Bettina Röhls „Die RAF hat euch lieb“

Ich habe gerade in einem ziemlichen Eiltempo „Die RAF hat euch lieb“ von Bettina Röhl gelesen, was zum einen daran liegt, dass ich hier gestern fußbedingt ein Totalausfall war und die Wanderung schwänzen musste. Zum anderen hat mich die Geschichte ziemlich gefesselt.

Bettina Röhl hat jahrelang, ich gehe davon aus, dass es gar Jahrzehnte waren, recherchiert, um einen Teil ihrer Lebensgeschichte aufzuschreiben: Die Kindheit mit ihren Journalisteneltern, mit einer Mutter, die nach Scheidung, 68er Revolte und Umzug nach Berlin zu einer Terroristin wurde. Eine Terroristin, die in vielen gesellschaftlichen Gruppen mindestens Sympathien weckte.?

Ich kenne diese Phase Deutschlands nur aus Erzählungen, Geschichtsbüchern, Filmen und den Einblick, den Bettina Röhl in diese Jahre gibt, ist schon ziemlich einmalig. Sie zitiert aus unzähligen Interviews mit Zeitzeugen, die sie über die Jahr geführt hat, versucht immer wieder Distanz zu ihren Eltern zu wahren, was nur teilweise gelingt. Sie ordnet ein, manchmal sicherlich etwas wirr, aber man kann sehr gut nachvollziehen, wie anstrengend das Leben mit dieser Mutter, aber auch mit diesem Vater war, der daran beteiligt war, den Mythos Ulrike Meinhof aufzubauen.? Wie viele Menschen des heutigen politischen und journalistischen Geschehens eine Rolle spielten. Von vielen wusste man, Schily, Ströbele, Aust, Augstein, aber auch Bissinger, Dittfurth, Enzensberger und wie sie alle hießen. Johannes Raus Äußerungen zu Ulrike Meinhof lassen tief blicken. Selbst FDP-Mann Dirk Niebel hat eine Nebenrolle, durfte er den zehnten Geburtstag von Bettina und Regine Röhl mitfeiern.?

Was hat so viele Menschen an der Person Ulrike Meinhof fasziniert? Das ist für mich nach diesem Buch nur schwer nachzuvollziehen. Sicher, das mag an der Autorin liegen, die hier nicht objektiv sein kann, sein will, aber dennoch einen großen Beitrag zur Entmystifizierung der Person Ulrike Meinhof leistet. Krass: Welche Rolle die Medien gespielt haben. Als direkte und indirekte Finanzierer, Unterschlupfgewährer, offene Sympathisanten. Laut den Briefen zwischen Meinhof und ihrem Anwalt war der Stern Anfang der 70er Jahre bereit, mehr als 40.000 DM für ein Interview mit drei inhaftierten Terroristinnen und Terroristen zu bezahlen. Terroristen, die mehrere Menschen auf dem Gewissen hatten und sich das Recht vorbehielten, die Veröffentlichung des Interviews am Ende sogar doch noch zu stoppen. Alle großen Medien sorgten für den Rummel, der der RAF am Ende nur nützte.?

Wie kann eine Mutter die eigenen Kinder so sehr der politischen Sache unterordnen? Nicht nur, dass die siebenjährigen Kinder monatelang mehr oder weniger auf allein gestellt, in Italien in einem Barackendorf für Erdbebenflüchtlinge leben und am Ende eigentlich in ein palästinensisches Flüchtlingslager gebracht werden sollen. Als Ulrike Meinhof nach Ewigkeiten und einem ewigen juristischen Hin und Her (selbstverschuldet) ihre Kinder wieder sehen kann, schreibt sie ihnen eine Brief, in dem sie nicht etwa ihre Liebe beteuert, sondern lapidar „Die RAF hat euch lieb“ unterzeichnet.?

Überraschend, wie viele Themen von damals immer noch aktuell sind: die Rolle der Frau, die Rolle der Medien, des Staates, Antisemitismus usw.?

Welche Fragen für mich als viel zu junges Ossikind immer noch ungeklärt sind – auch nach diesem Buch: Warum war Terrorismus in vielen Gesellschaftsschichten und vor allem unter Menschen, die in den vergangenen Jahren unserer Regierung angehörten, ok? Und auch wenn die nächste Frage im Grunde zum Teil durch die erste Frage beantwortet werden kann: Warum konnten diese Menschen so lange unentdeckt durch Deutschland und Europa reisen? War Polizei und Justiz so überfordert oder gab es dort ebensoviele Sympathisanten? Wieso hat niemand ernsthaft nach zwei Kindern gesucht, die nach Italien gebracht worden sind und dort alleine wegen Haar- und Hautfarbe herausstechen mussten??

