Zug fahren. Jedes Mal erwarte ich das Schlimmste. Verspätungen, nervende Kinder, klingelnde Handys, kein Sitzplatz. Obwohl ich mir doch vorgenommen hatte, endlich mit dem Reservieren zu beginnen.
Deshalb versuche ich mich immer für alle Eventualitäten auszustatten. Was zu trinken – große Flasche Wasser und Kaffee. Was zu essen – Brötchen vom Bäcker und ein Leckerli. Was zu lesen – meist Zeitung oder Bücher. Aber nicht eins, nein, es könnte ja sein, dass man keine Lust mehr auf das eine hat und lieber zu dem anderen Exemplar greifen möchte. Was zu schreiben – wenn schon der Rechner nicht mitfährt.
Und Kopfhörer. Die sind wichtig und wirken sowohl gegen mit ältere Herren, die mit IG-Metall-Karten Skat spielen und dazu Veltins aus der Dose trinken, plärrende Kinder (man muss die Musik nur laut genug stellen), telefonierende Unternehmer und streitende Paare.
Und über das Hörangebot der Deutschen Bahn schreibe ich lieber ein anderes Mal…

FILM: Live Flesh – Mit Haut und Haar

Gestern Abend auf dem Programm. Nach „Sprich mit ihr“ im letzten Jahr ein weiterer Film von Pedro Almodovar.

Madrid 1970. Viktor erblickt das Licht der Welt. Als Sohn einer Prostituierten.

20 Jahre später. Viktor ist herangewachsen. Hat mit Elena Sex in einer Toilette, verspricht sich mehr. Diese jedoch drogensüchtig, lehnt ihn ab. Zwei herbeigerufene Polizisten treffen ein: Der von seiner Frau Clara betrogene Sancho und David. Im Gerangel löst sich ein Schuss, der David so trifft, dass dieser von nun an querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt.
Viktor wandert ins Gefängnis, obwohl er nicht schuldig ist. Denn Sancho, der vor der Tat entdeckte, dass David mit seiner Frau geschlafen hat, verursachte den schicksalsreichen Schuss.

Sechs Jahre später, Viktor ist wieder auf freiem Fuß und begint ein Verhältnis mit Clara. Elena ist mit David verheiratet und arbeitet in einem Kindergarten.

Das Schicksal will es, dass diese sechs Personen noch einmal aufeinander treffen und die Geschehnisse der verhängnissvollen Nacht aufarbeiten. Neid, Eifersucht und Leidenschaft führen dazu, dass am Ende nichts mehr ist, wie es war. Und doch besser.
Der Film endet wieder mit einer Geburt. Diesmal in einer anderen Welt. Einer Welt voller Hoffnung und Freiheit.

FILM: Lost in Translation

Nachdem ich nun am Dienstag schon vor dem Kino stand, weil alle Sessel schon gefüllt waren, gelang der Kinoabend mit Sofia Coppola nun endlich gestern. Wenn auch mit Tickets für die erste Reihe. Am Rand.

Bei einem solchen Andrang sind die Erwartungen natürlich hoch – aber sie wurden erfüllt. Ganz besonders in den Nachwirkungen, die dieser Film hatte. Er berührte und hinterließ mich für den Rest des Abends in einer seltsamen Stimmung. Gedanken über das eigene Dasein in Berlin, die Zukunft und die Gegenwart. Dazu verlorene Blicke,.

„Lost in Translation“ ist im Vergleich zu Sofia Coppolas Erstling „The Virgin Suicides“ viel langsamer. Zwar hat der Film weniger Handlung, gleichzeitig passiert so viel, dass man es beim erstmaligen Schauen gar nicht alles aufnehmen kann. Es ist die Handlung zwischen den Zeilen, die den Film so sehenswert macht. Da treffen zwei Personen mit dem gleichen Schicksal aufeinander. Beide sind verheiratet und sind in Tokio, wo sich beide verloren fühlen. Sie wollen beide nicht dort sein und sind es doch. Bob Harris (Bill Murray), Schauspieler, dreht einen Werbespot für Whisky, Charlotte ist mit ihrem viel beschäftigten Mann angereist. Beide sind einsam, schlagen sich die Nächte um die Ohren. Das einzige, was sie trennt, ist ihre Biographie und ihr Alter.

Dessen bewusst durchleben sie die Phase des Kennenlernens. Entdecken die Stadt, und deren Nachtleben. Kommen sich näher. Immer wieder überrascht der Film mit kleinen Details, die Großes aussagen. Dass Bob Charlottes Füße berührt, reicht völlig aus, um die Stimmung zwischen den beiden darzustellen. Wie intim ein solcher Moment sein kann.

