Momentaufnahme

Da sitzen sie. Fünf Männer, zwei Frauen. In einer Runde. Nicht der Ort ihres Zusammentreffens verrät, wer sie sind. Und wie sie sind. Sie starren auf ihre Plastikbecher, mit Kaffee oder magenfreundlicher, Tee gefüllt. Der Schmächtige mit seiner großen Brille drängt dem erfolgreichen Mädchen gegenüber ein Gespräch auf. Sie reagiert: verhalten freundlich. Die andere, verheiratet, Mutter eines Kindes, wirft ein paar Anmerkungen ein. Die anderen sind anderweitig beschäftigt: Sie starren auf ihre Plastikbecher.
Der Witz, den der Mann im Sweatshirt gegenüber macht, kommt mäßig an. Zu sehr sind sie mit ihren Gedanken in ihren Büchern.
Dann endlich: Die Zeit ist um. Erleichtertes Stühlerücken. Schnell werden die Jacken übergezogen. Zurück ins Büro.

Valentinstag?

Ein Tag wie jeder andere. Auch wenn da unten anscheinend ein anderer Eindruck entstanden ist. Viel mehr Sorgen mache ich mir über meine Hand, die ich, wie sollte es anders sein, am Freitag, den 13. verletzte. Es ist zwar heute schon besser geworden, so dass ich in der Lage war, den Frühstückslöffel zu halten. Zumindest für kurze Zeit. Doch an die Reintegration der Hand in meinen Alltag ist noch lange nicht zu denken.
Lacht ihr nur, aber denkt mal drüber nach, wie schwierig es ist, als Rechthänder mit der linken Käse zu schneiden, aufs Klo zu gehen, Zähne zu putzen, …
Der wahre Horror steht mir heute noch bevor, wollte ich doch eigentlich einen Kasten Wasser kaufen. Nur wie? Mit einer Hand tragen? (Hab ich noch nie geschafft) Und so wird es wohl darauf hinauslaufen, nur ein paar Flaschen für die Wochenendversorgung in den Rucksack zu packen.
Sicher, der geneigte Leser wird jetzt gespannt sein: Wie hat sie das denn hinbekommen? Ein Sportunfall? Ein sexuelles Unglück würde die Geschichte unheimlich dramatisieren und ich hätte vielleicht sogar die Chance, einmal in der großen Zeitung mit den großen Buchstaben zu stehen, aber nein. Es ist viel langweiliger, viel schlimmer.
Die Zeitung würde höchstens mit „Junge Frau fällt Treppe hinunter!“ Im eigenen Hausflur. Weil ihr Handy klingelte. Und das ist wahrlich keine Geschichte wert. Es sei denn, ich wäre ein so genannter Promi. Und daran arbeite ich ja noch…
Und für alle, die meinen, dass ich jetzt abergläubisch geworden bin – der Eindruck trügt. Aber wenn ihr demnächst eine blonde Frau vor der schwarzen Katze davon rennen seht, dann wisst ihr: Das bin ich.

Mein Valentinstag 2003

Mann kann nicht sagen, dass ich frustriert war, ein glücklicher Single zu sein und allein durch die Welt zu wandern, aber manchmal wurde das Leben zur Hölle.

Wie eigentlich immer, begann der Tag mit einem Morgen. „Allein einsteigen – gemeinsam abfahren“ die neue Aktion der BVG strahlte mir auf dem U-Bahnhof entgegen. Das war doch mal was anderes. Endlich wurde das U-Bahnfahren zu einem Erlebnis.

Aber ich war offen für Neues und schaute mir die Aktion an. Gesagt, getan, und schon saß ich im besagten Flirtwagen, der zweite in Fahrtrichtung. Strahlende Augen blitzten mir entgegen, knackige Kerle und – Pustekuchen: Damen in den 50ern mit gut frisierter Dauerwelle, unscheinbare Männer Ende 50 – dazu sollte auch ich gehören? Eine Frau mit braunem Parker musterte beim Aussteigen am nächsten Bahnhof kritisch die vielen Flyer.

Und da stieg er ein – mein Traummann. Setzte sich neben mich, doch wie sich herausstellt: Penner, Anfang 60, öffnete seine Bierdose und eine undefinierbare Duftmischung kam mir entgegen. Außerdem schien er ein Problem mit seiner Lunge zu haben. Bei jedem Atemzug pfiff es lautstark neben mir.

Ich musste hier raus! Gut.

Wenig später bei der Arbeit angekommen – ein kleiner Blumenstrauß empfing mich. Doch er war natürlich für die Kollegin bestimmt, die aber leider krank war. Voller Neid starrten alle Kolleginnen, die an diesem Tag an diesem Tisch vorbeigingen. Wenn sie nur gewusst hätte, was sie all den einsamen Herzen in dieser Redaktion damit antat.