Dennoch: 50 Jahre nach 1968 hatte ich durch Röhls Buch die Gelegenheit in diese Zeit abzutauchen. Und es wird nicht das letzte Buch sein, dass ich zu dieser Epoche lesen werde.?

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Meine große Liebe zu leuchtenden Augen

Die Digitalisierung erfordert von uns allen ein großes Maß an Veränderung. Die einen spüren diese bereits, andere ahnen nur, was da auf sie zukommt. In den vergangenen Tagen habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die diese Veränderungen vorantreiben.

In Berlin habe ich die Gelegenheit gehabt (Danke an meinen treuen Newsletter-Leser Sven!) einen Blick in das Porsche Digital Lab zu werfen. Beeindruckend allein der Weg dorthin: Denn das Spreeufer hinter der Oberbaumbrücke hat sich mittlerweile zu einem richtigen Vordenkerstandort entwickelt. Im Porsche Digital Lab wird ganz grob daran gearbeitet, interne Prozesse zu vereinfachen. Das können zum Beispiel Dinge sein, die die Produktion der Fahrzeuge vereinfachen – mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und Co. Für Porsche und manchmal sogar darüber hinaus.

Ein paar Tage später traf ich mich mit einem jungen Mann, der die Düsseldorfer Innenstadtlogistik revolutionieren will – wie genau, das werde ich in der nächsten Ausgabe von VIVID beschreiben.

Und dann war da noch der Mobilitätsexperte von den Stadtwerken Düsseldorf, der über neue Formen der Fortbewegung nachdenkt und ganz nebenbei die Düsseldorfer mit Eddy, einem Elektroroller, an die Elektromobilität heranführt. Und wenn man mal darauf achtet, hat sich der Roller schon ganz schön durchgesetzt.

Was all diese Menschen gemein haben? Sie brennen für ihre Ideen, hatten dieses Glitzern in den Augen, als sie von ihren Visionen berichteten. Es gibt nämlich ganz schön viele Menschen – auch unter Unternehmern – die Dinge vorantreiben, die Welt ein kleines bisschen besser machen wollen. Das tut gut. Denn das Treiben in einigen sozialen Netzwerken vermittelt doch manchmal den Eindruck, dass es eine Vielzahl von Menschen gibt, die ein größeres Interesse daran haben, die Welt eher schlechter zu machen.

Meine Podcastempfehlungen für den Sommer

Ein Teil meines Newsletters (Donnerstag nächste Ausgabe!) sind ja immer Dinge aus dem Netz, die ich gerne gelesen, gehört oder geschaut habe. In letzter Zeit waren oft Podcasts dabei. Und deshalb jetzt mal auch hier im Blog: meine Empfehlungen für den Sommer. Wenn ihr faul am Strand liegt, auf dem Balkon ein Glas Weißwein schlürft oder mit der Gondelbahn den Berg erklimmt (das werde ich tun bald tun!).

1. Hotel Matze. Derzeit mein allerallerliebster Podcast. Und ich weiß gar nicht, welche Folge ich euch für den Einstieg empfehlen soll. Matze Hielscher hat immer einen Gast, plaudert über dies und das und am Ende hat man einen ziemlich guten Eindruck über diese Person und freut sich, bei einem sehr angenehmen Gespräch dabei gewesen zu sein (Und ich bewundere jedes Mal, wie Matze Hielscher durch geschickte Fragen bisher jeden Gast ins Plaudern gebracht hat, ohne das er groß reingeht.) Ihr macht nichts falsch, gleich mit Paul Ripke einzusteigen oder mit Klaas oder Franziska von Hardenberg oder Fynn Kliemann oder Philipp Westermeyer oder Kim Frank oder Micky Beisenherz oderoderoder. Ihr seht – kann man alles hören!

