schon so viele Frauen kennengelernt hat, die ihn wollten. Aber er sucht ja nach der richtigen. Und dass diejenige die falsche ist, das weiß er immer schon nach dem ersten Date. Oder ein bisschen später, wenn er mit ihr im Bett war. Aber er ist ja nicht SO einer, er doch nicht. Ich weiß nicht, wie viele Telefongespräche wir schon geführt haben, in denen er mir genau diesen Text runterleiherte. Auch dieses Mal fehlte es nicht, dass Angebot, wenn mein Herz mal wieder frei ist, und so. Das Schlimme ist: Er merkt nicht, wie verzweifelt er klingt. Wie sicher man weiß, warum er nicht die Richtige findet. Von den anderen Qualitäten mal abgesehen. Suchen tut er auch nach einem Job. Aber auch das werde sich regeln – sagt er. Und die Glaskugel, die er angeblich befragt habe. Erst die Frau und dann der Job – so war die Vorhersage. Wir können gespannt sein.

Grrh mit Happy End

Tag 1: Dienstag. Ich will ein Ticket. Für den öffentlichen Nahverkehr, hab keine Lust mehr auf das ewige Lösen einzelner Tickets. Immer passendes Kleingeld für den Automaten dabei haben und die Pläne, täglich mit dem Fahrrad dort hinzufahren, sind ja leider auch schon wieder begraben. Ausreden wie Regen, Kälte und Faulheit sind nun mal überzeugende. Aber ich wollte ja von dem ersten Versuch erzählen, den ersten Versuch mir ein Monatsticket-Abo zu holen. Gut vorbereitet war ich: Hatte sogar den Arbeitsvertrag mit. Ein unfreundlicher Herr am Schalter. „Da nehmen Se mal diesen Vordruck“ – und: „Ja, wie, sie brauchen jetzt aber noch so einen Stempel!“. Stempel? Vom Arbeitgeber, ohne geht nichts, auch wenn man den Vertrag dabei hat – natürlich ohne Stempel.

Tag 2: Donnerstag. Stempel besorgt, sogar unaufgefordert ne Unterschrift bekommen. Am Schalter jedoch die Ernüchterung: „Geht heute nicht. Wir hatten einen Serverausfall“ – und der beruhigende Nachsatz hinterher: „Sie glauben gar nicht, wie viele Leute ich heute schon verärgert habe…“. Schön für ihn.

Tag 3: Freitag. Heute muss es sein, und nachdem ich mich auch schon am gestrigen Tag versicherte, dass ich auch wirklich nur diesen ausgefüllten Schein (mit Stempel) mitbringen müsste, fuhr ich da heute hin. Auf dem Fahrrad, um auch endlich mal was für die körperliche Fitness zu tun, auf zum Rheinbahncenter. Am ersten Schalter: „Und wo ist jetzt ihr Arbeitsvertrag?“ Ich kochte vor Wut. Aber glücklicherweise war der charmante Herr vom gestrigen Tag auch dabei und der übernahm dann letztendlich auch die Verantwortung für meinen Auftrag. Wenn nicht, dann wär auch was passiert, das sach ich dir.

Na endlich

Gerade bemerkt, dass ich mich vorhin also öffentlich dazu bekannt habe: Ja. Ich wohne jetzt in Düsseldorf. Ja. von Berlin nach Düsseldorf. Und manchmal fahre ich auch wieder dorthin. Schon nach zwei Wochen Berlin-Abstinenz stellt sich dieses Gefühl ein, dass man hier nur noch zu Besuch ist. Und auf dem Weg nach Düsseldorf ist der Halt in Duisburg so, als ob ich in Spandau halte. Mit den selben Gedanken im Kopf: Wanngehtesendlichweitermussmanhiereigentlichauchhalten. Oder gebe ich Spandau hier gerade einen zu hohen Stellenwert?

Momentaufnahme

Vielleicht bin ich zu viel Zug gefahren, in den letzten Tagen. Vielleicht sollte ich auch einfach nur abschalten, wenn ich Zug fahre. Weil ich das aber nicht tue, höre ich folgende Weisheit: „Auto fängt mit A an und hört mit O auf…“.