Immer wieder lebt der Film von den komischen Momenten, die durch das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Welten entstehen. Unterschiede in den Kulturen, Unterschiede in den Generationen. Die in großen Bildern dargestellt werden, wunderbaren Einstellungen.

Was Bob seiner Charlotte zum Schluss ins Ohr flüstert, möchte man insgeheim wissen, obwohl es unwichtig ist. Die Geste allein reicht. So kann jeder seinen eigenen Text erfinden. Und so ging ich in die Nacht und ließ Bob zu ihr sagen: „Ich hab dich lieb.“ Und: „Du brauchst jetzt nicht antworten…“. Womit er dieses wundervolle Lächeln auf ihr Gesicht zaubert.

Sätze, die die Welt bedeuten (2)

„Eine schöne Brust im Gesicht ist nie verkehrt…“

Die Wasserpfeife

Das Ziehen nach Luft. Was dieses Blubbern auslöst. Ein Blubbern, was man aus Kinderzeiten kennt. Wenn man seine Eltern nerven wollte und mit dem Strohhalm so lange in der Limonade blubberte, bis sie entnervt eingeschritten sind. Jetzt blubbert es wieder. Nur aus einem anderen Grund. Und einem anderen Zweck.

„Gott schütze Sie“

Ich frage mich wirklich, warum Ihre Schwangerschaftsvertretungen immer so viel besser sind als sie selbst. Die TAZ über Jörg Thadeusz: „Der Mann ist smart, wortgewandt und selbstironisch; alles keine Eigenschaften, für die Tita von Hardenberg berühmt wäre.“

FILM: The virgin suicides

Unglaublich! An einem Dienstag um halb neun ins Kino gehen und dann ist der Film ausverkauft. In beiden Kinos, in dem Orginalversionen laufen. Kann das sein?

Ja, es kann sein, wenn es sich bei dem Film um „Lost in translation“ handelt. Nun gut, aber wenn die halbe Stadt schon im Coppola-Fieber ist, will ich auch Coppola. Und so sehen wir uns „The virgin suicides“ an. Auf DVD. Sofia Coppolas Debüt.

Wenn man diesen Erstling sieht, ist man noch gespannter auf den zweiten.
Es geht um eine Vorstadtfamilie Mitte der siebziger Jahre. Fünf Mädchen wachsen bei ihren strikt konservativen Eltern auf. In ihren Gestalten sind sie Prinzessinnen, wohlbehütet, unnahbar und deshalb so interessant für die Nachbarsjungen, die jedes Detail an ihnen aufsaugen.

Dann bringt sich Cecilia, die jüngste der Schwestern um – spießt sich am Gartenzaun auf: der Auslöser für eine noch viel größere Tragödie, die letztendlich im Tod der anderen vier Mädchen endet.

Was den Film so sehenswert macht: Jede Szene ist von der Einstellung, den Dialogen und der Musik perfekt durchdacht. Der Junge, der „you know, i love pineapple“ nicht etwa einer der Schwestern zuhaucht, sondern der biederen Mutter. Die Mittagspause in der Schule, in der die Mädchen eine solche Einheit bilden, weil sie mehr als nur ihre Verwandschaft verbindet. Der erste Sex auf dem Baseballfeld zwischen Lux und Trip.

Was für ein Film, möchte man schreien, und kommt nicht dazu, weil man schon in die nächste wundervolle Szene gezogen wird.
Auch musikalisch hat der Film einiges zu bieten – „Air“ lieferten den kompletten Soundtrack.

Nur schade, dass ich ihn damals nicht im Kino gesehen habe. Wie konnte ich diesen wundervollen Film nur verpassen.

FILM: Calendar Girls

Ich mag ja diese englischen Filme. Auch wenn mich mittlerweile die Szenerie: Kleine englische Stadt, vorzugsweise Dorf und das Spielen mit der englischen Biederkeit ein bisschen nervt. Ja, in „The full monty“ war’s noch nett, „Billy Elliot“ rührte zu Tränen und nun soll es also die Verfilmung der Kalendermädchen sein.

Was passiert in diesem kleinen Film? Annies (Julie Walters) Mann John erkrankt und stirbt an Leukämie, was die „Girls“ auf die Idee bringt, den jährlichen Women Institute’s Kalender (eine Einrichtung, damit die Frauen einer regelmäßigen Ablenkung vom Arbeitsalltag haben) mit Aktfotos zu gestalten. Keine langweiligen Kirchenbilder oder Stilleben mehr, sondern die reifen Frauen in voller Schönheit. Der Weg zum Kalender wird liebevoll erzählt, gesprenkelt mit kleinen Details der Frauen, schönen Bildern und viel Humor.