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2. Einer der besten Podcasts – ihr ahnt es – ist natürlich der Podcast der Online Marketing Rockstars. Der ist richtig gut, hamburgisch und perfekt geeignet für lange Sommerabende. Als ich am Wochenende viel Zeit am Düsseldorfer und Berliner Flughafen verbrachte, habe ich die Ausgabe mit Lars Hinrichs gehört und viel darüber gelernt, wie der Mann tickt und was er eigentlich vor OpenBC und Xing gemacht hat. Und die Ausgabe mit Matthias Schrader, Agenturgründer und einer der Männer, die das Thema „Content Marketing“ in Deutschland geprägt haben. Viel gelernt. Aber ihr könnt auch die Folge mit Kai Diekmann hören. Oder oder oder. Ihr werdet immer was lernen. Versprochen.

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3. Kara Swisher, die Queen of Tech-Journalismus hat natürlich einen Podcast und ich würde mich wünschen, dass ich mir öfter Zeit nehmen würde, ihn zu hören. Aber immer wenn ich es getan habe, war es ein Erlebnis. Kara Swisher ist einfach eine sehr gute, kritisch fragende Journalistin, die aus den Gesprächen mit ihren Gästen sehr viel herausholen kann. „Recode Decode“ heißt das Baby und sie hat es geschafft, Mark Zuckerberg vors Mikrofon zu bekommen. Allein das.

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4. Talkomat. Das ist ein Spotify-Format, bei dem immer zwei Gäste aufeinander treffen, die nix miteinander zu tun haben, sich im besten Fall nicht kennen und dann von einer weiblichen Computerstimme vorgegeben bekommen, worüber sie reden sollen. Ich mochte die Begegnung von Casper und Jürgen von der Lippe, Arnim von den Beatsteaks und Christine Westermann. Da hat man so richtig gemerkt, was für ein Profi Christine Westermann doch einfach auch ist: Keine Ahnung vom Gegenüber haben und trotzdem ein Gespräch so wuppen, dass der Gast gut rüberkommt und sie auch.

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5. Klassiker, I know, aber sei es drum: Fest & Flauschig muss auf die Liste! Hier bekommt ihr Unterhaltung, Quatsch, Inspiration (Wenn ich mal Zeit haben sollte, kaufe ich mir das Lego-Set mit dem Riesenrad), Musikempfehlungen und ab und zu ein paar coole Gäste. Lohnt sich auch nach all den Jahren noch. Nachen zwar auch bis September Sommerpause, aber hey, die haben drei Jahre Content draußen! Und nur wegen Jan und Oli habe ich mir das Hörbuch von Mike Krüger angehört, das hiermit eine weitere versteckte Urlaubshörempfehlung ist.

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Bonusrunde! Ich habe nämlich auch noch eine Liste mit Podcasts, die ich selbst unbedingt mal hören wollte, bisher aber noch nicht dazu gekommen bin. Weiter geht es also:

6. „Du empfiehlst in deinem Newsletter Podcasts, warum denn nicht auch unseren?“, fragte mich Thomas letztens und natürlich würde ich seinen Podcast mit dem tollen Namen „Völlerei & Leberschmerz“ gerne empfehlen, weil allein die Protagonisten alle super sind, aber keine Empfehlung, ohne vorher mal reingehört zu haben. Also hier schon mal der Link zur ersten Ausgabe. Und vielleicht dann irgendwann auch nochmal an anderer Stelle. Hier geht es zu „Völlerei & Leberschmerz“.

7. Pia Frey, die Gründerin von Opinary, ist vor ein paar Wochen ebenfalls unter die Podcaster gegangen – bei den Online Marketing Rockstars und spricht dort über und mit Medienmachern. Und da Pia ja ne tolle Frau ist, müsste ich da auf jeden Fall mal reinhören. Hier geht’s zu OMR Media.

8. „On the way to new work“ heißt der Podcast von Michael Trautmann und Christoph Magnussen und auch über den hört man nur Gutes! Also könnten wir doch einfach mal gemeinsam reinhören, wie das mit der neuen Arbeit so funktioniert?

9. Ja und auch für den Rolemodels-Podcast sollte ich mir demnächst mal richtig viel Zeit nehmen. Ich habe wegen der Goldenen Blogger nur mal kurz reingeschnuppert, aber so richtig drauf eingelassen habe ich mich noch nicht. Dabei verspricht er jede Menge gute Geschichten von guten Frauen.

10. Welcher Podcast fehlt in der Liste? Ich würd mich freuen, wenn du ihn in den Kommentaren ergänzt.

Das war’s dann, alte Garde!

Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner hat dem Branchendienst „Meedia“ ein Interview gegeben, das in vielerlei Hinsicht beachtet werden sollte. Aus langweiligen Gründen: Weil es ihm gelingt, ziemlich unwidersprochen für das europäische Leistungsrecht zu werben und die ewig anstrengenden Thesen zu wiederholen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinem Textangebot zur schwierigen Lage der Verlage, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, beigetragen habe. Oder das ewige Argument, dass man Texte von Verlagen über Google, Facebook oder einen Aggregator kostenlos lesen könne? Meist, weil die Verlage ihre Inhalte dort einstellen, aber ich sehe mal über dieses Bullshitbingo hinweg.

Aber Döpfner wär nicht Döpfner, wenn er in dem Interview nicht auch einige sehr bemerkenswerte Dinge sagen würde. Zum Beispiel übt er harsche Kritik an der Zunft der Politikjournalisten, er lässt kein gutes Wort über das politische Berlin mit seinen Worthülsen und dem Hang, Politik für sich selbst zu betreiben. Mein Lieblingssatz aus dem Interview hat es ja sogar in die Überschrift geschafft und lautet: „Die alte Garde ist am Ende – und zwar überall.“

Doch was kommt danach? Auch dazu äußert sich Döpfner: „Die Leute haben darauf keine Lust mehr und suchen nach einem anderen Typus. Wenn es gut geht, sind es Leute, die ohne extremistisches, nationalistisches oder populistisches Gedankengut auskommen. Wenn es schlecht geht, wackelt die Demokratie.“ Wie sehr es andernorts bereits wackelt, liest man täglich. Dass Deutschland verschont bleibt? Ich mag es kaum glauben.

Offenlegung 1: Mein Mann arbeitet bei „Meedia“, hatte meines Wissens aber nichts mit der Entstehung des Interviews zu tun.

Offenlegung 2: Einer meiner Auftraggeber ist derzeit der WDR aka Teil des öffentlichen Rundfunks. Dieser Umstand hat meine Meinungsbildung zu diesem Artikel nicht beeinflusst.

Offenlegung 3: Dieser Text stammt aus meinem Newsletter, den ihr hier abonnieren könnt

Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?

Ich lese wirklich gerne und rede auch gerne darüber. Gutes Smalltalk-Thema, besonders bei Konferenzen, bei denen man kaum eine Person kennt. Und da ich am Abend des Konferenztages noch zur Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Lesung gehen wollte, sprachen wir darüber und über „Panikherz“ und besagter Herr empfahl mir „Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?“ von Timo Blunck (Achtung, Affiliate-Link!). Was für ein Titel, aber so sind sie halt die Autoren, Sex sells und so, dachte ich noch. Weil das Gespräch sehr angenehm und es auch sonst ein paar Übereinstimmungen im Buchgeschmack gab, kaufte ich mir das Buch und begann einige Wochen später darin zu lesen. Um es kurz zu machen: Ich habe auf Seite 118 beschlossen, das Buch nicht weiterzulesen, die Sex-Phantasien des Protagonisten nerven mich und ich überlege nun, ob das Buch wirklich eine Empfehlung war oder ob ich da einen Flirt verpasst habe. Ich bin aus dem Business ja irgendwie raus.

(Nehme ernstgemeinte Hinweise entgegen, sollte es sich lohnen, noch ein wenig durchzuhalten. Bitte aber um gute Begründung!)

VIVID No. 2 ist da!

Wer mir auf meinen Social-Media-Kanälen folgt, wird es schon bemerkt haben: Die zweite Ausgabe von VIVID ist fertig. VIVID? Ja, das ist das Düsseldorfer Wirtschaftsmagazin, das ich in den vergangenen sechs Monaten als Chefredakteurin unterstützt habe. Was und wer treibt die Düsseldorfer Wirtschaft an – diese Geschichten erzählt VIVID.

Wie schafft man es eigentlich permanent innovativ zu sein? Sich ständig neu zu erfinden? Und wer ist wirklich innovativ? Diesen Fragen sind wir in der zweiten Ausgabe in unserem Schwerpunktthema nachgegangen. Meine Lieblingsgeschichte: die über 3M. Ist es nicht faszinierend, dass ein Unternehmen rund 35 Prozent seines Umsatzes mit Produkten macht, die weniger als fünf Jahre alt sind. Was in diesem Unternehmen für eine Innovationskraft und Treffsicherheit steckt! Und trotzdem verbinden die meisten mit 3M nur die Post-Its.

