‚Love is a strong force‘ oder Mercury Rev im Zakk

‚Von hier kannste doch überhaupt keine schönen Bilder machen‘, ranzte das hagere Mannsweib mich von der Seite an. Ungläubig blickte ich ihr in die Augen. ‚Jaja, schon gut‘, presste ich aus mir heraus. Schlagfertig ist auch was anderes und irgendetwas blockierte mich, so dass ich ihr nicht an den Kopf werfen konnte, dass sie mich doch mal einfach machen lassen sollte. Sie wiederholte sich noch ein-, zweimal ich schaute immer noch verdutzt, dann ging sie wieder an ihren Platz, um wenige Minuten später wie wild loszukreischen und zu applaudieren. Schien ihr also gefallen zu haben. Mir leider nicht. Ich war schon auf einigen Konzerten. Ich war auch schon auf kurzen Konzerten. Aber bisher bin ich immer dann gegangen, als die Show auch wirklich vorbei war. Diesmal ging’s leider nicht, nach rund 40 Minuten war’s (für uns) vorbei. Hier die Fakten im Überblick:

Die Show
Ein dürrer Kerl (David Baker) mit Gitarre singt ein paar Lieder, reißt die Arme in die Höhe, flattert dann und wann wie ein Vogel davon, tanzt auch mal ne Runde auf der Bühne herum, wenn auf der Leinwand hinter ihm ein Ballettmädchen kreist.

Das Ambiente
So 90er! Ich habe das Gefühl, vor meinem Windows Media Player zu sitzen. Diese lustigen Bilder, die da ineinander fließen, herrjeh, das macht man doch heutzutage nicht mehr. Auch Robben bewegen sich im Takt der Musik, besagte Balletttänzerin und ganz unterschwällig hat die Musik auch eine Message: Love is a strong force, zum Beispiel, oder andere Weisheiten, die den Zuschauer zum Weltretten animieren sollen.

Das Publikum
Durchwachsen, alternativ, seltsam zum Takt der Musik wippend. Oder halt nicht im Takt, ist ja auch egal, hauptsache, wir ham unsern Spaß. Uaaah!

Die Musik
Hymnisch, pathetisch. Bei Keane ist das ok, hier nicht.

FILM: Willenbrock

Bernd Willenbrock ist Autohändler in Magdeburg. Er hat alles, was ein Mann sich wünscht. Das Geschäft läuft einigermaßen, er hat ein schickes Auto, eine gutaussehende Frau und jede Menge Gelegenheiten, sich auch außerhalb der eigenen Ehe zu vergnügen. Für ihn läuft alles bestens und wenn ihn einmal das schlechte Gewissen plagt, bringt er seiner Frau einen Strauß Blumen mit und schon ist die Welt wieder in Ordnung. Doch dann wird Willenbrock in seinem Wochenendhaus überfallen, sein Leben ändert sich schlagartig. Plötzlich zweifelt er an sich selbst, Angst zerfrisst ihn und auch seine Ehe. Denn er erkennt, dass er nirgends und schon gar nicht in der kleinen Vorstadtsiedlung in Magdeburg sicher sein kann.

Andreas Dresen gelingt es in seinen Filmen immer wieder, den Alltag darzustellen. Ganz normale Menschen, die ganz normale Dinge erleben und doch – meist auf ihre Art – besonders sind. Das war in ‚Halbe Treppe‘ genauso wie in ‚Herr Wichmann von der CDU‘. Mir hat auch ‚Willenbrock‘ gefallen. Doch diesmal ist mir eins aufgefallen: Wenn Dresen sich dem Alltag so verpflichtet und vorzugsweise den Osten Deutschlands als Schauplatz seiner Filme wählt, so hätte er auch konsequent sein müssen und die Sprache in Magdeburg übernehmen müssen. Das wäre zwar für den Großteil des Publikums eine große Last gewesen, aber sind doch gerade auch die englischen Gesellschafts- und Alltagsfilme genau deshalb so gut, weil sie Akzente und Dialekte zulassen.

Willenbrock war mein vierter Film von Andreas Dresen und der zweite, in dem Axel Prahl die Hauptrolle übernommen hat. Von beiden, auch in der Konstellation, habe ich noch immer nicht genug. Endlich mal wieder ein guter, deutscher Film.