Am Ende des Tages erreichte mich einer SMS. „Hab von IHM einen Blumenstrauß bekommen. Musste erstmal heulen und kann ihn gar nicht erreichen“. Wollen einsame Single-Herzen DAS wirklich wissen? Diese Gefühlsregungen? Schrieb zurück, dass ich das nicht wissen will und schwor mir, an einem Valentinstag nie wieder aus dem Haus zu gehen, keinen Anruf entgegenzunehmen und schon gar nicht Textnachrichten auf meinem Handy zu lesen.

Auf dem Weg nach Hause war dann endlich alles normal. Ich mied die U-Bahn, indem mich ein Kollege mitnahm – puh, der Single-Aktion entwichen, schloss ich die Haustür auf. Und da: In meinem Briefkasten ein Brief. Sah irgendwie handschriftlich aus. Sollte das etwa doch eine nette Nachricht am Ende eines beschissenen Tages sein?

Nein. Einfach nur die Werbung für Charmed-Toilettenpapier. Und so beschloss ich: Auch der Briefkasten wird in Zukunft an solchen Tagen verschlossen bleiben.

Unterhaltungsräume

In der U-Bahn darf man reden. Aber nicht zu laut, wie ich vor einigen Jahren auf dem Weg von der Uni nach Hause lernte. Mit einer Freundin tauschte ich den neuesten Tratsch aus. In normaler Lautstärke, ohne großes Kichern. Bis mich der Blick meines Gegenübers traf. Ein stechender Blick. Vernichtend. Wir schauten uns an. Hielten inne. Sprachen weiter, bis sie uns in einer Lautstärke zurechtwies, die im gesamten Wagen zu hören war. Ob wir nicht endlich still sein könnten. Zum Glück waren wir bereits angekommen.
Reden, unterhalten, lästern. Wie gesagt, fast überall möglich. Auf der Straße, im Café. Tabu jedoch Kinos, Theater und ähnliche abgeschlossene Räume, die man doch aufsucht, damit man andere reden hört.
Ebenso Fitnessstudios. Erntet man doch böse Blicke, wenn man auf der Matte zwischen den Bauchübungen redet und (lauthals) kichert oder sich beim Umziehen über die (eigene) Figur lustig macht. Und schon gar nicht in der Sauna. Ruhe ist dort angesagt. Wegen der Entspannung. Das lernte ich gestern. Während zwei Personen weiblichen Geschlechts flüsternd miteinander kommunizierten, ertönte plötzlich von der obersten Bank eine laute Stimme: „Das ist eine Sauna und kein Unterhaltungsraum!“ Danke. Danke. Danke. Fürs Klarstellen. Ehrlich.

Frühstücken

Anstatt zuhause zu frühstücken, mit der Ruhe, die man am Morgen braucht, geht man hinaus. In die Menge mit all den Hintergrundgeräuschen. In das kleine Cafe an der Ecke. In dem nicht nur sonntags ein großes Buffet gereicht wird. Aber hier gibt’s halt immer so ein Frühstück, wir haben Zeit und sonst nichts zu tun. Mitte-Feeling, obwohl es Prenzlberg ist.
Wer hip ist, trinkt Latte Macchiato. Am liebsten mit braunem Zucker. Oder einen Espresso mit Wasser. Dazu ein frischer Orangensaft. Wegen der Vitamine. Nach der durchzechten Nacht.
Am Nebentisch nervende Amerikanerinnen, die affektiert reden, fast kreischen, und erscheinen, als ob sie ferngesteuert sind. Von einer fremden Macht.
Gegenüber drei weniger hippe Gestalten. Er, mit großer unmodischer Brille, der sich lauthals beschwert. Über alles und jeden.
Kinder. Die ständig herumwuseln, an fremden Stühlen rütteln, um Aufmerksamkeit buhlen. Nicht nur bei den eigenen Eltern.
Wo ist der Knopf, an dem man die Umgebung abstellt? Ruhe? Einfach nur ins Bett. Ins eigene natürlich.