Doch auch die Ansichten von Christopher Peterka sind höchst spannend. Er hat die Glaskugel herausgeholt und ein paar steile Thesen geliefert, wie wir in zehn Jahren leben werden. Die gute Nachricht: Wir werden weniger arbeiten. Die schlechte: Deutschland wird als eines der letzten Länder noch Bargeld haben.

Ich finde auch dieses Mal haben wir viele tolle Geschichten aus der Düsseldorfer Wirtschaft ausgegraben. ein Porträt über Füchschen-Chef Peter König, die Geschichte über die Start-up-Offensive von QVC und die Antwort auf die Frage, wie der Breidenbacher Hof eigentlich zum Wahrzeichen von Düsseldorf wurde. Ich selbst habe über Blockchain geschrieben und Rainer Kunst und Alexander Saul von Vodafone beim Joggen begleitet. Wie schon beim letzten Mal freuen wir – das gesamte Team – uns über Feedback und Anregungen. Die Anregungen werde ich dann an Britt Wandhöfer weitergeben, die die Chefredaktion übernommen hat, da ich mich – wie von vornherein geplant – nun wieder anderen, digitalen Projekten zuwenden werde.

Mein Fazit: Das VIVID-Team ist super. Grüne Wiesen sind super. Und drittens: Tot ist diese Form von Print noch lange nicht.

Die „Zielgruppe“ ist kein Buzzword

(Dieser Text ist ein kleiner Teil meines Newsletters, der derzeit recht regelmäßig erscheint. Hier kannst du dich anmelden)

Ich bereite gerade ein zweieinhalbtägiges Seminar zum Thema „Digitale Kommunikation“ vor und plane dabei – damit sich das Wissen am Ende des Seminars nochmal ordentlich setzt – mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern „Buzzword-Tabu“ zu spielen. Dazu habe ich über Twitter und Facebook aufgerufen, mir beliebte Buzzwords zu schicken – ein Segen. Innerhalb kürzester Zeit hagelte es wunderbare Begriffe wie Influencer, Snackable Content, Skalieren und Co. Als ich dann den Satz „Wer ist unsere Zielgruppe?“ las, wurde ich kurz stutzig. Ist die Frage nach der Zielgruppe, bereits buzzwordig? Ist sie nicht eigentlich essentiell, wenn es um jede Strategie- oder Produktentwicklung geht? Für wen machen wir das eigentlich und brauchen die das überhaupt? Wenn sich diese Frage der eine oder andere Produktmanager in den vergangenen Jahren öfter mal ernsthaft gefragt hätte – es hätte viele Smartphone- und iPad-Apps mit Medieninhalten nicht gegeben. Aber das nur am Rande.

Auf einer langen Autofahrt hörte ich am Mittwoch die Hotel-Matze-Folge mit Micky Beisenherz. Der erzählte von seinen zahlreichen Projekten: den Kolumnen für den Stern, seine Autorenarbeit beim Dschungelcamp, für Oliver Polak und diverse TV-Sendungen und Matze Hielscher fragt, wie er es eigentlich schafft, über Jahre hinweg Autor für so viele unterschiedliche Projekte zu sein und dennoch gefragt zu bleiben. Und Micky Beisenherz sagte so was wie: ‚Ich überlege genau, für wen ich das eigentlich schreibe‘. Beim Print-Stern sei die Zielgruppe weiblicher, bei online gemischt, Polaks Publikum möge es ein wenig heftiger und so weiter.

In diesem Zusammenhang zitiere ich auch regelmäßig Kurt Tucholsky: „Wer auf andere Leute wirken will, der muss erst einmal in ihrer Sprache mit ihnen reden.“ Nein, Zielgruppe ist kein Buzzword. Sorry, Leute.

Testament der Angst

(Dieser Text war Teil meines Newsletters, den du hier abonnieren kannst)

Eigentlich ist Angst ja eine ziemlich gute Sache. Sie schärft unsere Sinne, aktiviert unsere Kräfte und leitet ein der Gefahrensituation angemessenes Verhalten ein. Jeder von uns hat Ängste, kleine wie große. Allerdings funktioniert das mit dem Aktivieren nur, wenn nicht die Angst selbst das Handeln blockiert oder zu wenig Angst reale Gefahren ausblendet. Die Angst vor dem Fremden scheint derzeit in bestimmten Bevölkerungsschichten recht stark ausgeprägt zu sein. Geschichten des positiven Zusammenlebens werden ausgeblendet und es besteht keine Chance, dass diese auch für das eigene Leben gelten könnten – die Angst blockiert die Sicht auf die positiven Dinge, die Sicht auf die Möglichkeit, konstruktiv zu gestalten als nur blockierend rumzumotzen.