Neulich im Regionalexpress nach Düsseldorf

– Mein Horst mag Fisch ja nur gerollt. Ich mach das immer so, dass ich normalen Fisch kaufe und den dann einfach rolle, Zahnstocher rein, hält auch. Mein Horst mag nämlich keinen anderen Fisch.
– So wie Rollmops?
– Nee, halt gerollter Fisch, ohne Gurke.
– Ja, aber ist das dann nicht Beschiss, wenn du den Fisch einfach aufrollst?
– Quatsch. Das ist doch kein Beschiss.
– Mein Manfred mag Gurken ja auch am liebsten in Scheiben und nicht in Stücken.
– Na, das ist ja auch was anderes. Das schmeckt ja auch ganz anders.

Danach

‚Wovon wollen Sie denn träumen‘, fragte mich der gut aussehende Doktor, der gerade die Kanüle in meinem linken Arm platziert hatte. ‚Keine Ahnung‘ antwortete ich und dachte nur, warum er mir jetzt so eine Scheiß-Frage stellen musste. So referierte ich kurz, dass ich heute morgen bereits um sieben wachgeworden bin. Zuvor hatte ich davon geträumt, verschlafen zu haben. All das Hungern und viele Trinken (6 Liter!) war umsonst gewesen. ‚Kommen Sie doch Montag nochmal vorbei‘, hatte mir die Schwester noch gesagt. Scheiß Träume.

Der andere Doktor kam herein und fragte ebenfalls ‚Wovon wollen Sie denn träumen?‘ – Mein Gott, können die sich nicht mal ne andere Frage ausdenken? Ich weiß noch, dass ich den Vorschlag, ich sollte doch von lila Blumen träumen, ziemlich dämlich fand. Doch dann wachte ich schon wieder auf, die Schwester ließ mich die Hose und Schuhe schließen und führte mich in das Aufwachzimmer.

Ging ja schnell.

It’s D-Day, Baby!

Achtung! Es folgt ein politisch korrekter Text im Rahmen der Aktion „Franziskript gegen Darmkrebs.“ Wer das albern, langweilig oder uninteressant findet, sollte morgen wieder kommen.

Was tut man nicht alles für seine Leser! Immer wieder zaubert man Lustiges aus seinem Leben hervor, Trauriges, bereitet es nett auf und versucht sich am Schmunzeln über sich selbst. Der heutige und morgige Tag stehen bei mir ganz im Zeichen meines Darms. Während sich Harald Schmidt alle zwei Jahre eine ordentliche Darmspiegelung gönnt (‚Der Tod sitzt im Darm‘), fang ich halt morgen damit an.

Wer sich über Sinn und Unsinn einer Darmspiegelung informieren möchte, sollte auf einschlägigen Seiten wie beispielsweise darmkrebs.de lesen oder eine geeignete Suchmaschine aufsuchen.

Bevor dieser Akt morgen früh vollzogen wird, muss das Organ vollständig entleert werden. Dafür gibt’s eine nicht besonders leckere Flüssigkeit, die morgens und abends eingenommen werden muss und die zu einem heftigen Murren und Gurgeln in der Magen- und Darmgegend führt. Nach ungefähr einer halben Stunde sorgt diese dafür, dass die Einnehmende dann und wann erschrocken aufspringt und den schnellsten Weg ins Badezimmer wählt.

Wie diese Entleerung dann vollzogen wird, führe ich mal nicht weiter aus, das kann sich jeder selber denken. Und wenn ich dann noch erwähne, dass heute nur noch Flüssignahrung angesagt ist, brauche ich wohl auch nicht auf die Konsistenz des Ausgeschiedenen eingehen.

So, und wie der geneigte Leser bereits ahnt, bin ich also derzeit dabei, immer wieder zwischen Badezimmer und Rest der Wohnung hin und her zu rennen, unterwegs noch schnell ein Schluck aus der Pulle. Fünf Liter sind heute Pflicht, gibt ja auch sonst nix.

Aufmunternde Worte à la ‚Lass es raus, Baby‘ sind in den Kommentaren gern gesehen.