Bettwäsche

Anke hat Bettwäsche gekauft. Und zwar im Zweierset. Eine Angewohnheit, mit der ich bereits vor einiger Zeit begonnen habe. Grund dafür war jedoch nicht die Tatsache, dass ich dem Herrenbesuch ein schön passendes Bettchen kredenzen wollte, sondern die Tatsache, dass ich seit Jahren mit zwei Bettdecken schlafe.
Vielleicht auch eine Single-Angewohnheit, aber da ich auch im Winter gern mit offenen Fenster schlafe und es nun einmal nicht immer die Möglichkeit gibt, eine Wärmflasche in Form eines stattlichen Mannes dabei zu haben, an die man sich bei Bedarf und Kälte ankuscheln kann, müssen es halt zwei Bettdecken sein. Übereinander.
Und da ich, wie mir eine gute Freundin immer wieder unter die Nase reibt, nun einmal ein konservativer Steinbock bin, der ein gewisses Maß an Spießigkeit schätzt, hab ich halt zwei Decken, die meist hübsch zueinander passen.
Verwerfe den Gedanken, jetzt auch noch von meiner Vorliebe für blau-weiß-gestreiften Bettüberzüge – schön passend zu meinen Vorhängen – zu schreiben, weil ihr mich dann wohl für völlig durchgeknallt haltet.

Nachbarn

Eigentlich trafen wir uns nie. Höchstens mal zufällig im Hausflur, am Briefkasten oder bei Müllentleerungen begleitet mit einem kurzen „Hallo“, mehr oder weniger freundlichen Blicken oder jahreszeitbedingten Sätzen wie „Ganz schön glatt“ oder „Ob es wohl mal wieder regnet“. Manchmal traf man den Mann aus dem zweiten Stock auch im nahegelegenden Park beim sonntäglichen Singlespaziergang. Oder die gute Frau aus dem dritten in der Mensa. Rätsel gab sie oft auf, nicht nur, warum man sie gerade dort traf. Ihre Jalousien waren manchmal wochenlang verschlossen, manchmal sah man sie drei Monate nicht. Natürlich war sie es, die manchmal, wenn man selbst die Haustür öffnete, schnell wieder die Tür schloss. Bloß nicht im Flur begegnen.
Vielleicht ist es das, was ich an meinen jetzigen Nachbarn so mag. Ein älteres Ehepaar in den Siebzigern. Herzensgut. Ab und zu verbringen wir einen Abend gemeinsam – Wein trinkend und plaudernd. Sie kümmern sich um Ablesemänner und Paketboten. Wir treffen uns im Hausflur auf einen Plausch, am Briefkasten oder im Supermarkt.
Vielleicht ist es ein wenig eigennützig, aber so sollten Nachbarn sein.

Vergangenes

Als ich vor einiger Zeit erfuhr, dass mein ehemaliger Deutsch- und Religionslehrer von seiner Frau trennt, war ich wirklich verwirrt. Er, der immer und sehr zuverlässig in Sachen Moral unterwegs war, trennt sich? Auch wegen einer anderen? Angeblich einer Thailänderin? Allein dieser Fakt ließ in der 4000-Seelen-Gemeinde viel Raum für Spekulationen. Die es natürlich auch gab.
Mindestens zwei Jahrzehnte waren sie ein Paar, zwei Kinder. Alles kaputt. Belustigt vernahm ich die Nachricht, dass beim Auszug die Kollegen halfen. Die selbst getrennten. Allein lebenden. Und frisch verliebten. Männlich natürlich.
Und nun dieser Tiefschlag. Nach dem Motto: Wenn er, warum nicht auch ich. Wieder ein ehemaliger Lehrer. Wieder zwei Kinder, wieder einer, dem das Statut der Ehe kostbar war und man sich eigentlich sicher sein konnte: Ach Quatsch, der doch nicht. Doch gerade der hat es nun auch getan. Groß verkündet, dass er ausziehen werde.
Ob eine andere dahinter steckt, weiß man noch nicht. Aber bei der Figur mach ich mir keine Sorgen …

Zug fahren. Jedes Mal erwarte ich das Schlimmste. Verspätungen, nervende Kinder, klingelnde Handys, kein Sitzplatz. Obwohl ich mir doch vorgenommen hatte, endlich mit dem Reservieren zu beginnen.
Deshalb versuche ich mich immer für alle Eventualitäten auszustatten. Was zu trinken – große Flasche Wasser und Kaffee. Was zu essen – Brötchen vom Bäcker und ein Leckerli. Was zu lesen – meist Zeitung oder Bücher. Aber nicht eins, nein, es könnte ja sein, dass man keine Lust mehr auf das eine hat und lieber zu dem anderen Exemplar greifen möchte. Was zu schreiben – wenn schon der Rechner nicht mitfährt.
Und Kopfhörer. Die sind wichtig und wirken sowohl gegen mit ältere Herren, die mit IG-Metall-Karten Skat spielen und dazu Veltins aus der Dose trinken, plärrende Kinder (man muss die Musik nur laut genug stellen), telefonierende Unternehmer und streitende Paare.
Und über das Hörangebot der Deutschen Bahn schreibe ich lieber ein anderes Mal…

Sätze, die die Welt bedeuten (2)

„Eine schöne Brust im Gesicht ist nie verkehrt…“