Der Grund für meine Philosophierei: Ich war in dieser Woche Teil einer Diskussion über die Gegenwart und Zukunft: Eigentlich sollte es darum gehen, was sich Leser von ihrem Regionalverlag wünschen, die Diskussion blieb aber irgendwann bei der Frage stecken, wie viel Datensammeln eigentlich in Ordnung geht und welche Regeln in diesem Business vielleicht gelten müssten oder ob es vielleicht doch alles ganz egal ist so lange der Nutzen aus der Herausgabe meiner Daten groß genug ist. Stichwort: Whatsapp und Co. „Ich möchte das nicht, dass ich manipuliert werde“, sagt eine Frau, Mitte 60, bei einer Diskussion und war so erregt, dass sie zwischenzeitlich den Raum verließ, um ein bisschen runterzukommen. Denn emotional ist diese Diskussion allemal. Nicht erst seitdem man aus China hört, dass dort bereits mit Social-Scoring-Modellen experimentiert wird: Wer sich (regierungs-) konform verhält, kann Bonuspunkte sammeln, wer gegen die auferlegten Regeln verstößt, dem droht Punktabzug.
Wie krass getrennt unsere Gesellschaft schon jetzt ist – auf der einen Seite die Digitalisierungsbegeisterten und auf der anderen Seite die -Verweigerer – ist mir an diesem Nachmittag mal wieder aufgefallen. Ich vergesse das immer wieder, denn natürlich bewege ich mich vor allem in Kreisen, in denen die Chancen der Digitalisierung im Fokus stehen. Und auch wenn es oft aufwühlend ist, ich glaube, dass diese Diskussionen trotz aller verhärteten Fronten ein bisschen was bringen. Auf der einen Seite mehr Verständnis, auf eben diese Ängste einzugehen, und auf der anderen Seite die Hoffnung, dass man die Ängstlichen zumindest ein kleines Bisschen bewegen kann, auch über ihren Tellerrand hinweg zu denken.

Und ja: Wir reden noch immer viel zu selten, in großen wie kleinen Runden, ob virtuell oder face-to-face. Denn der Bedarf an Austausch ist auf jeden Fall vorhanden, das merke ich auch immer an den Seminaren und Workshops, die ich in den vergangenen Monaten gegeben habe. Wer sich für „Storytelling mit Instagram Stories“ anmeldet, will oft noch viel mehr als nur dieses Thema: verstehen, wie Dinge funktionieren, ausprobieren, Mechanismen begreifen, Hypes nachvollziehen und Fragen stellen, ohne verurteilt zu werden. Könnten Journalisten dabei nicht grundsätzlich eine viel stärkere Rolle spielen?

Ein bisschen pöbeln übers Pöbeln

(Dieser Text war auch Teil meines fast wöchentlichen Newsletters, für den du dich hier anmelden kannst)

Leider würde ich gerne gerade nur herumpöbeln. Das ist ein bisschen schwierig, denn der Hauptgrund für diese Pöbellust ist, dass in meinem digitalen Umfeld gerade gepöbelt wird. Oft natürlich zu recht: Eine Frau wird dafür angegriffen, das ssie WM-Spiele kommentiert. Die einzige Hündin Sky bei Paw Patrol spielt meist nur eine Statistenrolle. Im EU-Rechtsausschuss werden eklatante Eingriffe in das freie Internet vorbereitet. („EU stimmt für Uploadfilter“) Darüber regen sich wiederum zu recht viele Menschen in meiner Internetblase auf, sie schaffen es aber nicht, die Konsequenzen eines so genannten Uploadfilters (Bis auf ein paar Ausnahmen) so zu erklären, dass auch nicht ganz so digitale Menschen sie verstehen. Stattdessen wird davon gesprochen, dass die Meme-Kultur gefährdet sei. Und ob nun wirklich lustige Katzenbilder gerettet werden müssen, da kann ich leider sogar ein bisschen verstehen, dass sich da einige Politiker abwenden und ihr Händchen heben. Nicht zu vergessen: Ein US-Präsident mischt sich mit Tweets nicht nur in die Politik anderer Länder ein, er betreibt an seiner Außengrenze auch noch eine unmenschliche Politik, indem er Kinder von ihren Eltern trennt und in Käfige sperrt. Bonustrack: sich angiftende Politiker, Lügen, die zum einen mit Vehemenz verbreitet und mit der gleichen Vehemenz mit Worten bekämpft werden, allerdings dadurch noch mehr Resonanz bekommen. Du merkst, wir befinden uns in einem sich selbst verstärkenden Teufelskreis und ich möchte mir gar nicht ausmalen, wo das alles hinführt. In nicht ganz so optimistischen Phasen verweise ich auf das, was die Popsängerin Lily Allen gestern twitterte:

Meistens jedoch klicke ich dann erst einmal woanders hin, denn natürlich gibt es auch noch die schönen Seiten in diesem Internet. Da wird Brot gebacken, sich am Kindeswohl ergötzt oder Breitband verlegt. Oh wait.

Meine Chefin und ich

Ich bin ganz glücklich, gerade mein eigene Chefin zu sein und viele Dinge nur mit mir abstimmen zu müssen. „Lassen wir die Mittagspause heute ausfallen oder lieber nicht?“ – „Och, lass mal durcharbeiten, dann gehst du heute Abend mal nicht mehr an den Rechner.“ – „Na gut.“ Oder: „Willst du diesen Auftrag wirklich machen?“ – „Eigentlich mache ich sowas ja nicht, aber mit diesem Kunden wollte ich schon immer mal arbeiten.“ – „Ok, dann mach ich’s.“ Sehr effektive Abstimmungsrunden sind das mit mir und das kann ich wirklich jedem nur empfehlen.

Das führte dazu, dass mir meine innere Chefin ein paar Inspirationstermine in den Kalender gesetzt hat. Neben all den Deadlines, aber da ich nun mal auf meine Chefin höre, war ich am Dienstag beim Parlamentsgespräch im nordrhein-westfälischen Landtag, um einer Diskussionsrunde über „Medien und Demokratie“ beizuwohnen. Es ging um den Anschlag in Münster, wie die Polizeit kommunizierte und gegen Ende dann doch auch um das große Ganze und wie Medien sich denn so verändern müssten und so weiter. Eine durchaus gute Diskussion, auch wenn ich immer wieder hin und hergerissen. Einerseits war ich da in der Rolle der Zuschauerin, die unterhalten werden wollte. Andererseits die professionelle Beobachterin, die zu verstehen versuchte, wie Dunja Hayjali sich ganz natürlich in den Mittelpunkt der Diskussionsrunde brachte.

Nicht viel unspannender war das Verhalten der Moderatorin Anne Gesthuysen, bekannt aus Funk und Fernsehen, liiert mit Frank Plasberg. Sie überspielte recht charmant, dass mittendrin plötzlich ihr Smartphone klingelte. Leider war ich die letzten 20 Minuten damit beschäftigt zu überlegen, ob sie das Blatt mit ihrem neuen Buchcover wirklich unbewusst geschlagene zehn Minuten dem Publikum präsentierte oder ob es wirklich keinen anderen Zettel im Haushalt gab, um sich die letzten Fragen für ihre Moderation zu notieren.

Inspirationstermin Nummer zwei war #Leandus bei Sipgate mit Michael Rossié, der wahnsinnig unterhaltsam über Kommunikation sprach und dem ich fasziniert dabei zuschaute, wie er innerhalb weniger Sekunden den ganzen Saal für sich eingenommen hatte. Ich habe nicht einmal brauchbare Fotos gemacht.

Punkt 3 in meinem Terminkalender war die Live-Performance von Hazel Brugger und Thomas Spitzer zu ihrer Internetshow, was wahnsinnig unterhaltsam war und ich so auch erfuhr, dass die beiden eine Internetshow haben, die ich nun sicherlich mal schauen werde. Bei der Gelegenheit lernte ich auch noch eine tolle Frau kennen, die meine Begleitung für den Abend war, ein Blinddate quasi. Kann ich auch nur empfehlen, wenn es ums Inspirieren geht. 

Im nächsten Feedbackgespräch mit meiner Chefin werde ich mich für den Input bedanken und da wir ja wirklich gut zusammenarbeiten und flache Hierarchien groß schreiben und eigenständiges Arbeiten feiern, werde ich im nächsten Sprint im Kalender endlich mal feste Blogzeiten blockieren.

Dieser Text ist eine gekürzte Variante eines Textes aus meinem Newsletter, für den du dich hier anmelden kannst.)