Tanzveranstaltungen und so

Wer mich gestern im Zug getroffen hat, sah mich vertieft in meine derzeitige Lektüre. Ein großartiger Erfahrungsbericht mit der einen oder anderen Geschichte über die seltsame Musik, die da samstäglich auf Hochzeiten, Schützenfesten oder anderen Feierlichkeiten dargeboten wird. Und vielleicht finde ich dieses Buch auch nur so gut, weil ich dieses Prozedere selbst das ein oder andere Mal erlebt habe. Eine mittelklassige Coverband spielte in einem Festzelt ihr Repertoire herunter, dazu fließt jede Menge Alkohol. Die, die in einer festen Beziehung sind, knutschten mit ihrem Partner und verdrücken sich rechtzeitig nach Hause. Andere knutschen wild herum und verzogen sich dann und wann nach draußen und die Übrigen waren zu betrunken.

Und immer wenn ich das Buch beiseite gelegt habe, musste ich an ihn denken. Ich weiß nicht, wann ich ihn zum ersten Mal getroffen hatte. Er sah nicht schlecht aus und wie die vielen anderen spielte auch er im örtlichen Fußballverein. Man traf sich meist am Samstagabend in der Disco, wo alle waren. Ein Cola-Korn hier, ein Plausch da. Dazu wildes Hüftenschwingen zu grenzwertigen Hymnen.

Immer wenn ich durch den Ort lief, konnte ich sicher sein, dass ich ihn traf. Er, der nach der Arbeit nichts Besseres zu tun hatte, als mit seinem Auto durch die Straßen zu fahren. Einfach nur fahren, in amerikanischen Serien würde man das wohl aus Cruisen bezeichnen. Später, als er eine Freundin hatte, saß sie oft neben ihm. Sie fuhren ihre Runden und manchmal traf man sie auch laufend. Die beiden schienen füreinander gemacht, für sie war er der erste richtige Freund, für ihn war sie eine der ernsten Geschichten. Sie ging noch zur Schule, er verdiente als Elektriker sein Geld.

Auch als ich aus dem Ort zog, waren die beiden noch zusammen. Auf meinen Stipvisiten sah ihn oft, meist bei seinen täglichen Runden durch die Ortschaft. Immer wenn ich ihn sah, waren seine Oberschenkel dicker geworden, sein Bauchansatz ausgeprägter und sein Gesicht voller. ‚Schade‘, dachte ich damals oft. Und weil der Buschfunk immer noch hervorragend funktionierte, erfuhr ich wiederum ein paar Jahre auch von seinem Ende. Es muss am Ende ihrer Schullaufbahn gewesen sein, als ich davon hörte, dass sie sich von ihm getrennt hat. Klar, wahrscheinlich wollte sie noch einmal was anderes erleben. Wollte studieren gehen. Wegziehen. Oder so.

Einige Tage später war er plötzlich tot. Autounfall. Gegen den Baum.

Was mal gesagt werden muss:

Wenn der Kanzler jetzt wirklich mit einem Konjunkturprogramm kommt, dann hat er wirklich nichts gelernt. Nichts.

(Ich könnte mich den ganzen Tag nur aufregen.)

Säusel-Susi in der U-Bahn

Und du weißt, dass wir gerade Darmkrebsmonat haben, wenn dir in der U-Bahn plötzlich eine sexy Frauenstimme ins Ohr säuselt. Erst denkst du, ‚Susi?‘ Und ‚Kommt jetzt gleich Rudi Carrell die Rolltreppe heruntergefahren?‘ oder ‚Welche Wand soll denn hier nun aufgehen?‘. Und während du dir ausmalst, wo dich der Herzblatt-Hubschrauber diesmal hinbringt, in die Berge oder in die Berge, mit Schnee und lustigem Rumtollen, erfährst du von Susi, dass ich doch mitmachen soll. Bei der Aktion Düsseldorf gegen Darmkrebs. Am 10. März von 10 bis 19 Uhr kann man sich beraten lassen.

Schade, und ich dachte, dass hinter der Wand mein Traummann steht, mit einer Rose zwischen den Zähnen. So ist es Susi, die mich an mein Date mit dem Doktor erinnert. Und an die angeblich zutiefst widerlich schmeckende Flüssigkeit, die mich am Tag davor reinigen soll. Für die gute Sicht. Oder so.

Na, dit wär ja was!