Leider kann „Calendar Girls“ dieses Niveau nicht halten. Denn nach der Fertigstellung des Kalenders wird der Film leider ein bisschen dröge. Die Schicksale der einzelnen Frauen bekommen ein größeres Gewicht. Da ist der Sohn von Chris (Helen Mirren, die übrigens großartig spielt), der unter seiner erfolgreichen, ausziehwütigen Mutter anstatt Hasch Oregano raucht und sich betrinkt. Chris, welche in der Yellow Press lesen muss, dass ihr Mann den mangelnden Sex zwischen ihnen beklagt und die Ehefrau, die von ihrem Mann betrogen wird und sich ganz wunderbar emanzipiert.

Warum diese Schicksale insbesondere im zweiten Teil des Films ein solches Gewicht bekommen, ist unklar. Meiner Meinung nach hätten diese Erzählstränge auch in den Prozess der Entwicklung des Kalenders gepasst. Auch warum die Ladies ausgerechnet nach Hollywood reisen müssen, ist nicht klar. Ein bisschen erinnerten mich die Szenen an den Mr. Bean-Film. Die armen Dorffrauen allein in der bösen weiten Welt der Filmbranche. Nun gut.

Kleiner amüsanter Film für einen kurzweiligen Samstagabend – mehr nicht.

Ein Fernsehmärchen

Es war einmal eine Moderatorin beim Kuschelsender. Jeden Tag moderierte sie ihre kleine Sendung. Live – wie es hieß. Dafür musste sie nicht viel tun. Die Moderationen konnte man glücklicherweise ablesen und gut Aussehen bekam sie dank Make up und Fitnessstudio auch ganz gut hin. Ok, wenn mal ein Anrufer in die Sendung geschaltet wurde, gab es das eine oder andere Problem, besonders wenn sie sich dann auch noch eine mehrstellige Zahl merken musste. Aber irgendwie meisterte sie dann doch jede Situation. Kleine Fehler sind ja auch menschlich. Und menscheln, ja, das war eines der Prinzipien der Show.

Irgendwann sanken die Quoten dann. Trotz ihrer Moderation. Immer weniger wollten die kleine Sendung sehen. Und dann hieß es plötzlich, dass sie zum Ende des Jahres aufhören werde.

Die Fernsehnation schrie nicht auf, man nahm es hin. Vielleicht weil man ahnte, dass sie sich bald neuen Aufgaben stellen werde. Und es dauerte keinen Monat, da war sie schon wieder da.

Zwar nun nicht mehr beim Kuschelsender, aber bei einem anderen privaten. Und ihr Berliner Studio hatte sie auch eingetauscht, gegen den Dschungel.
Und dort haust sie nun. Mit acht anderen großen Köpfen des deutschen Fernsehen. Und um dem lieben Publikum mal so richtig was zu bieten, lästert die gute Frau über ihre Mitstreiter. Will nicht mit jedem („Ich möchte mich nicht von ihm begleiten lassen“), mag seine Stimme nicht („Weißt du, ich sing selber“), findet die Kleidung einer anderen völlig unpassend („Eigentlich ist die ein Öko“). Bemängelt Intellekt („Da fühlt man sich dann einsam“), lästert über künstliche Titten, „gemachte“ Gesichter und vergleicht ihren wunderbaren Körper mit dem einer anderen. Obwohl sie doch älter ist.

Die Krönung: „Der ist doch auch auf dem absteigenden Ast“. Ja, ist er wohl, obwohl er sich ganz gut schlägt. Aber vergiss nicht, meine Liebe – du bist es auch.

Lieb oder zu lieb – die große Frage, an der schon Beziehungen gescheitert sind.
Ist es in Ordnung, jeden Tag anzurufen? Egal, zu welcher Uhrzeit, einfach nur so?
Ist es in Ordnung, das Frühstück zu machen, wenn der andere mit Arbeit beschäftigt ist? Oder sollte man darauf bestehen, gemeinsam zu werkeln? Ist es in Ordnung, am Abend der Abreise dabei zu sein, wenn der andere packt? Und eigentlich ganz andere Dinge im Kopf hat?
Ist es in Ordnung, den anderen vom Bahnhof abzuholen? Auch zu ungünstigsten Zeiten?
Werden solche Gesten schnell falsch verstanden, oder sind sie einfach nur lieb gemeint.
Einfach mal keine Gedanken machen. So handeln, wie man es in diesem Moment gerade möchte.
Oder?