Eigentlich mach ich das ja nicht, Google-Anfragen hier zu Texten verwerten. Aber diesmal: Ich kann einfach nicht anders. Denn als ich las, wonach der Internetnutzer da auf der Suche war, überkam mich meine Neugier. Sollten sie sich wirklich getrennt haben?

Meine Recherchen haben ergeben, dass sie wohl doch noch zusammen sind. Wenn ihr was anderes erfahren habt, lasst es die Welt doch bitte wissen.

(so und jetzt überlasse ich die googlephilie wieder dem herrn sebas.)

Mister M. (2)

Viel mehr als E-Mails, ein paar Kurznachrichten oder einer Nachricht auf dem Anrufbeantworter gab es in den vergangenen Monaten zwischen uns nicht. Er wollte sich mal wieder melden, einfach so, mal hören, wie es so geht. Bei ihm gäbe es nicht viel Neues. Immer noch keinen Job, immer noch keine Frau. Oder immer noch keinen Job, aber gerade die absolute Traumfrau kennengelernt. Nicht nur einmal versuchte er mir klar zu machen, dass er SIE nun endlich gefunden habe. Sie, die Traumfrau, nach der er im Grunde sein gesamtes Leben gesucht hat. SIE, mit der er nun endlich eine Familie gründen wolle. SIE, mit der jetzt alles möglich sei.

Bei genauerem Nachfragen kam immer wieder heraus: Sie hatten sich entweder noch nicht einmal persönlich getroffen (‚die Chemie stimmt einfach, das merkt man schon an den E-Mails‘), oder waren gerade einmal einen Kaffee trinken. Aber in der letzten Zeit war es immer wieder die EINE.

Heute hatte er es wieder einmal geschafft. Ich war mal wieder zuhause, als das Telefon klingelte. Ich nahm ab und kaum hatten wir uns begrüßt, sprudelte es aus ihm heraus. Jetzt und jetzt wirklich, ohne Scheiß, er sei sich sowas von sicher, jetzt habe er endlich die RICHTIGE gefunden. ‚Soso‘, dachte ich nicht nur und hakte nach. Natürlich kannte er sie wieder einmal aus dem Internet (hey, nix gegen Internetbekanntschaften) und natürlich hatten sie sich am Samstag das erste Mal gesehen. Um fünf tranken sie noch Kaffee, um 23 Uhr, so ließ er mich wissen, knutschten sie und was dann noch folgte, muss ich dem interessierten und mit reichlich Fantasie ausgestatteten Leser sicherlich nicht erzählen. Er blieb bis Montag, erzählte er, nicht ohne zu erwähnen, dass er bereits am Freitag sich wieder auf den Weg nach Hannover machen werde. Diesmal dachte ich nur ‚Hannover, auch das noch‘ und ließ mir des Weiteren berichten, dass er schon bald bei ihr einziehen werde. Dass sie Kinder haben wollen, Heirat nicht ausgeschlossen.

Er ließ sich nicht davon abbringen. Mahnende Worte, die die Frage thematisieren, wie man denn innerhalb von knapp 48 Stunden all diese Themen schon angesprochen haben kann, wenn man doch gerade einmal die Körper aneinander gewöhnt, blockte er ab. Fragen, was ihn denn so sicher mache, was ihn dazu bewegte, auch noch gleich bei ihm einzuziehen, versandeten. SIE ist ES. Keine Frage.

Während er schwärmte, dachte ich nach. Darüber, wann ich das letzte Mal nach nur 48 Stunden sagen konnte, dass das jetzt ein Mann für mehr war. Darüber, ob ich einfach nicht in der Lage bin, an die große Liebe zu glauben. An diesen Blitz, der einfach nur einschlägt, mitten ins Herz trifft und dich verwandelt. In einen hoffnungslosen Romantiker, der daran glaubt, dass es das jetzt gewesen ist. Die Zukunft, die niemals endet.

Während ich darüber grübelte, fragte er mich plötzlich, ob ich dann, wenn der Nachwuchs da ist, nicht die Patenschaft übernehmen wolle. Ich schluckte. Ich? ‚Nein, bloß nicht‘, dachte ich und verneinte einsilbig.

Begründen musste ich meine Ablehnung nicht. Er akzeptierte schweigend. Und wieder einmal konnte ich auf meiner Liste der vielen Gründe gegen eine Liaison mit diesem Mann einen Punkt ergänzen.